Der Landessportbund NRW ist zentraler Vertreter des gemeinnützig organisierten Sports. Präsident Stefan Klett war zuletzt vor allem als Krisenmanager gefragt, wie er im Interview verrät.

Haltern

, 30.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ob Selm, Werne, Castrop-Rauxel, Ahaus, Haltern am See oder Dortmund - seit seiner Gründung im Jahre 1947 ist der Landessportbund NRW die Dachorganisation und zentraler Vertreter des gemeinnützig organisierten Sports in ganz Nordrhein-Westfalen. Präsident Stefan Klett war in den vergangenen Wochen vor allem als Krisenmanager gefragt. Die Corona-Krise hat ihre Spuren, auch im Sportland NRW, hinterlassen. Im großen Exklusiv-Interview spricht der 53-Jährige über wichtige Entscheidungen und große Herausforderungen für die Zukunft.

Herr Klett, Sie haben Ende Januar beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen die Nachfolge von Walter Schneeloch als Präsident angetreten. Wie sehr hat die Corona-Pandemie zuletzt Ihren Alltag begleitet?

Das Thema hat eindeutig unser Handeln in den vergangenen Wochen bestimmt. Gemeinsam mit dem hauptamtlichen Vorstand waren wir in enger Abstimmung mit der Staatskanzlei und haben unter anderem versucht, die dringlichsten Schwierigkeiten bei den Fachverbänden aufzufangen. In den ersten Monaten meiner Amtszeit war leider oft der Krisenmodus eingeschaltet. Viele persönliche Termine bei Vereinen, Bünden und Verbänden mussten entfallen. Das fängt glücklicherweise nun so langsam wieder an. Wir wollen den Austausch nun nachholen, wenngleich uns das Thema Corona dabei weiter begleiten wird.

Hatten Sie zwischenzeitlich schlaflose Nächte?

Nein, das nicht. Diese Pandemie hat ja unsere gesamte Gesellschaft getroffen. Ob beruflich oder privat muss letztlich jeder lernen, damit umzugehen. Manche Dinge kann man schlichtweg nicht ändern. In solchen Fällen ist lösungsorientiertes Handeln gefragt.

Welche schnellen Lösungen haben Sie als Landessportbund gefunden?

Wir haben umgehend die Kommunikation mit unseren 126 Mitgliedsorganisationen intensiviert. Über unsere wöchentlichen Covid-Informationen konnten wir den Vereinen wertvolle Handlungsempfehlungen in den einzelnen Phasen der Beschränkungen aussprechen. Von Anfang an haben wir uns außerdem bei zuständigen Vertretern der Politik dafür eingesetzt, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen bei den Vereinen durch ein Programm der Staatskanzlei aufgefangen werden. Mit der angeordneten Einstellung des Übungsbetriebs haben zudem tausende Übungsleiter und Übungsleiterinnen in den Vereinen ihre Tätigkeit auf Eis legen müssen. Das Land hat auf unser Bestreben die Finanzmittel für die Förderung der Übungsarbeit in Sportvereinen in diesem Jahr um drei Millionen auf insgesamt 10,56 Millionen Euro aufgestockt. Mittlerweile haben wir dazu über 6 600 Anträge vorliegen, die nun im Juli ausgezahlt werden.

In der Diskussion um die Corona-Krise und deren Auswirkungen rücken kulturelle Themen oft in den Hintergrund. Kommt auch der gesellschaftliche Stellenwert des Sports in der Corona-Krise aus Ihrer Sicht zu kurz?

Ich finde die Frage interessanter, wie sich dieses Bild in Zukunft darstellen wird. Ich bin kein Freund davon, in einen Wettbewerb mit dem Kulturbereich zu treten. Der Sport in NRW kann mit fast 5,1 Millionen Mitgliedern in weit über 18 000 Vereinen sicher selbstbewusst sein. Er lebt nicht nur vom Übungsbetrieb und den Wettkämpfen, sondern vor allem auch vom sozialen Miteinander der Menschen innerhalb der Vereine. Die gesellschaftliche Rolle ist aus meiner Sicht von enormer Bedeutung, insbesondere auch für sozial schwache Familien. Der Sport trägt auf besondere Art und Weise zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen bei. Dies sollte bei allen künftigen Entscheidungen der Politik große Berücksichtigung finden.

