Schwerter Coach: Sieht man, wie es im Pflegeheim ist, muss man nicht über Fußball sprechen

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Seinen ersten Posten als Trainer hat sich der Schwerter Coach eigentlich anders vorgestellt. Das vergisst er aber schnell, wenn er sieht, was Corona in seinem Beruf auslöst.

Schwerte

, 17.11.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Sommer hat der lange Jahre in Schwerte aktive Fußballer seinen ersten Trainerposten übernommen „Läuft ja richtig gut“, sagt er ironisch und lacht. „Das habe ich mir wirklich komplett anders vorgestellt.“ Wenn der Trainer das sagt, meint er natürlich die Corona-Saison. Blickt er auf die Menschen, die er in seinem Beruf betreut, wird der Fußball aber schnell zur Nebensache.

Welf-Alexander Wemmer, der zu dieser Saison den Trainerposten beim A-Ligisten SG Eintracht Ergste übernommen hat, ist Leiter des sozialen Dienstes im Pflegeheim Haus Schwerte Dr. Kneip. Zu Beginn der Corona-Pandemie galt dort noch ein Besuchsverbot, mittlerweile dürfen Familien ihre Angehörigen unter strengen Auflagen wieder besuchen. „Das ist schon ein ganz schöner Stress. Die Besucher müssen sich zunächst telefonisch anmelden. Wenn sie dann da sind, messen wir Fieber, sie bekommen Schutzkittel und FFP-2 Masken“, erzählt Wemmer.

„Dann begleiten wir sie zu ihren Angehörigen auf das Zimmer. Das ist natürlich deutlich mehr Aufwand, neben der normalen Arbeit, aber wir wollen einfach nicht, dass die Menschen in unserem Pflegeheim alleine sind“, sagt der Fußball-Trainer. Die Bewohner gehören zur Hochrisikogruppe und müssen besonders geschützt werden. Man merke, wie wichtig, es für die Menschen sei, dass sie Besuch bekommen. „Ich fände es verkehrt, ihnen das wieder wegzunehmen.“

SG-Coach Welf-Alexander Wemmer

SG-Coach Welf-Alexander Wemmer © Manuela Schwerte

„Ich bin gerade nicht traurig, dass kein Fußball gespielt wird“

Sein Leben bestehe gerade eigentlich nur aus Arbeiten, zu Hause sein und Einkaufen, sagt der 31-Jährige. Jede Woche wird er getestet, damit das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich gehalten wird. Auch sonst achte er auf seine Kontakte, um nichts in das Pflegeheim einzuschleppen.

„Ich bin gerade nicht traurig, dass kein Fußball gespielt wird. Wenn man sieht, wie die Situation in den Pflegeheimen ist, muss man nicht über Fußball sprechen. Klar vermisse ich die Jungs und natürlich vermisse ich es auch auf dem Platz zu stehen, aber wir sollten nun so lange wie nötig die Füße still halten.“ Wemmer glaubt nicht daran, dass im Dezember wieder Fußball gespielt wird. Für sinnvoll hält er es auch nicht – aus gesundheitlicher und aus sportlicher Sicht.

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Ginge es im Dezember wieder weiter mit dem Fußball, bräuchte sein Team wohl erst mal, um wieder reinzufinden, glaubt er. „Wir halten in der Mannschaft natürlich Kontakt und haben den Spielern auch Trainingspläne gegeben, aber man kennt das ja von sich selbst: Ob sich da auch alle wirklich so dran halten und jeden zweiten Tag laufen sind? Ich gehe nicht davon aus“, sagt Wemmer und lacht.

Für die Ergster sei die Pause zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen. „Der kleine Flow, den wir hatten, ist jetzt natürlich wieder weg.“ Ergste steht auf dem 16. Tabellenplatz, hat aber auch erst vier Spiele gespielt, andere Mannschaften haben schon acht Mal gespielt. In den vorerst letzten beiden Spielen gegen die Iserlohner Turnerschaft (4:2) und SF Sümmern (1:1) konnte die SG vier Punkte mitnehmen – das war Ende September.

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„Fußball ist doch nur ein Hobby für uns“

Das Ansteckungsrisiko hält er an der frischen Luft zwar für relativ gering. „Aber dabei bleibt es ja häufig nicht, nachher sitz man noch bei einem Bierchen in der Kabine zusammen und das ist natürlich gerade problematisch“, erklärt Wemmer, warum er es nicht für sinnvoll hält, aktuell zu spielen. Die kalte Jahreszeit würde das Risiko einer Infektion zudem erhöhen. Für Kabinenpartys, die es bei Vereinen gegeben haben soll, hat er nur ein Wort übrig: „Unverantwortlich“.

„Es gibt einfach gerade wichtigere Dinge als Fußball: Menschlichkeit, Rücksichtnahme und Toleranz“, sagt Wemmer. „Fußball ist doch nur ein Hobby für uns, eine Nebensache. Man sollte an die Menschen denken, die in Pflegeheimen sind und auf vieles verzichten müssen. Die Weihnachtszeit wird schon hart genug für viele.“

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Das Pflegeheim habe extra Lichterketten angeschafft und wolle einen Baum vor dem Haus aufstellen, damit ihn alle sehen können. „Die Bewohner müssen schon viel aushalten“, sagt Wemmer. „Wir wollen es ihnen dann wenigstens so schön wie möglich machen.“

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