„Gewalt in der Kreisliga wird immer drastischer“ - Alexander Lüggert geht dagegen vor

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Der Lüner Alexander Lüggert ist von nun an erste Anlaufstelle beim FLVW für Gewaltdelikte. Am Liebsten sollen Ausschreitungen am Sportplatz schon präventiv verhindert werden.

von Nico Ebmeier

Lünen

, 19.02.2020, 11:43 Uhr / Lesedauer: 3 min

Spätestens seit den Vorfällen beim Spiel Westfalia Vinnum gegen Herta Recklinghausen ist klar - die Zahl der Gewaltvorfälle im Amateursport steigt immer weiter. Auch dem Fußball- und Leichtathletik Verband Westfalen ist dies nicht entgangen und hat deshalb eine neue Stelle geschaffen. Darüber sprach Alexander Lüggert mit RN-Mitarbeiter Nico Ebmeier.

Alexander Lüggert, vor einem Jahr haben Sie Ihren Trainerposten bei der Hammer Spielvereinigung aufgegeben, um hauptamtlich beim FLVW zu arbeiten. Jetzt kümmern Sie sich dort primär um die Gewaltprävention. Wie kam es dazu?

In den letzten Jahren als Trainer und während meiner Arbeit beim Verband bin ich auf vielen Plätzen unterwegs gewesen, habe mit vielen Menschen gesprochen und Einiges erlebt.

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Es war auffällig, dass Gewalt an Sportplätzen immer spürbarer wird und wir dringend dagegen vorgehen sollten. Wenn eine Mutter zweimal überlegen muss, ob es ein Kind zu einem Kreisligaspiel schickt, läuft da ganz viel falsch.

Wie kommt es denn zu dieser Entwicklung?

Das hat natürlich ganz viele verschiedene Gründe. Es liegt natürlich daran, dass Gewaltvorfälle viel schneller öffentlich werden. Wenn an den Flutlichtmasten überall Kameras hängen und jeder Zuschauer direkt ein Handy zur Hand hat ist es klar, dass gefühlt viel mehr Gewaltvorfälle entdeckt werden, als es noch vor ein paar Jahren war.

Das bedeutet, dass es eigentlich gar keinen Anstieg von Gewaltdelikten gibt? Nur, dass sie einfach häufiger erkannt werden.

Das ist so sicherlich auch nicht wahr. Gerade in den Kreisligen werden die Situationen immer drastischer. Das Vinnum-Spiel ist dabei das beste Beispiel. Der Respekt untereinander sinkt spürbar, die Sprache wird immer roher. Das ist auch in den Zahlen der Vorfälle sehr klar erkennbar.

Ab wann sprechen Sie, spricht der FLVW, denn von einem Gewaltvorfall?

Das war unsere schwierigste Arbeit in letzter Zeit. Dort eine geeignete Definition zu finden. Eine rote Karte ist nicht immer zwingend ein Gewaltdelikt. Deshalb wollen wir nun gegen jede körperliche Gewalt vorgehen. Als verbale Gewalt haben wir bedrohende, diskriminierende und rassistische Vorfälle eingeordnet. Generell wollen wir den Bereich aber auch weiterfassen.

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Es kann nicht sein, dass ein Schiedsrichter, nur weil er den Sportplatz verlässt, Allem ausgeliefert ist. Wir möchten die Verantwortlichen im gesamten Prozess am und um den Sportplatz herum schützen.

Inwiefern kann der Verband denn helfen, wenn tatsächlich ein wütender Spieler nach der Partie an meinem Auto wartet?

Mit Sicherheit werde ich dann nicht aus irgendeinem Gebüsch springen und den Vorfall verhindern. Aber wir möchten Gewalt gerne schon präventiv verhindern.

Was bedeutet das?

Es gibt vom FLVW deshalb nun ein gebündeltes Maßnahmenpaket. Wir wollen die Schiedsrichter schon im Vorhinein stärken, ihre Kompetenz in solchen Situationen verbessern. Beispielsweise bekommen unsere Schiedsrichter nun regelmäßig Deeskalationseinheiten von der Polizei. Dazu sollen auch Trainer und Spielführer viel stärker und häufiger geschult werden. Es muss von allen Seiten etwas gegen Gewalt im Amateursport getan werden.

Gab es denn schon in der Vergangenheit ähnliche Projekte?

Im Grundlagenbereich (G- bis E-Jugend Anm. d. Red.) wird schon seit ein paar Jahren in der FairPlay-Liga gespielt. Dabei werden die Eltern möglichst weit vom Spielfeld fern gehalten und können nicht durch Aufhetzungen oder ähnliches Gewaltvorfälle provozieren. Generell muss die Gewaltprävention auch schon bei Kindern und Eltern ankommen. Damit alle es von Beginn an richtig lernen.

Falls Gewaltvorfälle dann doch nicht verhindert werden konnten.
Wie soll danach geholfen werden?

Es muss dann in der Nachbereitung daran gearbeitet werden, dass solche Delikte nicht noch einmal passieren. Natürlich würden wir uns auch um psychologische oder anwaltliche Beratung kümmern. Letztendlich möchte wir den Schiedsrichtern und Verantwortlichen aber einfach wieder ein gutes Gefühl geben. Wir könnten ihn nicht mehr zu diesem Verein schicken oder ihm in den nächsten Wochen ein Gespann an die Seite stellen. Wir wollen unter keinen Umständen irgendeinen Sportsmann verlieren.

Was wäre abschließend Ihr Appell?

Gewaltprävention geht auch die Vereine an, das ist ganz wichtig. Wenn ein Spieler zu mir wechseln will, der im vergangenen Halbjahr schon dreimal negativ aufgefallen ist, sollte ich mir Gedanken machen, ob ich diesen Spieler wirklich bei mir haben möchte. Es muss ein grundsätzliches Umdenken stattfinden.

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