Warum Jens Mumm den Super Bowl verpasst, obwohl er glühender Fan ist

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Früher spielte Jens Mumm (20) aus Olfen Volleyball. Inzwischen ist der Student aber zum American Football gewechselt. Den Super Bowl kann er aber trotzdem nicht gucken.

Olfen

, 01.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Klack! Mit voller Wucht prallen die Brustpanzer von Jens Mumm und seinem Gegenspieler beim Tackling aufeinander. Jens Mumm packt seinen Gegenspieler, hebelt ihn aus und wirft ihn zu Boden. Ein Pfiff des Trainers beendet die anstrengende Übung an diesem Dienstagabend bei eiskalten Temperaturen auf einem Sportplatz in Bochum. Kurze Trinkpause. Jens Mumm nimmt den vergitterten Helm mit dem großen weinroten „R“ vom Kopf. Wir sind zu Gast bei den Bochum Rebels, bei denen Jens Mumm (20) aus Olfen seit zwei Jahren American Football spielt.

Warum Jens Mumm den Super Bowl verpasst, obwohl er glühender Fan ist

Jens Mumm (r.) versucht bei einer Übung, seinen Gegenspieler nicht vorbei zu lassen. © Sebastian Reith

Manchmal könnte einem um Jens Mumm Angst und Bange werden. Nämlich dann, wenn er auf einen dieser Kühlschränke aus seiner Mannschaft trifft, die an die 2 Meter groß sind und bis zu 40 Kilogramm schwerer als Jens Mumm. 1,80 Meter groß ist Jens Mumm - und kein Kerl mit Masse und breitem Kreuz. Furcht flößt einem Jens Mumms Statur nicht ein. Dafür ist er auf den Beinen schnell unterwegs.

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„Für jede Größe und jeden Körpertyp gibt es die richtige Position“, sagt Jens Mumm. Er ist Cornerback, also in der Abwehr ganz außen zu Hause. „Die Hauptaufgabe ist, zu verhindern, dass die Receiver der anderen Mannschaft den Pass fangen“, erklärt er. Dranbleiben an den schnellen gegnerischen Angreifern, „und dann im richtigen Moment die Hand da haben oder das Tackle setzen“, erklärt Jens Mumm.

Warum Jens Mumm den Super Bowl verpasst, obwohl er glühender Fan ist

Jens Mumm spielt seit zwei Jahren American Football. © Sebastian Reith

Trainings spätabends um 21 Uhr

Die Trainingszeit in Bochum ist spät: Von 21 Uhr an trainieren die Rebels dienstags auf einem Kunstrasenplatz bei Flutlicht. Im Hintergrund ragen die Beton-Hochhäuser der Sprach- und Gesellschaftswissenschaftler und das Audimax der Ruhr-Universität auf. Hier studiert Jens Mumm im fünften Semester Sport und Chemie im dritten Semester. Er will Lehrer werden. Zwei Stationen mit der Stadtbahn entfernt, wohnt er in einer Studenten-WG, die er vor zwei Jahren mit zwei Freunden gegründet hat. Studenten-Idylle auf 20 Quadratmetern. Gut erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Der Super Bowl brachte Jens Mumm zum American Football

Angefangen hat sein Interesse an der US-Sportart Nummer eins irgendwann mal beim Super Bowl, dem Finale um die nordamerikanische Meisterschaft. Jens Mumm verfolgte das Spiel im Fernsehen. Als er zum Studium nach Bochum zog, meldete er sich zum Probetraining bei den Rebels.

Warum Jens Mumm den Super Bowl verpasst, obwohl er glühender Fan ist

Jens Mumm zieht sich den Helm ab. © Sebastian Reith

Unterstützt wird Jens Mumm durch seine Eltern. „Die Ausrüstung war nicht gerade billig“, sagt Jens Mumm, „für alles zusammen habe ich ungefähr 600 Euro bezahlt“. Jens Mumm lacht. „Also, es wurden 600 Euro bezahlt.“ Der Mitgliedsbeitrag liegt bei 180 Euro pro Jahr. Seine Familie ist eigentlich in ganz anderen Sportarten zu Hause: Seine Mutter förderte immer die Volleyball-Laufbahn der Kinder, Vater Jost Mumm ist mittlerweile Vorsitzender des Olfener Schwimmclubs.

Vom Volleyball zum American Football

Und auch Jens Mumm, das älteste von drei Geschwisterkindern, folgte anfangs noch der Familientradition. In Lüdinghausen begann er mit Volleyball, spielte später in Lünen und parallel in Moers im Jugendbereich - bis zur Verbandsliga schaffte es der Zuspieler. „Ich wollte aber immer schon American Football spielen“, erzählt Mumm. In Bochum guckte er sich nach einer Mannschaft um und fand die Bochum Rebels. Und um Volleyball weiter parallel zu spielen, fehlte ihm einfach die Zeit.

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Jens Mumm spielt American Football

Bei der Frage, ob Volleyball ihm geholfen habe, zögert Jens Mumm und überlegt. „Schnelle Füße, schnelle Beine sind wichtig, ich bin dadurch gut in die neue Sportart reingekommen“, sagt er. Eine Umstellung sei es aber dennoch gewesen. „Jetzt habe ich eine Intervallbelastung. Wir haben für einen kurzen Moment Vollbelastung, dann ist das Play nach ein paar Sekunden vorbei und es wird neu aufgestellt. Das ist anstrengend, macht aber viel Spaß.“

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Im Training stellen sich Offense (l.) und Defense gegenüber auf. © Sebastian Reith

Stark wachsende Sportart in Deutschland

Jens Mumm ist Teil eines Trends in Deutschland. Die Mitgliederzahlen in American-Football-Teams haben sich seit dem Bestandsbericht des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) aus dem Jahr 2000 mehr als verdreifacht. Immer mehr Spieler melden sich in der Sportart an - vor allem in den vergangenen zehn Jahren liegen die jährlichen Zuwächse teilweise im zweistelligen Prozentbereich.

