Sollte die aktuelle Fußball-Saison unterbrochen werden? Fünf Beiträge, fünf Meinungen

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In zahlreichen Städten und Kreisen wird weiter Fußball gespielt, obwohl sie mittlerweile Risikogebiete sind. Ein Fußballer und vier Journalisten diskutieren, ob die Saison pausiert werden sollte.

Lünen, Dortmund

, 17.10.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Immer mehr Städte und politische Kreise werden zu Risikogebieten. Die Zahlen der Infizierten mit dem Coronavirus gehen nach oben. Sollte der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen die Saison unterbrechen? Diese Frage beantworten vier Journalisten und ein Fußballer.

Patrick Schröer (Sportjournalist): „Die Amateurfußball-Saison muss unterbrochen werden“

Die Saison der Amateurfußballer muss ruhen – zumindest für eine gewisse Zeit. Dieses und auch das vorherige Wochenende haben gezeigt, dass das Coronavirus den Amateurfußball – speziell im Ruhrgebiet – immer fester im Griff hat. Die besten Beispiele bieten die beiden Fußball-Bezirksliga-Staffeln 8 und 9. Während die Staffel 8 mit Ausnahme eines einzigen Spieles komplett für zwei Wochen abgesetzt worden ist, fallen auch in der Staffel 9 drei Spiele aus – und die Zahl der Infizierten steigt weiter.

Der Umstand führt in den kommenden Wochen sicherlich zu weiteren Spielabsetzungen. Die sorgen dann für ein terminliches Chaos und fertig ist der Teufelskreis, aus dem es irgendwann kein Entkommen mehr gibt.

Viele Regionen im Ruhrgebiet liegen zudem über dem kritischen Inzidenzwert – auch die Stadt Dortmund sowie der politische Kreis Unna. Das Land NRW hat in dem Zuge am Freitag verkündet, dass sich in der Öffentlichkeit außerhalb von Familien und Personen zweier Hausstände nur noch Gruppen von höchstens fünf Personen treffen dürfen. Sowohl die Zahl der Personen als auch der Hausstände sprengen die Amateurfußball-Spieltage um ein Vielfaches. Wo ist also bitte die Verhältnismäßigkeit?

Die Amateurfußball-Saison muss unterbrochen werden, bis sich die Corona-Lage wieder einigermaßen stabilisiert hat. Der Amateurfußball ist wichtig für die Gesellschaft, keine Frage. Von ihm hängen aber kaum Existenzen ab. Und wichtiger als die Gesundheit ist er mit Sicherheit nicht.

Patrick Schröer arbeitet für die Dortmunder Sportredaktion.

Patrick Schröer arbeitet für die Dortmunder Sportredaktion. © Patrick Schröer


Lukas Wittland (Sportjournalist): „Vielleicht muss man mit einem gewissen Risiko einfach Leben“
Bei dieser Frage bin ich hin und her gerissen, weil ich glaube, dass es auf diese Frage keine pauschale Antwort gibt. Schaut man sich das Verbandsgebiet des FLVW auf der Karte an, zeigt sich warum. Während es im Westen, wo die Ruhrgebietsstädte liegen, knallrot leuchtet, ist die Lage im Sauerland noch nicht ganz so schlimm.

Warum sollte man nun also da, wo die Zahlen es zulassen, die Saison unterbrechen? Es müsse eine faire Regelung getroffen werden, heißt es von den Fußballern immer. Fair wird dort häufig mit einheitlich gleichgesetzt. Aber fair ist es nicht, wenn Regionen, in denen es die Zahlen zulassen, wegen einer Allgemeinverfügung des FLVW ebenfalls pausieren müssen. Da, wo gespielt werden kann, sollen die Menschen auch ruhig Fußball spielen. Vielleicht muss man mit einem gewissen Risiko einfach Leben, sonst herrscht in Deutschland wieder Stillstand.

Dann schweift mein Blick aber wieder auf die rote Region der Karte, wo der Stillstand teilweise schon geprobt wird. Und dann Frage ich mich: Kann man da jetzt wirklich Fußball spielen? Klar, die Spieler betreiben ihren Sport im Freien und auf dem Platz ist das Risiko einer Ansteckung wahrscheinlich nicht so hoch.

