Amateure widersprechen BVB-Boss Watzke

Nach Interview im "Kicker"

Amateurfußball sei nicht "sexy" und der Zuschauerschwund der vergangenen Jahre habe nichts mit Sonntagsspielen der Bundesliga zu tun. Das sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke in einem Interview mit dem Fußballmagazin "Kicker" und zog sich so den Unmut der Amateurfußballer zu. Wir haben uns bei den Vereinen der Region umgehört: Wie "sexy" ist der Amateurfußball?

DORTMUND

, 05.08.2015, 18:23 Uhr / Lesedauer: 1 min
Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, will in der nächsten Woche die Trainer-Frage klären.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, will in der nächsten Woche die Trainer-Frage klären.

„Wir müssen uns eingestehen, dass die Besucherzahlen im Amateurfußball seit 15 Jahren dramatisch rückläufig sind“, sagte Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des Fußball-Erstligisten Borussia Dortmund zur Befürchtung, ein drittes Erstliga-Sonntagsspiel könnte für weiter schrumpfende Zuschauerzahlen im Amateurbereich sorgen. „Der Zuschauerschwund hat viel früher eingesetzt, als dass es Sonntagsspiele in der Bundesliga gibt“, so der BVB-Geschäftsführer. „Der Amateurfußball ist nicht mehr sexy genug, ihm fehlt der Event-Charakter“, sagt er.

Die Aussagen Watzkes stoßen bei den Amateurvereinen der Region auf Unverständnis - nicht zwingend wegen des Inhaltes, hier gibt es zum Teil auch Zuspruch für den BVB-Boss, aber die Wortwahl missfällt vielen Verantwortlichen. Die gesammelten Aussagen finden Sie in der Fotostrecke: 

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Reaktionen auf Hans-Joachim Watzkes Kritik am Amateurfußball

Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des Fußball-Erstligisten Borussia Dortmund, bezweifelt, dass Sonntagsspiele für den Zuschauerschwund im Amateurfußball verantwortlich sind. Vielmehr fehle es Amateurspielen an "Event-Charakter". Für seine Aussagen erntet Watzke Kritik - aber auch Zuspruch.
05.08.2015
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BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: "Wir müssen uns eingestehen, dass die Besucherzahlen im Amateurfußball seit 15 Jahren dramatisch rückläufig sind“, sagt Watzke zur Befürchtung, ein drittes Erstliga-Sonntagsspiel könnte für weiter schrumpfende Zuschauerzahlen im Amateurbereich sorgen. „Der Zuschauerschwund hat viel früher eingesetzt, als dass es Sonntagsspiele in der Bundesliga gibt. Der Amateurfußball ist nicht mehr sexy genug, ihm fehlt der Event-Charakter“, glaubt Watzke.© Foto: DeFodi
„Der Zuschauerschwund hat wirklich früher eingesetzt“, stimmt Carsten Jaksch-Nink, Direktor des Fußball- und Leichtathletikverbands Westfalen (FLVW), zu. „Wie Herr Watzke auch sagt, spielen viel mehr gesellschaftliche Veränderungen und ein geändertes Freizeitverhalten eine größere Rolle.“
Der FLVW verstehe Watzkes Aussagen „nicht als Generalkritik am Amateurfußball oder an unseren Vereinen. Wir sind jedoch der Meinung, dass die TV-Angebote von attraktiven Bundesliga-Spielen sehr wohl dazu beitragen können, dass der Fußballfan lieber zu Hause vor dem Fernseher bleibt, anstatt seinen Heimatverein zu unterstützen“, so Jaksch-Nink.© Foto: FLVW
Adrian Alipour, Trainer Westfalenligist Kirchhörder SC und BVB-Fan: "Ich frage mich, warum Hans-Joachim Watzke dann Vorsitzender von RW Erlinghausen ist, wenn es nicht sexy ist. Ich habe oft mit Willingen gegen Erlinghausen gespielt. Da war er aber immer sonntags am Platz, obwohl er schon BVB-Geschäftsführer war. Ich bin 100-prozentig davon überzeugt, dass sich besonders BVB-Spiele auf unsere Zuschauerzahlen auswirken. Für viele in Dortmund ist der BVB nun mal der erste Verein. Ist doch klar, wenn du eine Dauerkarte hast, gehst du hin. Und so ist es in anderen Städten auch, selbst wenn Auswärtsspiele deines Vereins im Fernsehen laufen. Und zu Events: Unser Hecker-Cup und die Hallen-Stadtmeisterschaft locken enorm viele Leute an. © Foto: Bock
Thomas Overmann, Sportlicher Leiter des Bezirksligisten Werner SC, hat kein Verständnis für Watzkes Worte: „Er sollte überlegen, wo die Talente herkommen. Die kommen erst mal von den Amateurvereinen. Die kleinen Vereine bilden sie aus und geben sie dann weiter. Man sollte den Amateursport mehr schützen“, sagt Overmann.© Foto: Dominik Gumprich
Michael Linke (links), Fußball-Vorsitzender von Oberligist ASC 09 Dortmund: Ich habe mir das Interview in Ruhe durchgelesen und halte die Aussagen in diesem Kontext insgesamt nicht für dramatisch. Aber die Spieler und auch unsere Helfer geben sich sehr viel Mühe. Da finde ich es allerdings unpassend von nicht sexy genug zu reden. Wir können uns in Aplerbeck ohnehin nicht beklagen. Es zeigt sich, dass schöner Fußball auch Leute anlockt. Es gibt im Amateurbereich auch Mannschaften, die nicht sexy sind, die nicht attraktiv spielen. Die gibt es in der Bundesliga aber auch.© Foto: Foltynowicz
Helmut Schulz (links), Trainer des Kreisligisten VfB Habinghorst: „Herr Watzke sollte sich schon überlegen, wie wichtig der Amateurfußball auch für den BVB ist“, erklärt der Übungsleiter, der als Jugendlicher selbst für die Dortmunder Borussia aufgelaufen ist. „Viele der heutigen Profis haben nicht dort angefangen, sondern bei kleineren Vereinen.“ Schulz kann sich zwar nicht vorstellen, dass auf einmal „900 Zuschauer zum VfB kämen, wenn es keine Sonntagsspiele in der Bundesliga mehr gäbe“, will aber auch keine Theorien über die Ursachen für den Zuschauerschwund aufstellen. „Das wäre wohl ein gutes Thema für eine Doktorarbeit.“© Foto: Jens Lukas
Aus Sicht von Andreas Köhler, Trainer des Bezirksligisten SV Wacker Obercastrop, ist die Tatsache, dass sonntags Bundesliga-Spiele stattfinden und live im TV übertragen werden, durchaus ein Grund für den Besucherschwund auf den Amateur-Plätzen. „Allerdings wäre es natürlich falsch, die Bundesliga allein dafür verantwortlich zu machen“, führt Köhler aus, „es handelt sich um eine Mischung aus verschiedenen Ursachen“. So sei etwa das Freizeitangebot umfangreicher geworden. Allerdings ist Köhler über die Form von Watzkes Vorstoß nicht begeistert. Er verweist auf das Engagement des BVB-Funktionärs als Vorsitzender des Landesligisten RW Erlinghausen. „Man könnte ja auch mal hinterfragen, was er schon konkret unternommen hat, um seinen Amateurverein attraktiver zu machen.“© Foto: Volker Engel
Werner Heitmann, Vorsitzender des SV Herbern: „Wer so etwas erzählt wie Herr Watzke, erzählt Quatsch. Für viele Ehrenamtliche ist der Amateursport das Wichtigste, das es gibt. Und der wird durch die Bundesliga und Kommerz kaputt gemacht“, erklärt Heitmann, der für die sonntäglichen Spiele seines Klubs schwarz sieht, wenn auch noch das Bundesliga-Spiel um 13.30 Uhr kommt. „Wenn der BVB um 13.30 Uhr spielt, kommt kein Mensch mehr zum Spiel des SV Herbern II. Die Profis sind auf dem besten Weg den Amateurfußball abzuschlachten.“© Foto: Nitsche
Stephan Polplatz, 2. Vorsitzender Westfalia Wethmar: „Ein Drittel bis 50 Prozent der Zuschauer fehlen uns, wenn parallel der BVB spielt. Und dazu kommen noch einige Spieler mit einer BVB-Dauerkarte.“© Foto: Goldstein
Hasan Kayabasi (links), Sportdirektor von Landesligist Lüner SV: „Wenn die Profis den Amateuren die Zuschauer wegnehmen, muss es halt Ausweichtermine geben.“© Foto: Goldstein
Andreas Roch (links), Sportlicher Leiter des Bezirksligisten VfB Lünen, hat kein Verständnis für Watzkes Worte: „Er sollte überlegen, wo seine Spieler herkommen. Von den kleinen Vereinen. Wenn es die aber nicht mehr gibt, bleibt die Spitze auch nicht bestehen. Wir werden sehen, wie es in 25 Jahren aussieht.“© Foto: Archiv
Jürgen Grondziewski, Vorsitzender des Dortmunder Fußball-Kreises: Ich denke, der Amateurfußball wirbt schon um Zuschauer. Wenn ich sehe, was die Klubs in den Vereinsheimen auf die Beine stellen, dass sie mit Einlaufkindern auch Familien locken, dann erkenne ich das Bemühen. In Dortmund ist es eher so, dass durch mehrere Aufstiege, ich nehme mal den ASC 09 raus, sich die Zuschauer in der Spitze einfach auf mehr Vereine verteilen. © Foto: Ludewig
Peter Wach, Geschäftsführer beim Bezirksligisten Spvg Schwerin, fehlen konkrete Lösungsvorschläge von Watzke: „Er könnte ja jedem Amateurverein eine Million Euro geben“, kommentiert Wach ironisch, „damit könnte man sicherlich einiges bewegen.“ Den Zusammenhang zwischen Sonntags-Bundesliga und geringen Zuschauerzahlen sieht Wach durchaus. „Viele unserer Zuschauer sind BVB-Fans mit Dauerkarten“, berichtet er. „Die sind natürlich eher im Stadion als bei uns, wenn Dortmund sonntags spielt.“© Foto: Volker Engel
Georg Hillmeister, Vorsitzender der SG Selm: „Wie soll man denn ein Event machen, wenn die Zuschauer fehlen? Durch die Europa League muss zum Beispiel Borussia Dortmund in dieser Saison oft sonntags antreten. Da gehen uns im Einzugsgebiet als Amateurverein erneut Zuschauer ab. Es gibt so viele, die eine Dauerkarte haben“, erklärt Hillmeister.© Foto: Instenberg
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Bereits Ende Juli hatten wir in Bezug auf mögliche Sonntagsspiele des BVB aufgrund der Europa League darüber berichtet, dass Amateurklubs vermehrt Spiele verlegen könnten. Zumindest ab Kreisliga aufwärts ist das möglich, wenn die Borussia auch sonntags spielt. In einer (nicht repräsentativen) Umfrage sagten 60 Prozent der Teilnehmer, dass sie im Zweifel sonntags lieber im Stadion zuschauen würden, als selbst auf den Plätzen der Region zu kicken.

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