Mehr als 100 000 Schritte zum Erfolg

Sportporträt

Nachdem die Halterner Grundschullehrerin Katja Linder bei ihrem ersten Ultra Lauf in der Hohen Mark auf den Geschmack kam, hat Sie sich jetzt den ultimativen Traum jedes Langstreckenläufers erfüllt. Sie startete beim 100-Kilometer-Lauf in Biel – dem größten seiner Art.

HALTERN

von Von Horst Lehr

, 20.07.2017, 16:11 Uhr / Lesedauer: 3 min
Katja Linder unterwegs in der Schweiz beim 100 Kilometerlauf in Biel.

Katja Linder unterwegs in der Schweiz beim 100 Kilometerlauf in Biel.

Die magische Anziehungskraft für die Laufsportler in der ganzen Welt entstand nicht nur durch die schiere Länge, sondern auch durch die sehr speziellen Anforderungen des Streckenprofils. Wie zum Beispiel der Ho-Chi-Minh-Pfad, ein von allen gefürchteter Streckenteil, der in der Nacht auf einem Grashügeldamm gelaufen wird.

Persönlicher Trainingsplan

Die Idee, an diesem Event teilzunehmen, entwickelte Linder im vergangenen Winter. Sie erstellte einen persönlichen Trainingsplan und begann mit der mentalen Vorbereitung. Dabei griff sie tief in die psychologische Trickkiste und speicherte für sich nur die positiven Eindrücke des Laufs ab, um so eine positive mentale Grundeinstellung tief in sich verankern.

"Ich malte mir ein wunderschönes Bild im Kopf, und das wollte ich unterwegs auch wieder entdecken“, sagt sie rückblickend. Denn Ultra-Läufe werden laut einem Hinweis aus einem Buch mindestens zur Hälfte mit dem Kopf gelaufen. In der praktischen Laufvorbereitung hatte sie aus Sorge vor einer Verletzung auf ein zu anstrengendes Muskeltraining verzichtet.

Nur rund drei Stunden

Für Linder ging es dann am Morgen des 9. Juni zusammen mit ihrem Freund und Radbegleiter Antonio Rodrigues nach Biel im schweizerischen Kanton Bern. Nach der Ankunft gegen 19 Uhr blieben ihr nur rund drei Stunden für die Organisation vor Ort, bevor pünktlich um 22 Uhr in der Innenstadt von Biel die letzten zehn Sekunden vor dem Start von den mehreren 1000 Teilnehmern lautstark herunter gezählt wurden, und sie mit dem Startschuss zu ihrem größten Laufabenteuer aufbrach.

Nach wenigen Laufminuten durch die Stadt fand sie schnell Anschluss an eine Gruppe erfahrener Läufer, mit denen sie auch den ersten Anstieg meisterte. „Die haben mich schon gleich eingebremst, denn ich war zu schnell unterwegs“, sagt sie. Nach rund 30 Kilometern traf sie auf ihren Radbegleiter. Als es etwa eine Laufstunde später auf den ersten steilen Anstieg ging, begann sie zum ersten Mal richtig zu leiden. Sie hatte das Gefühl: „Meine Beine wollen einfach nicht mehr.“

"Das ist ganz normal"

Die aufkommende Panik bekämpfte Linder aber schnell mit der nüchternen Erkenntnis: „Das ist ganz normal und kommt durch den Energieverlust.“ Den füllte Sie umgehend an den nächsten Verpflegungsstationen mit kleinen, trockenen Brotstückchen und Wasser auf.

Einen weiteren mentalen Tiefschlag erlebte sie bei Kilometer 58, als kurz vor dem gefürchteten Ho-Chi-Minh- Pfad die ankommenden Läufer der normalen Ultrastrecke ihre Zielankunft feierten. Mittlerweile war es schon wieder hell geworden und Linder lief auf dem schmalen Grashügeldamm. Jetzt half ihr die mentale Vorbereitungsphase, denn in Gedanken war sie diesen Teil schon zigmal vorher gelaufen. Plötzlich war sie wieder gut unterwegs, wich den vom Morgentau schlüpfrigen Steinen aus, und bemerkte sogar ein Vogelzwitschern unterwegs. Ihr bisher eher ruhiges Tempo brachte ihr sogar noch einen weiteren Vorteil, denn es herrschten nach der Morgendämmerung schon wieder viel bessere Sichtbedingungen.

„Schaffe ich bestimmt“

Nach dem Pfad etwa bei Kilometer 70 traf sie auch wieder ihren Radbegleiter und freute sich, so weit gekommen zu sein. Jetzt lief Linder mit dem Gedanken: „30 Kilometer sind nur noch drei normale Seerunden zuhause – die schaffe ich bestimmt“. Allerdings bewahrte sie dieses Gefühl dann doch nicht vor dem nächsten Einbruch. Eine Laufstunde später mussten die Läufer wegen eines Schützenfestes im Dorf eine weitere schwere Steigung als Umleitung bewältigen. Auf den letzten 15 Kilometern fühlte sie keinen Einzelschmerz mehr – ihr tat einfach alles weh.

Sie zog ein letztes Mal alle Mentalregister. Irgendwo in ihrem Körper fand sie noch ein letztes bisschen Adrenalin, und als sie nach der letzten Kurve das Ziel sah, konnte sie noch zu einem echten Endspurt ansetzen. Als sie direkt hinter der Ziellinie die Finnisher-Medaille umgehängt bekam, liefen ihr Tränen der Freude über das Gesicht.

"Mein persönlichster Sieg"

Mit fast genau 17 Stunden Laufzeit belegte sie am Ende Platz 21 in ihrer Altersklasse. „Das war wohl mein persönlichster Sieg“, sagt sie rückblickend. Sie glaubt, dass am Ende nur die mentale Stärke das ausschlaggebende Moment war, und sieht mit geschlossenen Augen immer noch die mehr als 100 000 Schritte wie einen Film vor sich ablaufen.

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