Michael Reiche fährt 1100 Kilometer ohne Schlaf

Radsport: "Race across Germany"

Wer von Flensburg mit dem Auto Garmisch-Partenkirchen erreichen möchte, braucht etwa zehn Stunden. Die Bahn benötigt ähnlich lange. Michael Reiche will die etwa 1100 Kilometer lange Strecke mit dem Rad fahren – möglichst ohne abzusteigen, ohne zu schlafen und in angepeilten 48 Stunden.

SCHWERTE

, 13.07.2016, 05:43 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn Reiche am Sonntagmorgen das Ortsschild Garmisch-Partenkirchen passiert, endet eine Reise, die im Oktober 2015 begann. Damals entschied sich sein Sohn Steffen gegen den Leistungsradsport, Michael Reiche konnte sich nun vermehrt auf seine persönliche Radleidenschaft konzentrieren.

Die Gedanken an das "Race across Germany", das dieses Jahr zum zwölften Mal veranstaltet wird, kreisten schon Jahre in seinem Kopf, nur jetzt nicht mehr im Stand-by-Zustand. Nach dem Okay seiner Frau Heike begann Reiche, Vorsitzender des RSC "77" Schwerte, mit dem Training. Mit dem Training für 1100 Kilometer und 7500 Höhenmeter, die er in 48 Stunden abspulen will. Ohne einmal abzusteigen, ohne Pause zu machen. "Die Besten schlafen nicht", sagt Reiche trocken.

Seit Oktober formt er seinen Körper für das Extremrennen. Seit Oktober hat Reiche viele, viele Stunden im Trainingskeller verbracht. Fünfmal die Woche trainiert er – ob "auf der Rolle", draußen oder im Kraftbereich. Reiche hat eine Stoffwechselkur hinter sich, seine Ernährung angepasst, zuletzt noch zwei Kilo abgenommen. Der 49-Jährige hat seinen Körper auf Topstatus getrimmt.

Neben den körperlichen Vorbereitungen musste er aber auch organisatorische treffen. Er wird von Freitag bis Sonntag begleitet. Sohn Steffen und Vereinskollege Veit Lemke fahren im eigens für das "Race across Germany" beklebten Bus durchgehend hinterher. Sie versorgen ihn mit ausgewählter Ernährung, beobachten Herzfrequenz und – besonders wichtig – halten den normalen Autoverkehr von ihm fern.

Ansonsten ist Reiche alleine mit sich und seinen Gedanken. Das Rennen ist ein Einzelzeitfahren. Insgesamt nehmen 17 andere Fahrer daran teil. Nur 17? "Find' mal welche, die das machen", sagt Reiche lachend. Er macht es. Und er kennt die Tortur auf zwei Rädern bereits. 2007 quälte er sich durch das Paris-Brest-Rennen. "Ab Kilometer 600", kann Reiche deshalb auch einschätzen, "ist es eine Sache, die sich zu 50 Prozent im Kopf und zu 50 Prozent im Körper abspielt. Im Idealfall steige ich nicht ab."

Was auf Michael Reiche zukommt, zeigt dieses Video. Unterschied: Diese Fahrer haben sich abgewechselt, Reiche fährt die Distanz alleine:

 

Die Gefahren eines Kurzschlafs, den es auch auf dem Rad gibt, kennt er. Vor allem die bergigen Schlusskilometer muss Reiche hochsensibel fahren. "Es werden Blut und auch Tränen fließen", sagt er. "Ich habe Respekt vor den Schmerzen, freue mich aber am meisten auf die Zieleinfahrt."

Für die zwei Nächte, die er durchfahren muss, hat Reiche eine besondere Einheit eingelegt. Einmal fuhr er um 21 Uhr vom Zuhause in Holzen los, legte nachts um zwei Uhr einen kleinen Zwischenstopp in Wermelskirchen ein und kam früh morgens wieder zurück – bei drei Grad Celsius.

Donnerstag fährt das Team Reiche nach Flensburg, wo der Bürgermeister die Teilnehmer abends empfangen wird. Abends wird sich Michael Reiche noch ein Weizen als Einschlafhilfe gönnen. Vielleicht träumt er dann ja noch vom Garmisch-Partenkirchener Ortsschild. Am Freitag, 15. Juli um 8.22 Uhr fährt Reiche in Flensburg los. Zwei Tage später soll der Traum vom Ortsschild wahr werden.  

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