Ein erstes Ziel hat Nele Broszat schon erreicht: Sie ist für die U16-Nationalmannschaft im Volleyball nominiert worden. Ihre Trainingsumfänge wird sie aber bald schon steigern müssen.

Nordkirchen

, 09.12.2018 / Lesedauer: 6 min

Im Flur der Dachgeschosswohnung von Familie Broszat fällt der Blick gleich auf Neles Zimmertür. Wo bei vielen Jungs Marco Reus oder Lionel Messi an der Wand hängen würden, ist es die Volleyball-Nationalmannschaft an Nele Broszats Zimmertür. Es ist kein Geheimnis, dass die 14-jährige Schülerin aus Nordkirchen selbst gerade erst eine ganz große Hürde genommen hat, um eines Tages selbst auf dem Mannschaftsbild aufzutauchen. Nele Broszat ist im November für die Jugend-Nationalmannschaft nominiert worden.

Nele Broszat war schon immer groß für ihr Alter. In ihrer Klasse ist sie die Größte, in ihren Jugendmannschaften von Union Lüdinghausen, in denen sie seit sechs Jahren Volleyball spielt, ebenfalls. 1,86 Meter ist Nele Broszat groß, das Wachstum haben die Eltern durch einen Osteopathen begleiten lassen. Die Größe bringt natürlich Vorteile am Netz, Nele Broszat ist prädestinierte Mittelblockerin.

„Die Annahme beziehungsweise die Abwehr sind bei mir nicht ganz gut“, sagt Nele Broszat und lacht. Hochspringen und den Ball noch bei der Netzpassage blocken oder der Angriff über die Mitte sind ihre Jobs auf dem Court. Dass die Größe Auswahlkriterium ist, daraus macht ihr Bundestrainer Jens Tietböhl (55) keinen Hehl: „Bei uns schaffen es auch Spielerinnen, die besonders schnell sind oder hochspringen können. Aber die Körpergröße ist auch ein Kriterium.“

Wie Jugend-Nationalspielerin Nele Broszat (14) aus Nordkirchen Schule und Sport vereinbart

In ihren Mannschaften war Nele Broszat (hinten, Mitte) immer die größte Spielerin. © Broszat

Der Bundestrainer hält große Stücke auf Nele Broszat. „Das Talentpotenzial ist riesig“, sagt er und hat sich im Bundesleistungszentrum Kienbaum bei der fünftägigen Sichtung für die Jugend-Nationalmannschaft gerade selbst davon überzeugt. Seit 1995 sichtet Tietböhl die Mädchen und nutzt dafür den Bundespokal, ein Turnier, bei dem die Auswahlmannschaften der einzelnen Landesverbände gegeneinander spielen. Dann verteilt er die Einladungen. Eine solche landete auch bei Nele Broszat.

Nominierung kam im November nach der Bundessichtung

In einem Seminarraum erfuhr Broszat feierlich von ihrer Nominierung, als ihr Foto und ihr Name am letzten Sichtungstag auf einer Leinwand auftauchten. 56 Volleyballerinnen aus den Landeskadern standen auf dem Prüfstand, 23 von ihnen schafften den Sprung in den Kader der U16-Nationalmannschaft - darunter auch die Nordkirchenerin.

„Wir haben freitags dann den Anruf von Nele bekommen“, sagt Mutter Kerstin Broszat über den Moment, in dem sie erfuhr, dass ihre Tochter dabei ist. Ihr erster Einsatz könnte das Wevza-Turnier (Western European Volleyball Zonal Association), ein Nationenturnier mit Auswahlen aus Frankreich, Italien oder Spanien, vom 7. bis zum 13. Januar 2019 werden. Zuvor gibt es vom 2. bis 7. Januar in Aachen einen Lehrgang, bei dem dann die Bundestrainer zwölf Mädchen in den Kader für das Turnier nehmen werden. Dann hofft auch Nele Broszat auf den ersten Einsatz mit der Nationalmannschaft, in der sie noch Jungjahrgang ist.