Sie haben schon im April prophezeit, dass der Sport in diesem Jahr brach liegen wird. Wie ist Ihr Eindruck von der aktuellen Situation?

Wir sind auf einem hoffnungsvollen Weg. Die Politik hat viele gute Entscheidungen getroffen. Auf einer Skala von 1 bis 10 sind wir jedoch maximal bei 4 angekommen. Es fehlt noch eine ganze Menge, wie zum Beispiel der Wettbewerb in nahezu allen Mannschaftssportarten. Ich hoffe, dass es uns mit den ab Mitte Juli zu erwartenden weiteren Lockerungen gelingt, einen weiteren wichtigen Schritt zu machen.


Welche Herausforderungen sehen Sie speziell für den Mannschaftssport in naher Zukunft?

Organisatorisch stehen unseren Vereinen und Verbänden vermutlich keine leichten Aufgaben bevor. Es wird wohl nicht zu verhindern sein, dass es gebietsweise, wie aktuell im Kreis Gütersloh, zu lokalen oder regionalen Ausbruchsgeschehen kommen kann. Wenn so ein Hot Spot entdeckt wird, und dies zu Einschränkungen führt, dann wird das auch Auswirkungen auf den Wettbewerbsbetrieb haben. Das wird die Planung und Durchführung einer Saison, ob im Fußball, Handball oder Volleyball am Ende vermutlich nicht einfacher machen.


Droht den Vereinen dann zwangsläufig auch ein finanzieller Kollaps?

Nein. Diese Gefahr sehe ich im Moment nicht, sofern wir nach den Sommerferien die Aktivitäten in unseren Sportvereinen weiter erhöhen können und einen annähernd normalen Sportbetrieb hinbekommen. Aktuelle Liquiditätsengpässe konnten durch die „Soforthilfe Sport“ aufgefangen werden. Über vier Millionen wurden über diesen Sondertopf bereits an mehr als 500 Vereine ausgeschüttet. Die Antragsfrist ist bis zum 15. August 2020 verlängert worden. Wir würden uns sicher für eine weitere Verlängerung der Frist einsetzen, wenn dies aufgrund der Entwicklungen erforderlich werden sollte.


Befürchten Sie einen Mitgliederschwund bei den zahlreichen Sportvereinen in NRW?

Mir ist erfreulicherweise bislang kein einziger Fall bekannt, bei dem Mitglieder in größerer Zahl ihren Verein verlassen haben. Vielmehr zeigen sich die Sportlerinnen und Sportler in NRW sehr treu, solidarisch und loyal gegenüber ihren Vereinen. Eine Austrittswelle ist keineswegs erkennbar.

Hat die Corona-Krise aus Ihrer Sicht auch Vorteile und Chancen im Gepäck?

Vor allem im Bereich der Digitalisierung hat sich etwas getan. Die Vereine haben neue Tools für sich entdeckt, Vorstandssitzungen mussten aufgrund der Kontaktbeschränkungen kurzfristig per Videokonferenz abgehalten werden. Die Sensibilität für diesen Bereich wurde in der Corona-Krise sicher geweckt. Unabhängig von den Sorgen, konnten die Vereine auch etwas zur Ruhe kommen und strategische Konzeptionen vorantreiben. In vielen Vereinen ist zudem, gerade bei jüngeren Mitgliedern, die Kreativität geweckt worden, Dinge anders zu machen oder neu auszuprobieren.


Braucht es strategische Reformen im Sportland NRW?

In den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass es hilfreich sein kann, eine gemeinsame Strategie zu verfolgen und ein funktionierendes Netzwerk zu haben. Vielleicht muss sich der Sport untereinander noch besser vernetzen. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Oft sind es die gleichen oder ähnliche Probleme und Herausforderungen, die die Vereine und ihre Vorstände beschäftigen. Wir müssen uns hier noch besser miteinander vernetzen. Auch ein guter Draht zur Politik und den zuständigen Behörden kann hilfreich sein. Hier kann man strategisch sicher noch einiges optimieren.

