Working Equitation - die etwas andere Reitsportart ist in Nordkirchen zu Hause

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Working Equitation stammt von der alten europäischen Arbeitsreitweise ab. Daraus entwickelte sich eine in Deutschland noch junge Reitsportart. Es geht um Geschick und Vertrauen.

von Jana Lorra

Nordkirchen

, 10.09.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Reiterin hält ihr Pferd neben einer blauen Tonne an und nimmt sich eine Lanze heraus. Mit der Lanze in der Hand reitet sie im kontrollierten Galopp geradewegs auf einen Bullen aus Holz zu und sticht mit der Lanze den Ring auf, der oben auf dem Bullen befestigt ist. Danach steuert sie erneut in Richtung der blauen Tonne und legt dort die Lanze und den Ring wieder ab.

Bei diesem Hindernis muss Reiterin Theresa Velken auf ihrem Kaltblut mit der Lanze, auch Garrocha genannt, versuchen, in den Ring zu treffen.

Bei diesem Hindernis muss Reiterin Theresa Velken auf ihrem Kaltblut mit der Lanze, auch Garrocha genannt, versuchen, in den Ring zu treffen. © Jura Weitzel

Die Szene stammt aus dem sogenannten Stil-Trail, der ein Teil der relativ jungen Reitsportdisziplin „Working Equitation“ ist. In Nordkirchen hat Pferdewirtin Karolin Otto ihren Reitplatz zur Verfügung gestellt, um gemeinsam mit Theresa Velken einen Lehrgang zu organisieren.

Working Equitation lässt sich auf die alten europäischen Arbeitsreitweisen zurückführen. Die Vorreiter dieser Disziplin stammen vor allem aus Spanien, Frankreich und Portugal.

Damit die unterschiedlichen Arbeitsreitweisen nicht in Vergessenheit geraten, hat sich ein internationaler Verband, die WAWE (World Association for Working Equitation), gegründet und damit auch gleichzeitig Standards für Vergleichswettkämpfe festgelegt. Seit 2008 hat auch Deutschland einen nationalen Verband, den WED (Working Equitation Deutschland).

Turnier besteht aus mehreren Teildisziplinen

Heutzutage besteht eine Prüfung auf einem Working-Equitation-Turnier aus vier Teilwettbewerben: Dressur, Stil-Trail, Speed-Trail und der Rinderarbeit, die optional ist. Angeboten werden wie auf vielen anderen Reitsport-Turnieren die Klassen E bis S, wobei in der Working Equitation in der Klasse S jede Teildisziplin einhändig geritten werden muss.

Außerdem wird grundsätzlich ohne Sperr-Riemen geritten, damit die Richter die Maultätigkeit des Pferdes besser beobachten kann und sieht, ob das Pferd zufrieden ist. Der Lederriemen läuft im klassischen Reitsport vor dem Gebiss her.

In der Working Equitation wird ab der Klasse S jeder Teilwettbewerb einhändig geritten.

In der Working Equitation wird ab der Klasse S jeder Teilwettbewerb einhändig geritten. © Jura Weitzel

Die Dressur im Working Equitation ist ähnlich der Dressur im klassischen Reitsport: Es werden verschiedene Lektionen vorgestellt. Der wichtigste Unterschied ist, dass bei der Dressur in der Working Equitation jede Pferderasse und Pferde jeden Alters die gleiche Chance haben. Es geht hierbei nicht vorwiegend um ausdrucksstarke Bewegungsabläufe des Pferdes, sondern um die Ausführung der Lektionen, die Reinheit der Gänge und die Hufschlagfiguren.

„Die Dressur in der Working Equitation ist so, wie Dressur eigentlich sein sollte, nämlich das Pferd im Rahmen seiner Möglichkeiten zu präsentieren. Dabei ist sie aber nicht weniger anspruchsvoll als die Dressur auf den klassischen Reitturnieren, eher sogar anspruchsvoller“, erklärt Karolin Otto, Pferdefachwirtin aus Nordkirchen.

Julia Lünstedt ist als Trainerin eingeladen

Zusammen mit Theresa Velken hat Otto einen Lehrgang zur Reitweise der Working Equitation in Nordkirchen auf ihrer Anlage organisiert. Als Trainerin haben sie Julia Lünstedt eingeladen, die regional für Lehrgänge im Working Equitation unterwegs ist.

Insgesamt nahmen 19 Reiterinnen und Reiter an dem Lehrgang teil. Einige haben Working Equitation zum ersten Mal ausprobiert, andere hatten bereits Erfahrung mit der modernen Reitdisziplin.