Wie Jugend-Nationalspielerin Nele Broszat (14) aus Nordkirchen Schule und Sport vereinbart

Nele Broszat hat bereits ein Trikot der Nationalmannschaft erhalten. © Sebastian Reith

„Das letzte Ziel, das ich lange hatte, war die Jugend-Nationalmannschaft. Das nächste Ziel ist, beim Wevza-Turnier mitspielen zu dürfen“, sagt Broszat. Langfristiges Ziel: Volleyball auf hohem Niveau zu spielen. Union Lüdinghausens erste Mannschaft spielt in der Regionalliga, in Münster gibt es Bundesliga-Volleyball beim USC. Leben kann man vom Sport nur auf höchstem Niveau. Für viele USC-Spielerinnen ist die Bundesliga ein Zubrot neben dem Studium.

Hanna Orthmann ist Nele Broszats großes Vorbild

Einen Weg, wie es gehen kann, hat vor einigen Jahren Volleyballspielerin Hanna Orthmann hingelegt - eines der großen Vorbilder für Nele Broszat. Die 20-Jährige ist bereits Nationalspielerin und hatte von ihrem Heimatverein Lüdinghausen den Sprung zum USC Münster geschafft. Bis 2016 lebte Orthmann im Sportinternat in Münster. Nele Broszat fuhr damals regelmäßig zu Heimspielen des USC. Noch zu Union-Zeiten spielte Orthmann in der ersten Mannschaft, Nele Broszat in der Jugendmannschaft - beide kennen sich, auch daher ist Hanna Orthmann ein Vorbild. Mittlerweile spielt sie in Italien in der ersten Liga. Tietböhl: „Für jede junge Spielerin ist es ein Traum, in Italien zu spielen. Alles richtig gemacht.“

Volleyball-Gene hat Nele Broszat nicht in die Wiege gelegt bekommen. Die Eltern spielten beide Basketball. Für Nele wäre das nichts. Vor sechs Jahren begann sie mit Volleyball. Das Nachwuchstalent war damals gerade erst acht Jahre alt. In der dritten Klasse entdeckte Niklas Domanik, noch heute Nele Broszats Heimtrainer in Lüdinghausen, die Schülerin in einer AG. Domanik lud Nele Broszat zum Schnuppertraining ein. Vorher tanzte sie Ballett, spielte in jungen Jahren bereits Golf und schwamm bei der DLRG.

Der Zeitaufwand ist groß und wird noch wachsen

Der Zeitaufwand für Volleyball für Nele Broszat in der Woche ist groß. Der Wochenkalender ist voll mit Volleyball. Montags und freitags trainiert sie in den Mannschaften von Union Lüdinghausen mit, mittwochs und donnerstags fährt sie zum NRW-Stützpunkttraining nach Münster.

Der einzige freie Tag ist der Dienstag, an dem Nele Broszat aber regelmäßig Termine beim Physiotherapeuten wahrnimmt - bisher nur prophylaktisch, um neben dem normalen Training einen Ausgleich zu haben. Auch Stabilisationstraining macht Nele Broszat bereits jetzt. „Es ist wichtig, um die Gelenke zu schonen“, sagt Mutter Kerstin Broszat. Mit dem Muskelaufbau sollen auch Folgeschäden minimiert werden. „Klar ist, dass irgendwann Verschleißerscheinungen entstehen“, weiß Nele Broszat.

Pendeln zwischen vier Mannschaften

Spiele am Wochenende stehen in mehreren Mannschaften an. Bereits mit 14 Jahren spielt Nele Broszat fest in der dritten Damenmannschaft in der Bezirksliga (7. Liga) und hilft gelegentlich in der 5. Liga bei der Verbandsliga-Mannschaft aus. Wenn die Erwachsenen für die Jugendspieltage pausieren, spielt Nele Broszat in der U16 in der Oberliga und in der U18 in der NRW-Liga.

