Marcel Müller im Interview: „Ich habe mich selbst zu sehr unter Druck gesetzt“

rnFußball: Oberliga

Nach einer zweijährigen Fußballpause ist Marcel Müller zum TuS Haltern zurückgekehrt. Im Interview erklärt er, warum er so lange nicht mehr gespielt hat und was er während der Zeit gemacht hat.

Haltern

, 10.09.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zwei Spielzeiten lief Marcel Müller für den TuS Haltern am See auf, feierte mit ihm sogar den Aufstieg in die Oberliga. Dann gab es einen Cut. Der heute 29-Jährige legte eine Pause ein - am Ende wurden es zwei ganze Jahre ohne Fußball. Nun hat er sich wieder dem TuS angeschlossen. Im Interview spricht er über zu viel Druck und warum er nun doch wieder spielt. Außerdem verrät er, zu welcher Erkenntnis er gekommen ist, als er Haltern in der Regionalliga spielen sah.

Warum haben Sie die letzten zwei Jahre nicht für einen Verein zwischen den Pfosten gestanden?

Ich brauchte einfach ein bisschen Zeit für mich. Vor der Pause habe ich die letzten zehn, elf Jahre viel Zeit in den Fußball investiert. Außer mit den Fußballfreunden habe ich wenig Zeit mit alten Kumpels verbracht. Dafür wurde es mal wieder Zeit. Dann habe ich auch noch meine Frau vor drei Jahren kennengelernt, später haben wir geheiratet. Anfang des Jahres kam noch ein Baby dazu. Priorität hatte die Familie.

Was hat sich nun an Ihrer Situation geändert?

Ich hatte mir wieder Gedanken gemacht. Mir hat ein bisschen das Mannschaftsgefühl gefehlt. Eigentlich wollte ich es auch nicht mehr auf diesem hohen Amateurniveau machen, aber das hatte sich dann jetzt zufällig ergeben. Ich kenne Timo (Ostdorf, Anm. d. Red.) seit ich im Seniorenbereich bin, wir haben uns vor zehn Jahren kennengelernt. Der Kontakt ist dann nie abgebrochen. Er kennt meine fußballerischen Qualitäten und auch meinen Charakter. Er weiß, worauf er sich einlässt.


Wie waren die vergangenen beiden Jahre ohne Fußball für Sie?

Es war schön, dass muss ich ganz ehrlich sagen. Ich konnte mal eine andere Seite kennenlernen. Zum Beispiel konnte ich sonntags einfach mal morgens aufstehen, ohne dass ich um 11 Uhr am Treffpunkt sein muss, weil wir in Rödinghausen oder so spielen. Oder samstags konnte man aufstehen und wusste, dass man noch den ganzen Sonntag für sich hat. Das war eine schöne Erfahrung.

Wie war es in den Jahren vor Ihrer Pause?

Ich habe mich in den Jahren sehr unter Druck setzen lassen und mir selbst viel Druck gemacht. Ich habe immer gedacht, wenn ich einen Tag nicht beim Training bin, habe ich es nicht verdient, zu spielen. Ich habe mich selbst zu sehr unter Druck gesetzt. Ich habe alles vernachlässigt, was es zu vernachlässigen gab, und viele Kontakte schleifen lassen. Das ist jetzt anders, Timo und die anderen können das nachvollziehen. Deswegen habe ich auch die Entscheidung getroffen, zu dieser Mannschaft zu gehen. Weil ich weiß, dass die das nachvollziehen können, wenn ich mal sage, die Familie steht heute an erster Stelle.

Die Mannschaft des TuS Haltern am See hat sich seit Ihrem ersten Engagement ziemlich verändert. Wen kennen Sie eigentlich noch aus dem Team?

Tim Forsmann, Nils Eisen, Stefan Oerterer, Kevin Lehmann, Lennart Rademacher und Paul Keller. Da hört es dann aber auch schon auf.

Wie war es für Sie, in eine neue Mannschaft zu kommen von einem Verein, den sie aber bereits gut kennen?