Karolin Otto und Theresa Velken organisierten den ersten Working Equitation Lehrgang im Münsterland.

Karolin Otto und Theresa Velken organisierten den ersten Working Equitation Lehrgang im Münsterland. © Jura Weitzel

Der Lehrgang konzentrierte sich vorwiegend auf den Trailparcours. Ein Trailparcours besteht aus circa 10 bis 15 verschiedenen Hindernissen, wie zum Beispiel einer Brücke zum Darüberreiten, Tonnen zum Umrunden, einem Parallel-Slalom, einem Tor oder einer Gasse.

Die Hindernisse müssen auf eine bestimmte Art und Weise und in einer festgelegten Reihenfolge ausgeführt werden. Auf einem Turnier wird später der Trailparcours einmal auf Stil und ab der Klasse L auch auf Zeit geritten.

Hindernisse sind selbst gebaut

Um optimale Trainingsbedingungen zu gewährleisten, bauten Otto und Velken im Vorfeld viele verschiedene Hindernisse auf, die sie zuvor selbst gefertigt hatten. Im Münsterland sind sie zurzeit die einzigen, die einen Lehrgang in der Working Equitation angeboten haben. Auch in Zukunft möchten sie Lehrgänge anbieten und das Angebot im Hinblick auf Working Equitation ausbauen.

„Aktuell ist es noch eine kleine Community, die allerdings stetig wächst. Im Vordergrund stehen vor allem das nette Miteinander und den Sport zu genießen“ sagt die Trainerin Julia Lünstedt.

So sieht der Sandplatz in Nordkirchen aus, auf dem der Lehrgang stattgefunden hat.

So sieht der Sandplatz in Nordkirchen aus, auf dem der Lehrgang stattgefunden hat. © Jura Weitzel

Ebenfalls erzählt Lünstedt, dass die Weltmeisterschaftspferde, die die WM gewonnen haben, zusammen keine 10.000 Euro gekostet haben. Im Vergleich zu klassischen Reitturnieren wäre solch ein niedriger Preis sehr unüblich. Otto ergänzt, dass es in der Working Equitation eben nicht auf das Gangwerk oder die Abstammung des Pferdes ankommt. „Richtig reiten reicht“, sagt Velken - das ist der Hauptkern der Working Equitation.

Pferdemessen lösten Interesse an der Sportart aus

Velken und Otto lernten die Working Equitation vorwiegend durch Pferdemessen kennen und probierten die Reitsportdisziplin daraufhin aus. Das erste Turnier ließ nicht lange auf sich warten und mittlerweile sind die beiden große Fans. Velken ritt vorher auf den klassischen Reitturnieren bis zur Klasse L in der Dressur, Otto platzierte sich in Dressurprüfungen der Klasse S.

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Velken gefällt an der Working Equitation besonders, dass „die Aufgaben visualisiert werden. Du reitest nicht einfach auf einem Sandplatz einen Zirkel, sondern du reitest einen Kreis um die Tonnen herum. Dabei bekommen auch die Pferde eine Idee, was gemacht werden soll, und beginnen mitzudenken.“ Die Hindernisse sehen zwar für das menschliche Auge einfach zu bewältigen aus, für Pferde sind Flatterbänder, enge Brücken und Holzbullen aber echte Herausforderungen, weil sie von Natur aus Fluchttiere sind.

Vertrauen ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für diesen Sport, um Hindernisse wie das Flatterband erfolgreich zu meistern.

Vertrauen ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für diesen Sport, um Hindernisse wie das Flatterband erfolgreich zu meistern. © Jura Weitzel

Otto gefällt besonders die Stimmung auf den Working-Equitation-Turnieren. „Es ist total herzlich auf den Turnieren, wie eine Familie. Jeder hilft jedem und man sieht sich nicht direkt als Konkurrenten an. Am Ende wird auch ehrlich gratuliert, wenn jemand besser war, und man freut sich für den anderen.“

Ein weiterer Teil der Working Equitation ist die Rinderarbeit. Dieser Teilwettbewerb kann ab der Klasse L als vierte Disziplin mit hinzugenommen werden. Hierbei muss der Reiter ein vorher festgelegtes Rind aus der Herde selektieren. Dabei wird in der Working Equitation drauf geachtet, dass das Selektieren nicht zu hektisch durch den Reiter ausgeführt wird. Bei zu viel Hektik wird die Prüfung abgebrochen.

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