Trotzdem treffen mehrmals in der Woche je nach Mannschaftsstärke 15 bis 20 Personen zusammen, die wiederum im alltäglichen Leben viele weitere Kontakte haben. Das bedeutet zum einen, dass das Virus schnell in eine Mannschaft hineingetragen werden kann, aber sich aus dieser auch hervorragend weiterverbreiten kann. Dann sind auf einmal vielleicht auch Menschen betroffen, die zu Risikogruppen gehören. Will der Fußball dazu beitragen? Die Antwort kann eigentlich nur Nein lauten.

Lukas Wittland arbeitet aktuell in der Dortmunder Sportredaktion.

Lukas Wittland arbeitet aktuell in der Dortmunder Sportredaktion. ©


Daniel Schaffer (Spieler des ASC 09 Dortmund): „Egal wie entschieden wird, man wird immer auf Gegenwind treffen“

Das ist nicht ganz so leicht zu beantworten. Auf der einen Seite möchte ich raus, Fußball spielen und nicht Zuhause in der Bude hocken. Man hat sich gerade über die Vorbereitung eine Grundfitness aufgebaut und hat auch keine Lust, jetzt erstmal wieder alleine abends laufen zu gehen.

Zumal die Ansteckungsgefahr auf dem Platz nicht so hoch sein soll. Fußballer wollen Fußball spielen. Genauso wie beispielsweise Handballer auch einfach Handball spielen wollen. Wir haben nur den Vorteil, dass wir draußen spielen.

Doch natürlich steht man beim Fußball nicht nur auf dem Platz. Man fährt zusammen in Autos oder Bussen, ist mit mehreren Leuten in den Kabinen. Das ist alles nicht so einfach. Wir in Aplerbeck tragen, sobald wir das Vereinsgelände betreten, Masken. Seit dieser Woche selbst in den Kabinen sowie auf dem Weg zum und vom Trainingsplatz.

Doch andererseits muss man natürlich auch das große Ganze (Familie, Beruf, Gesellschaft) betrachten und dann ist der Fußball doch nicht mehr ganz so wichtig.

Wenn ich entscheiden dürfte, würde ich zunächst die Anzahl der Menschen auf und neben dem Platz auf ein Minimum reduzieren und die Saison zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht unterbrechen. Wenn sich die Situation aber dramatisch verschlechtern sollte, wird es keinen anderen Weg geben. Dann ist das halt so.

Ehrlich gesagt, bin ich aber auch froh, dass ich das nicht entscheiden muss. Egal wie entschieden wird, man wird immer auf Gegenwind treffen. Das ist das erste Mal, dass wir in so einer Situation stecken. Kein Experte der Welt kann eine Garantie geben, dass seine Einschätzung zu 100 Prozent richtig ist.

Ich denke, jeder hat in seinem Beruf schon mal Fehler gemacht. Das gehört dazu. Wenn eine falsche Entscheidung getroffen wurde, dann muss man das analysieren und es beim nächsten Mal besser machen. Das geht am besten aber gemeinsam. Genau wie beim Fußball.

Der Lüner Daniel Schaffer spielt für den Fußball-Oberligisten ASC 09 Dortmund.

Der Lüner Daniel Schaffer spielt für den Fußball-Oberligisten ASC 09 Dortmund. © Stephan Schuetze


Timo Janisch (Freier Journalist): „Da hat auch niemand die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs gefordert“

Das Infektionsgeschehen in der Region hat sprunghaft zugenommen. Fast alle Landkreise und kreisfreien Städte sind in einem ähnlichen Ausmaß von den steigenden Fallzahlen betroffen. Als die Fälle letztmals auf einem ähnlichen Niveau waren, dachte niemand hierzulande an einen vollumfänglichen Trainings- oder gar Spielbetrieb. An dieser Stelle kann auch mit dem Mythos aufgeräumt werden, die steigenden Zahlen hingen mit vermehrten Testungen in den vergangene Wochen und Monaten zusammen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) schwankt die Testanzahl seit etwa acht Wochen nur geringfügig. Ein konsequentes Wachstum ist überhaupt nicht zu erkennen – anders als bei den positiven Tests, die sich im gleichen Zeitraum mehr als verdreifacht haben.