Die einzige Position im Trainerteam, die sich verändert hat, ist die von Timo und den kenne ich ja auch schon lange. Ich kannte das Umfeld bereits und das Trainerteam. Es war klar, dass die nicht einfach irgendjemanden in so ein Mannschaftsgefüge bringen. Mir war klar, dass ich herzlich aufgenommen werde und das wurde ich dann auch.

TuS-Trainer Timo Ostdorf lobte zuletzt Ihre Fitness. Wie haben Sie sich in den vergangenen beiden Jahren fit gehalten?

Ich habe mich ein halbes Jahr vom Sport komplett ferngehalten und habe die Freizeit, vor allem die Zeit mit meiner Frau, genossen. Danach hatte ich mich im Fitnessstudio angemeldet, ich brauche meinen Sport. Nach drei, vier Wochen, wenn ich mal nichts gemacht habe, kribbelt es schon wieder. Dann muss ich irgendwas machen. Mir tut alles mehr weh, wenn ich nichts mache.

Wie haben Sie die Regionalliga-Saison der Halterner als Außenstehender wahrgenommen?

Ich habe nicht geguckt, wie der TuS das so macht, sondern ich habe meine Freunde beobachtet. Das waren ja Leute, die ich überwiegend noch kannte. Ich hatte ihnen natürlich das Beste gewünscht und gesagt, sie sollen es genießen. Als die Jungs an einem Dienstagabend in Aachen gespielt haben, habe ich auf der Couch gesessen und mir das Spiel im Livestream angeguckt. Ich weiß, dass es für die Jungs schön war, da zu spielen. Ich weiß aber auch, was das alles neben dem Platz zu bedeuten hatte: Einen halben Tag frei nehmen, nachts erst um ein oder zwei Uhr zuhause sein, wenn morgens der Wecker wieder früh klingelt. Das hat mir in meiner Entscheidung Recht gegeben. Ich war froh, in diesem Moment nicht auf dem Platz gestanden zu haben. Regionalliga zu spielen hätte ich bestimmt gerne mal gemacht, aber unter anderen Umständen - über die Halbprofi-Schiene.

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Mit Erkenschwick waren Sie sportlich sogar schon mal in die Regionalliga aufgestiegen, doch der Verein verzichtete auf den Aufstieg.

Da wäre es das Gleiche gewesen: arbeiten, dann trainieren und spielen. Ich glaube, das wäre zu viel für mich gewesen. Ich bin nicht der Typ gewesen, der gekommen und gegangen ist, wann er wollte. Für mich war es mehr oder weniger ein Job.

Zurück zum TuS Haltern am See: Wie ist Ihr erster Eindruck von der Mannschaft?

Die Jungs sind alle super motiviert, wir haben viele junge Leute dabei, die hochgezogen wurden und jetzt auch eine Chance bekommen, Oberliga zu spielen. Unter anderen Voraussetzungen hätten sie diese Chance vielleicht nicht bekommen. Wir sind hoch motiviert und ein gutes Team, es gibt keine Grüppchenbildung. Wir werden mithalten und kämpfen. Laufen und kämpfen kann man immer. Außerdem haben wir auch ein richtig gutes Trainerteam, das die notwendige Motivation auch von außen reinbringt. Wir werden das größtmögliche aus jedem Spiel herausholen.

Die Oberliga-Saison wird heftiger als Ihre bisherigen Spielzeiten in der Liga.

40 Spiele, das ist auf lange Sicht ein Brocken. Dieses Jahr ist alles anders. Wer hinten raus den längsten Atem hat, wird das Rennen machen.

Haben Sie sich ein Ziel für die Saison gesetzt?

Ich lasse erst mal alles auf mich zukommen. Für mich ist es ja auch eine Herausforderung. Ich habe noch nie zuvor mein Torwart-Dasein zwei Jahre unterbrochen. Es wird schwierig, da wieder reinzukommen. In der Muckibude irgendwelche Gewichte drücken, ist was anderes als zwei Stunden mit Beinarbeit und kurzen, schnellen Bewegungen zu trainieren. Da muss der Körper sich erst wieder dran gewöhnen. Die Zeit gebe ich mir aber auch, ich setze mich nicht unter Druck, die anderen auch nicht. Und wenn es noch vier Wochen dauert, dauert es eben noch vier Wochen. Wir haben auch so genug Qualität im Tor.

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