Der Amateurfußball erfährt mehr Professionalität. Der neueste Hype: Videoanalysen mit Bewegtbildern von vollautomatischen Kameras. Wir haben Lüner Trainer gefragt, was sie davon halten.

Lünen

, 30.11.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

A-Liga-Trainer Tim Hermes hätte beim SV BW Alstedde gerne eine, der Fußball-B-Ligist BV Lünen plant die Anschaffung: Die Rede ist von einer vollautomatischen Kamera, die die Spiele der Amateurfußballer der Stadt aufnimmt. Anbieter sind zum Beispiel Soccerwatch und SportTotal. Schon viele Klubs im Kreis Dortmund haben eine Kamera an ihrem Flutlichtmast befestigen lassen, die künftig Woche für Woche die Heimspiele des Vereins aufnimmt.

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So haben beispielsweise Zuschauer die Möglichkeit, sich Tore, Abseitssituationen oder üble Foulspiele noch einmal im Detail anzuschauen. Aber auch für die Trainer und Spieler der Mannschaften ergeben sich eine Menge Vorteile, die vor allem taktischer und inhaltlicher Natur sind.

Technik-Hype im Amateurfußball: So wichtig sind Videoanalysen für die Fußballer aus Lünen

So sieht die Soccerwatch-Kamera aus. © Sebastian Reith

Fehler aufarbeiten und Erkenntnisse gewinnen

Jascha Keller, Coach des Bezirksligisten BV Brambauer, ist begeistert von der Möglichkeit, Amateurteams über das Internet analysieren zu können. Der BVB-Trainer schaut sich in aller Regelmäßigkeit Fußballspiele via Soccerwatch an. Der Brambaueraner nutzt die neuen technischen Möglichkeiten, um Fehler seiner Spieler aufzuarbeiten und um Erkenntnisse über Stärken und Schwächen des kommenden Gegners zu gewinnen.

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„Ich schaue mir mindestens eine Halbzeit an. Nach 45 Minuten habe ich einen vernünftigen Eindruck vom Gegner gewonnen. Nach der Halbzeit schaue ich dann auch noch, ob es relevante Wechsel oder Umstellungen gab“, so Jascha Keller. Zwischendurch müsse der Trainer immer wieder den Stream stoppen, um sich Notizen zu machen. Die neue Form der Gegnervorbereitung erfordere zudem eine Menge Zeit. Zwei bis drei Stunden nehme sich Keller pro Spielvorbereitung, manchmal unter der Woche, manchmal auch Samstagsabends.

„Das hat mir unglaublich geholfen“

„Das hat mir unheimlich geholfen. Aber auch den Spielern hilft es, wenn ich ihnen visualisiert zeigen kann, wo der Gegner seine Stärken hat. Die Spieler saugen das total auf“, sagt Keller, der mit seinem Team zwischendurch auch im Vereinsheim am Beamer eine Videoanalyse macht.

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Eine ähnliche Meinung vertreten Christian Hampel, Trainer des Westfalenligisten Lüner SV, und Dennis Gerleve, Coach des B-Ligisten BV Lünen. Die Schwansbeller haben bislang als einziger Klub der Lippestadt eine Kamera an ihrem Stadiondach hängen. Hampel hat allerdings bereits vor seiner Zeit beim Lüner SV auf Bewegtbild-Material zurückgegriffen. „Ich bin zwar jahrelang in der Westfalenliga unterwegs und kenne mich auch gut aus.

„Mit den Videobildern bist du aber erst richtig up to date. Wer diese Bilder nicht nutzt, der verpennt schon etwas“
Christian hampel, trainer lüner sv

Mit den Videobildern bist du aber erst richtig up to date. Wer diese Bilder nicht nutzt, der verpennt schon etwas“, so Hampel, der seinen Spielern häufig in Gesprächen, aber auch in der WhatsApp-Mannschaftsgruppe des LSV Fehler im eigenen Spiel aufzeigt. „Wenn du die Bilder hast, dann gibt es von den Spielern keine Ausrede mehr“, sagt Hampel und lacht.

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B-Ligist BV Lünen plant im Februar die Anschaffung einer vollautomatischen Kamera auf seinem Sportplatz. Dennis Gerleve ist allerdings schon jetzt großer Fan. Nach dem Staffelwechsel der Geister waren dem BV Lünen die meisten Gegner in der neuen Liga unbekannt. Nicht nur deswegen grifft Gerleve auf die Videobilder zurück, um die Gegner, ihre Stärken, Schwächen und Eigenarten besser kennenzulernen. „Das ist eine riesige Geschichte. Ich gucke mir abends die Spiele an und versuche, logische Schlüsse herauszuziehen. Danach spreche ich mit meinem Trainerteam darüber und gebe die Erkenntnisse dann an die Mannschaft weiter“, so Gerleve.

Stefan Urban ist zwiegespalten

Stefan Urban trainiert den A-Ligisten SV Preußen Lünen und steht den neuen Kameras an den Sportplätzen etwas zwiegespalten gegenüber. Zwar nutze auch er die neuen technischen Möglichkeiten, um das Spiel seiner Mannschaft zu verbessern und Fehler seiner eigenen Jungs zu minimieren, doch glaubt Urban ebenso, dass die Kameras eine Gefahr bergen könnten.

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„Uns sind diese Bilder wichtig. Wir nehmen uns viel Zeit für eine Videoanalyse. Die Jungs freuen sich ja auch, wenn sie sich selbst sehen. Bei uns erfolgt die Analyse im Vereinsheim dann interaktiv, wir diskutieren viel über Situationen, nutzen aber für kleinere Videos auch die WhatsApp-Gruppe“, sagt Urban, der ergänzt: „Trotzdem können die Kameras auch negativ für einen Verein sein. Auch bei schlechtem Wetter sollen die Zuschauer zum Platz kommen. Das motiviert die Jungs mehr. Ich finde, dass keiner zuhause Amateurfußball gucken sollte“, so Urban, der auf die stetig rückläufigen Zuschauerzahlen beim Amateurfußball hinweist.

Steven Koch ist geteilter Meinung

Geteilter Meinung ist auch Steven Koch, Coach des Bezirksligisten Westfalia Wethmar, der am Sonntag im Derby auf Jascha Keller und den BV Brambauer trifft. Zwar habe sich auch Koch in der Vergangenheit schon Spielszenen im Videostream angesehen, doch zu 100 Prozent schwört der TWW-Trainer nicht darauf. „Im Amateurfußball hat man das Problem, dass sich das Personal immer wieder ändert. Man sieht dann oft auch ganz andere Laufwege von anderen Spielern. Die Analyse ist dann wieder für die Katz“, so Koch, der aber auch die Vorteile herausstellt: „Es kann auf jeden Fall helfen, wenn man sich einzelne Spieler ansieht, die herausstechen. Dann kann man dagegenarbeiten“, sagt der Wethmarer Linienchef.

Professionalisierung des Amateurfußballs

Auch wenn noch nicht alle gefragten Trainer zu 100 Prozent überzeugt sind: Die Tendenz in der Lippestadt ist eindeutig. Zudem ist eine Professionalisierung des Amateurfußballs von Jahr zu Jahr erkennbar.

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