Volker Fohrmeister halluzinierte bei 356-Kilometer-Ultralauf in Nordwestitalien

rnTor des Géants 2019

Der Mond spiegelt sich in einer mit Regen gefüllten Furche wider. Schatten huschen über das Geröll, Silhouetten von Gesichtern blitzen auf. Volker Fohrmeister hat zuletzt eine Menge erlebt.

Lünen

, 08.10.2019, 11:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bin ich wach oder schlafe ich? Diese Frage hat sich der Lüner Volker Fohrmeister beim Ultralauf „Tor des Géants 2019“ wahrscheinlich oft gestellt. Der 34-Jährige nahm im September an der Jubiläumsedition „TOR-X“ teil ­­– mit großem Erfolg: „Die Tatsache, dass es das jetzt war, habe ich in meinem etwas müdem Zustand nicht sofort realisiert.“

Während die meisten Menschen ihre Arbeitswoche hinter sich brachten, brachte Fohrmeister auf 356 Kilometern Strecke 27400 Höhenmeter hinter sich (Zahlen laut ITRA: International Trail Running Association). 127 Stunden und 44 Minuten brauchte er für den Rundkurs im Aostatal in Nordwestitalien, und landete bei knapp 1000 Läufern auf Platz 231. „Wenn man dann ausgerechnet am frühen Abend auf den Zielbogen in der Innenstadt Courmayeurs zuläuft, wird man gefeiert, als hätte man das Rennen gewonnen“, sagt Fohrmeister.

Kein Zuckerschlecken

Notdecken, Erste-Hilfe-Ausrüstung, Regenkleidung, Wanderstöcke, Trail-Schuhe, Kopflampe, Sonnenbrille, Schirmmütze, Smartphone, Laufuhr, Schneeketten, Sonnencreme, Nahrung und einen 10-Liter-Rucksack hatte Fohrmeister beim Start am südlichen Fuße des Mont Blanc in Courmayeur dabei. Er schätzt das Gewicht auf unter fünf Kilogramm. Das Wetter versüßte den Läufern bei strahlendem Sonnenschein den Start. Doch noch bevor Fohrmeister den Wald am Rande Courmayeurs, kurz vor dem Anstieg, erreicht hatte, begann es zu regnen. Nur wenig später habe er in „dicker Kleidung“ und mit „Schneeketten an den Füßen“ auf dem Col d’Arp gestanden, dem ersten Pass auf seiner langen Reise zu Fuß durch Italien. „Da geht niemand an den Start, weil er eine Bierwette verloren hat“, sagt Fohrmeister.

Fohrmeister halluziniert

„Die klassischen Halluzinationen habe ich auch kennengelernt.“ So berichtet der 1,80 Meter große Lüner vor allem nachts und bei wenig Licht „wandernde Schatten“ und „Gesichter in Steinen und Wurzeln“ gesehen zu haben. Die Kombination aus Schlafentzug, Unterkühlung und körperlicher Anstrengung. „Ich kam aber relativ gut damit klar.“ Ans Aufgeben habe er ohnehin nie gedacht. Für ihn stand fest, „unter meinen eigentlichen Fähigkeiten und auf Sicherheit so gut es geht durchzukommen“. Die kalten Nächte verschafften ihm zusätzlich einen entzündeten Hals und einen kaputten Mundinnenraum, „was das Essen sehr erschwert hat“. Was ihn aber am stärksten zu schaffen machte, seien der partielle Verlust der Balance sowie die Probleme mit seiner Sehschärfe gewesen. „Ich hätte den Schlaf besser verteilen können“, sagt Fohrmeister. Als Neuling im Ultralauf scheint dieser Fehler mit Blick auf seinen Erfolg entschuldbar.

Entspanntes Auslaufen beim 29. Hanselauf

Auf die Frage, wie es für den wissenschaftlichen Mitarbeiter der Technischen Universität Dortmund weitergeht, reagiert Fohrmeister mit einem Lachen. „Erwartungsgemäß bin ich nach dem Tor in ein kleines Loch gefallen.“ Für das Brechen seiner persönlichen Bestzeit beim 29. Hanselauf vor etwa zwei Wochen (wir berichteten) reichte seine Verfassung jedenfalls. Die zehn Kilometer ließ er locker-flockig in rund 40 Minuten hinter sich. „Da hätte ich nicht mit gerechnet“, sagt Fohrmeister. „Erst einmal arbeite ich, ganz langsam, an meiner Verletzungsanfälligkeit, damit ich auch mal wieder flache, schnelle Läufe machen kann.“ Und falls doch noch Langeweile aufkommen sollte, ist der Lüner im Bereich der Materialmodellierung und computergestützten Mechanik mit seiner Doktorarbeit beschäftigt genug. „Da möchte ich diesen Winter gerne große Fortschritte schaffen“, sagt Fohrmeister.

Lesen Sie jetzt