Auch wenn das Infektionsrisiko auf dem Platz selbst scheinbar eher gering ist: Es bleibt bestehen. Sämtliche Hygienekonzepte beschäftigen sich vor allem mit den Zuschauern, denn auf dem Spielfeld selbst lassen sich schließlich keine Abstände halten. Alle Fußballer gehen ein weitestgehend offenes Risiko ein. Ein Risiko, welches sich vorerst auf den Trainingsbetrieb in der möglichst immer gleichen Gruppe (also Mannschaft) beschränken sollte. Denn bei allem Respekt: Auf Meisterschaftsspiele im Amateurbereich kann derzeit verzichtet werden, es gibt weitaus wichtigere Dinge. Schließlich haben wir alle in dieser völlig unbekannten Situation inzwischen viel gelernt – allerdings ist die aktuelle, sogenannte zweite Welle mit ihren Begleitumständen so unbekannt, dass wir, die sich zeitweise irgendwo doch alle als Hobby-Virologen betätigen, nur über wenig Wissen verfügen.

Wie erfolgreich konsequente und drastische Entscheidungen zur Bekämpfung der Pandemie beitragen kann, hat die erste Welle bewiesen. Da hat auch niemand die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs gefordert.


David Nicolas Döring (Sportjournalist): „Einheitlichkeit würde dem Spielbetrieb guttun“

Im Frühjahr, als das Coronavirus unser Leben unter seine Kontrolle brachte, haben die Verantwortlichen des Fußball- und Leichtathletik Verbandes Westfalen schnell reagiert und die Saison erst unterbrochen, im Anschluss dann abgebrochen. Das ist jetzt nicht nötig.

Die aktuelle Spielzeit läuft seit anderthalb Monaten. Es gab bereits einige Spielabsagen, aber auch einige Spiele, die schon nachgeholt worden sind. Diesem Risiko, dass Spiele ausfallen werden und nachgeholt werden müssen, war sich jede*r bewusst. Ebenso dass Mannschaften in Quarantäne müssen, wenn sich ein*e Mitspieler*in mit dem Virus infiziert. Von einem verzerrten Tabellenbild und einer eher verrückten Saison, war ja auszugehen.

Bislang gab es aber noch kein Spreading-Event bei einem Fußballspiel, obwohl es einige Spiele mit mehreren hundert Zuschauenden gab. Viele haben sich in den vergangenen Wochen eher bei privaten Feiern angesteckt. Vom Fußball scheint nicht die größte Ansteckungsgefahr auszugehen. Das bestätigen auch Infektiolog*innen, weisen dabei aber auch darauf hin, dass Covid-19 weiterhin noch ein großes Fragezeichen ist.

Für die Verantwortlichen heißt es jetzt: Ruhe bewahren! Vor allem würde Einheitlichkeit dem Spielbetrieb in Westfalen aktuell guttun. Im Kreis Unna darf nicht gespielt werden, in Herne und im Kreis Recklinghausen schon, obwohl die Inzidenzwerte dort noch höher liegen. Wem soll das verkauft werden?

Natürlich fließt dort auch die Politik vor Ort mit ein, die ebenfalls Regeln aufstellt. Doch allgemeine Regeln für den gesamten Fußballverband wären während solch einer Phase wie aktuell – die bereits seit Wochen von Expert*innen prognostiziert worden ist – doch die angemessenste Lösung. Begrenzte Zuschauerzahlen, klare Regeln für das Verhalten am Platz und deutliche Strafen für Teams, die sich daran nicht halten. Dann kann weitergespielt werden.

David Nicolas Döring ist Sportjournalist und arbeitet für Lensing Media.

David Nicolas Döring ist Sportjournalist und arbeitet für Lensing Media.

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