Horror-Unfall: Zwischen „Mörder“-Ruf und Bangen um die Gesundheit

rnJohannes Zottl

Der dramatische Unfall von Johannes Zottl ist ein Jahr her. Unser Autor erinnert sich zurück und berichtet von allen Geschehnissen, die vor Ort abliefen.

Lünen

, 27.04.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Während Johannes Zottl und Gianluca Reis sich im Sprintduell auf der rechten Seite miteinander maßen, hatte ich den Laptop bereits auf meinem Schoß aufgeklappt. Ein kurzer Blick von mir nach oben, vielleicht passiert ja was.

Der schnelle Schubser von Reis, Zottl knallt gegen die Betonbande, für einen Moment ist es still am Sportplatz in Iserlohn. Allen, die dem Spiel beiwohnten, war wohl schon da bewusst, welche Auswirkung dieser schnelle Rempler hatte. Zottl knallte mit voller Wucht vor die Betonmauer, Reis ging schnellen Weges in Richtung eigener Ersatzbank.

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Ihm muss das Ausmaß dieser Aktion wohl bewusst gewesen sein. Während Reis in Richtung Bank ging, hurtig weg vom Ort des Geschehens, betitelte ihn ein wütender Zuschauer mit einem Ruf als „Mörder“.

Als ich an diesem Freitagabend vor einem Jahr nach Iserlohn fuhr, habe ich mich gefreut. Auf Fußball, ein schönes Freitagabendspiel bei gutem Wetter. Das Spiel war an sich schnell erzählt: Bereits zur Halbzeit stand es 0:3 aus Lüner Sicht.

Ein Wortgefecht notiert

Für den FC Iserlohn lief alles, für den Lüner SV nichts. Ich war bereits auf der Suche nach potenziellen Geschichten. Ein Wortgefecht zwischen dem damaligen LSV-Trainer Mario Plechaty und Außenverteidiger Ersin Kusakci hatte ich notiert.

Kusakci sah bei zwei Gegentoren schlecht aus, musste nach 30 Minuten bereits den Platz verlassen. Kusakci stampfte wütend in die Kabine, Johannes Zottl erzielte fünf Minuten danach das vorentscheidende 3:0.

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Zu Beginn der zweiten Hälfte begann ich bereits aufzuschreiben, was ich im ersten Durchgang gesehen habe. Der Text musste kurz nach Spielschluss fertig sein, damit er gleich am nächsten Tag in der Zeitung erscheint. Etwas Zeitdruck war also da.

Dann die Szene, die den kompletten Spielverlauf auf den Kopf stellte. Von da an ging es für niemanden mehr um Fußball. Vor allem ging es darum zu erfahren: Wie geht es Johannes Zottl?

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Meris Memic zog ihm die Zunge aus dem Hals, rettete ihm so das Leben. Schnell sprinteten viele Leute zu dem auf dem Boden kauernden Stürmer. Eine Menschentraube bildete sich um ihn herum. Der Krankenwagen kam, Zottl bekam vor Ort erste Hilfe. Ich suchte mir die ersten Ansprechpartner.

Beide Trainer bestätigten, dass das Spiel beendet ist. Ein schneller und beeindruckender Akt: Beide Mannschaften einigten sich innerhalb von nur weniger Minuten darauf, das Spiel mit 3:0 für Iserlohn zu werten und nicht weiterzuspielen. Auch das Schiedsrichtergespann stimmte zu, holte sich dafür die telefonische Genehmigung vom Staffelleiter.

Abgabezeitpunkt rückt immer näher

Im Vereinsheim des FC Iserlohn richtete ich mich ein, stellte den Laptop auf, löschte alles, was ich zuvor geschrieben hatte. Das Spiel spielte zu dem Zeitpunkt keine Rolle mehr.

Während ich schrieb, hatte ich immer wieder die Uhr im Blick, der Abgabezeitpunkt rückte näher. Ich suchte mir noch einen Spieler der Lüner für ein Interview und traf Matthias Göke im Kabinentrakt. Interview aufgenommen, schnell abtippen, alles fertig machen. Die Zeit raste. Nur noch ein paar Minuten bis zur Abgabe.

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Zottl war da bereits auf dem Weg in das Krankenhaus und auch wieder bei Bewusstsein – ein gutes Zeichen. Spieler und Trainer wirkten aber auch 90 Minuten nach der Aktion noch geschockt. Der Text zu dem Spiel stand, das Interview auch, alles war vorbereitet, bis mir eine rauchige Stimme zurief: „Wir machen jetzt hier dicht, Sie müssen gehen.“ Das Vereinsheim des FC Iserlohn hat zugemacht.

Ab auf dem Parkplatz nebenan, den Internet-Hotspot an und die letzten Zeilen im Auto fertig schreiben. Über das Telefon half mir Sportredakteur Sebastian Reith. Kurz vor knapp wird alles fertig. Ich schnaufte zum ersten Mal richtig durch, es ist kurz nach 23 Uhr.

Das falsche Bild erscheint in der Zeitung

Erst am nächsten Morgen bemerkte ich den größten Fauxpas: Das Bild von Matthias Göke ist falsch. Statt Göke ist Matthias Drees zu sehen.

Ich machte mich auf den Weg nach Hause, stehe immer wieder in Kontakt mit Iserlohn-Coach Christian Hampel, der mich über Zottls Gesundheitszustand auf dem Laufenden hielt. Um kurz nach 1 Uhr nachts meldete er sich das letzte Mal, ich aktualisierte den Text online noch mal, ehe ich den Laptop zuklappte. Zottl ging es den Umständen entsprechenden gut, die Hauptsache damals.

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