Welche Themen abseits von Corona brennen Ihnen als Präsident des Landessportbundes derzeit unter den Nägeln?

Ich möchte das Leitbild des Landessportbundes als Dienstleister und Verfechter für den Sport wieder mehr in den Vordergrund rücken. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir mehr als eine Art von Genehmigungsbehörde wahrgenommen werden. Mit der Landesregierung wollen wir den Pakt für den Sport, unsere gemeinsame Zielvereinbarung, über das Jahr 2022 hinaus verlängern, damit unsere finanziellen Mittel gesichert sind und wir Planungssicherheit erhalten. Außerdem möchte ich alles dafür tun, die Menschen in NRW davon zu überzeugen, dass wir uns als Region für die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen 2032 bewerben müssen.

Warum könnte eine solche Ausrichtung ein Gewinn für die Bürger und die Region sein?

Ich habe mich sehr gefreut, dass sich der DOSB bereits auf NRW als einzigen möglichen deutschen Bewerber für das Großereignis festgelegt hat. Das Konzept ökologisch und ökonomisch nachhaltiger Spiele an Rhein und Ruhr hat die Verantwortlichen offenbar überzeugt. Ich bin mir sicher, dass wir auch in der Bevölkerung eine breite Zustimmung zu dem Gedanken der Weltjugendspiele im Sport in NRW bekommen, wenn Fortschritte in den Vereinen erkennbar werden. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat dem Sport bereits Finanzzusagen in dreistelliger Millionenhöhe gemacht – sowohl für die Sportförderung als auch die Sanierung von Sportstätten. Wir können dadurch schon jetzt eine Optimierung unserer Sportstätten ermöglichen, damit insbesondere die Basis, die Vereinsvertreter, die Übungsleiter, die Trainer eine gute Situation haben. Olympische Spiele können ein einmaliger Motor für die gesamte Metropolregion Rhein-Ruhr sein, etwa bei Mobilität, Infrastruktur und Digitalisierung.

Welche Wünsche haben Sie abschließend für die Zukunft des Sports und der Vereine in NRW?

Ich hoffe, dass die große organisierte Sportfamilie, die wir in NRW haben, in dieser herausfordernden Zeit noch enger zusammenrückt. Gemeinsam leisten wir einen enorm wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Ich wünsche uns allen, dass wir gut aus dieser Pandemie herauskommen und der Sport mit seiner großartigen Strahlkraft wieder zunehmend in den Mittelpunkt rückt. Deshalb baue ich auch darauf, dass die Sportvertreter bei den bevorstehenden Kommunalwahlen ihr Kreuzchen machen.

  • Der Landessportbund Nordrhein-Westfalen (LSB NRW) wurde am 6. Mai 1947 in Hagen von 490 Delegierten aus insgesamt 53 Kreis-, Stadt- und Zweckverbänden sowie 18 Fachverbänden des Sports gegründet.
  • Er ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Duisburg und hat seine Geschäftsstelle im Haus des Sports in Duisburg-Wedau.
  • Der LSB ist die größte Personenvereinigung im Bundesland NRW.
  • Er zählt in rund 18.100 Vereinen etwa 5,1 Millionen Mitglieder, davon 1,5 Millionen ehrenamtlich Tätige.
  • Der Landessportbund hat insgesamt 126 Mitgliedsorganisationen: 59 Dach- und Fachverbände des Sports, 54 Stadt- und Kreissportbünde (SSB/KSB) sowie 13 Verbände mit besonderer Aufgabenstellung.
  • Der LSB NRW finanziert sich hauptsächlich aus Mitteln, die ihm aus dem staatlichen Lotteriegeschäft (insbesondere aus dem Spiel 77) zufließen.
  • Außerdem erhält er durch die Zusammenarbeit mit Partnern aus der Politik (Ministerien etc.) und der Wirtschaft (Sponsoren) projektbezogene Fördermittel und erzielt Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen.
  • Der Verein versteht sich vor allem als Dienstleister und Lobbyist für den Sport in NRW.
Weitere Informationen finden Interessierte im Internet auf der offiziellen Homepage unter: www.lsb.nrw.de
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