Und der Aufwand wird sich wohl noch vergrößern, wenn Nele Broszat ganz nach oben will. Tietböhl nennt Nele Broszats derzeitiges Pensum für angemessen. Dass sie zum Physio geht, sei exzellent. Aber es wird sich vergrößern. „Es kommt darauf an, ob jemand bereit ist, für den Sport mehr zu machen. In Lüdinghausen gibt es gute Bedingungen, die irgendwann aber nicht mehr reichen werden“, sagt Tietböhl.

Nele Broszat muss irgendwann auch ins Sportinternat

Ein Top-Talent erahne man nur. „Entscheidend wird sein, für welchen Weg sich die Spielerinnen entscheiden“, sagt Tietböhl. Der sei für Nele Broszat wie bei Hanna Orthmann, die damals auch unter Tietböhl den Sprung zur Nationalmannschaft schaffte und mit 16 ins Internat ging, vorgegeben: Im Volleyball-Internat am Leistungszentrum Münster seien Schule, Sport und medizinische Betreuung besser verzahnt. Pro Doppeljahrgang schaffen es zwei bis drei Talente tatsächlich in die A-Nationalmannschaft. Weitaus mehr Spielerinnen schaffen es in die Bundesliga.

Umgebung und Förderung sind wichtig

Auch ihr Heimtrainer Niklas Domanik, der Nele vor sechs Jahren zum Volleyball gelotst hat, hält Talent allein nicht für ausreichend. „Die Umgebung und die Eltern sind wichtige Aspekte. Wenn die Eltern eine Spielerin nicht unterstützen, reicht es nicht“, sagt er. Für Union Lüdinghausen ist das Fluch und Segen zugleich. „Wenn wir Talente gerade entwickelt haben, gehen sie woanders hin. Man ist auf der einen Seite stolz, guckt auf der anderen Seite auch auf die eigene Möglichkeit. Ich bin der Letzte, der blockt, wenn jemand die Möglichkeit hat, höher zu spielen. Es ist aber ein ewiges Problem der ersten Mannschaft, dass wir Spielerinnen nach oben weitergeben.

Befreiung in der Schule für wichtige Sichtungen

Die Neuntklässlerin des St.-Antonius-Gymnasiums in Lüdinghausen wird für wichtige Volleyball-Termine von der Schule befreit, muss den Stoff aber nachholen. Zeit für Schule und Hausaufgaben habe Nele Broszat aber trotz der vollen Tage. Vorteilhaft sei, dass Schulschluss in Lüdinghausen schon um 13.50 Uhr sei.

Um 14.30 Uhr kommt Nele Broszat dann nach Hause, hat Zeit für Mittagessen und Hausaufgaben. Ihre Lieblingsfächer sind Sport und Englisch. Das Training findet erst in den Abendstunden statt. „Wir sind stolz auf Nele, dass sie Schule und Sport zusammen stemmt und ihre Ziele verfolgt. Es ist schön zu sehen, wenn sie ein festes Ziel vor Augen hat“, sagt Kerstin Broszat. Von Druck keine Spur.

Wie Jugend-Nationalspielerin Nele Broszat (14) aus Nordkirchen Schule und Sport vereinbart

Auch für Neles kleine Schwester Lilly Broszat (r.) ist die ehemalige Lüdinghauser Spielerin Hanna Orthmann (l.) ein Riesenvorbild. © Broszat

Für die Eltern bedeutet die Förderung aber auch viel Fahraufwand. Kerstin Broszat pendelt für ihre beiden Töchter Nele und Lilly (11), die auch Volleyball spielt, regelmäßig nach Lüdinghausen. „Es sind ja nur zehn Minuten nach Lüdinghausen. Und wir haben Fahrgemeinschaften mit anderen Nordkirchenern gebildet. Das kann man sich aufteilen“, erklärt Kerstin Broszat.

Nach Münster gibt es ebenfalls Fahrgemeinschaften mit Spielerinnen aus Datteln und Senden. „Es ist eine Frage der Organisation. Die Mädchen haben Spaß. Es ist gut, dass sie Volleyball spielen. In Münster kriegt man die Zeit aber auch gut rum“, sagt Kerstin Broszat.

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