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Mit dem Snap, der Ballübergabe an den Quarterback (rot), beginnt ein Spielzug. © Sebastian Reith

Im Jahr 2000 spielten laut DOSB 19.000 Menschen in Deutschland American Football, 2008 waren es schon gut 32.500 Menschen, 2018 war die Mitgliederzahl dann auf 63.000 gestiegen. Kurz gesagt: American Football boomt. Im Deutschland-Ranking der Sportarten lag American Football 2018 auf Rang 33 und hatte gerade die Sporttaucher überholt. Voraussichtlich 2019 wird der Deutsche American-Football-Verband wohl auch die Ringer hinter sich lassen.

Viele junge Sportler und viele Frauen

Interessant sind an den Zahlen nicht nur die riesigen Zuwächse, von denen andere Sportarten gerne träumen, sondern auch, dass American Football im Vergleich zum Fußball einen überraschend hohen Frauenanteil besitzt: Jedes dritte Mitglied ist weiblich. Hauptgrund dafür ist, dass die Cheerleading-Vereinigung ein Unterorgan des Verbandes ist. Mit seinen 20 Jahren liegt Jens Mumm übrigens genau in der größten Altersgruppe, die der DOSB pro Sportart erhebt.

Zurück nach Bochum: Headcoach Phil Wennker geht zum Abschluss mit seiner Mannschaft diverse Spielzüge durch. Der Kader ist in mehrere Teile untergliedert. In der Regel trainiert Mumms schwarz gekleidete Defense unter Wennker getrennt von der Offense, die weiße Trikots überzieht und einen eigenen Trainer hat. Eine Trainerin kümmert sich zusätzlich um die Receiver, die das Ei möglichst bis in die Endzone tragen sollen und es dabei mit Jens Mumm zu tun bekommen. Ob es nicht seltsam ist, zwei größtenteils separierte Teams in einem Mannschaftsgefüge unterbringen zu müssen? Wennker kontert: „Ist es nicht seltsam, dass 20 Mann einen Ball nur mit den Füßen berühren dürfen und zwei auch mit den Händen?“

Warum Jens Mumm den Super Bowl verpasst, obwohl er glühender Fan ist

Trainer Phil Wennker guckt sich die Spielzüge auf dem Handy an. Jens Mumm (3.v.r.) hört zu. © Sebastian Reith

Und auch innerhalb der Defense gibt es noch Sonderpositionen. Während Jens Mumm Koordinationsübungen macht, absolviert nebenan ein Trio für sich Spezialübungen. Die Trainingsbeteiligung an diesem Tag ist gut: 30 Spieler, die meisten davon Studenten wie Jens Mumm, sind da. Gesprochen wird Deutsch, aber auch Englisch, wenn Phil Wennker die Spielzüge ansagt. Auch er merkt die steigende Popularität der Sportart in Deutschland. Er muss es wissen.

Platzsituation ist nicht ganz einfach

Die Trainingsbedingungen sind ausbaufähig: Die Rebels haben Randzeiten zugewiesen bekommen und müssen sich dienstags den Platz noch mit den Flag-Footballern teilen. Es steht also nur eine Hälfte des sowieso zu kleinen Fußballplatzes zur Verfügung. Denn ein American-Football-Feld ist 120 Yard lang, das entspricht 110 Metern. Solche Sportanlagen gibt es bislang kaum. Trotzdem ist der Verein froh, überhaupt Trainingsmöglichkeiten bekommen zu haben. Eine eigene Kabine haben die Rebels nicht. Umziehen können sich die Spieler in Containern, das Material lagert in einer Garage.

Schutzausrüstung ist wichtig für den Sport

Trotz der Schutzausrüstung, zu der Brustpanzer, Helm, Schuhe, Handschuhe und Polster für die Hose gehören, war Jens Mumm nicht ganz verletzungsfrei. Eine Knöchelverletzung durch ein Tackling setzte ihn längere Zeit außer Gefecht. „Das war echt böse und ungünstig im Zusammenhang mit dem Sportstudium. Ich habe ja auch Prüfungen“, sagt Jens Mumm. Zusätzlich geht er mittlerweile mehrmals pro Woche ins Fitnessstudio.

Jens Mumm muss für die Uni büffeln

In diesem Jahr wird Jens Mumm wahrscheinlich den Super Bowl, der in der Nacht von Sonntag, 3. Februar, auf Montag übertragen wird, gar nicht live gucken. Er schreibt am Montagmorgen nämlich Physikalische Chemie... „Ich werde es nicht schaffen. Aber ich setze mich noch einmal hin und gucke den Super Bowl komplett. Nur darf ich vorher nicht auf das Handy gucken.“

Der Super Bowl zwischen den LA Rams und den New England Patriots wird in der Nacht von Sonntag auf Montag live ab 22.45 Uhr im Fernsehen bei ProSieben oder im Internet auf ran.de übertragen. Los geht es um 0.30 Uhr. Das Ende wird für 4.30 Uhr erwartet.
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