Frauenüberschuss: Nur 15 Prozent der Reiter sind männlich, aber Männer siegen häufiger

Vinnumer Reitertage

Auffallend ist, dass so gut wie immer Männer auf schwierigem Niveau im Springparcours siegen. Warum ist das so, obwohl doch 85 Prozent der Teilnehmer bei den Reitertagen weiblich sind?

Vinnum

, 05.08.2019 / Lesedauer: 5 min
Frauenüberschuss: Nur 15 Prozent der Reiter sind männlich, aber Männer siegen häufiger

Julia Gorski trotzt dem Trend: Die Reiterin aus Marl gewann 2018 und 2019 ein S-Springen - dem Niveau, bei dem häufig Männer gewinnen. © Sebastian Reith

Rüdiger, Frank und Loris sind Raritäten. Nicht weil ihre Vornamen so ungewöhnlich wären. Sondern weil sie Männer sind und auf der offiziellen Teilnehmerliste bei den Vinnumer Reitertagen stehen. Männliche Vornamen gibt es in der Liste nämlich ziemlich wenige. 14:3 lautet das Verhältnis auf Seite 1 der 66-seitigen Liste, in der auch Rüdiger, Frank und Loris stehen.

Die Isabelles, die Pias und die Theresas überwiegen in der Liste. Und man muss schon etwas mit der Maus scrollen oder altdeutsch „blättern“, bis die nächsten Herren der Zunft in der Liste auftauchen. Unter den rund 1000 Reiterinnen und Reitern bei den Vinnumer Reitertagen sind nur knapp 15 Prozent männlich. Zufall?

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Nein, das Geschlechterverhältnis ist auch bei den Zahlen, die die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) erhebt und jährlich an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zur Bestandsaufnahme meldet, sehr eindeutig. „Rund 79 Prozent (540.690) der FN-Mitglieder sind Mädchen und Frauen. Mit 146.057 Mitgliedern ist der männliche Anteil deutlich geringer“, schreibt die FN auf seiner Internetseite über das Jahr 2018. Es sind die aktuellsten Zahlen, die vorliegen.

Ist Reiten ein Mädchending?

Reiten scheint ein Mädchending zu sein. Doch warum ist das so? Ist das Männerego wie beim Ballett dann doch zu groß für Reiten? Vermutlich ja. Vereine haben vor allem Probleme, Jungen im Kindesalter an sich zu binden. Für Reitlehrer Michael Potthink, der seit Jahren Kinder und Jugendliche im Sattel ausbildet, ist das Verhältnis nicht neu. Auf etwa fünf Jungs kommen in seinen Gruppen 50 Mädchen. „Da kannst du locker eine Null dranhängen“, sagt Potthink, dessen Sohn in Werne selbst Fußball spielt.

Frauenüberschuss: Nur 15 Prozent der Reiter sind männlich, aber Männer siegen häufiger

Michael Potthink bildet Kinder und Jugendliche im Reitsport aus. Auch ihm ist der hohe weibliche Anteil in der Sportart nicht neu. © Weitzel

Das ändert sich mit zunehmendem Alter: Ab der Gruppe der über 27-Jährigen nähern sich die Zahlen an. Bei den 41- bis 60-Jährigen sind bereits 30 Prozent der FN-Mitglieder männlich. Bei den Reitern über 60 kippt das Verhältnis radikal - doppelt so viele sind männlich. Ist Reiten also eine Mädchensportart?

Nicht-Reiter sehen in Reiten eher eine Sportart für Frauen

Es kommt auf den Blickwinkel an. Bei Nicht-Reitern ist der Anteil derer, die Reiten für eine Frauensportart halten, größer als innerhalb der Reitszene. Kathrin Schütz ist Wirtschaftspsychologin und Professorin an der Hochschule Fresenius in Düsseldorf. Sie hat in einer Studie erklärt, dass Reitsport ein Image als Frauensportart hat.

„Offensichtlich hat der Reitsport auch in diesem Bereich mit Vorurteilen zu kämpfen, die vielleicht einige Jungen und Männer vom Reitstall fernhalten. Die Stereotype werden auch durch bekannte Pferdezeitschriften wie Wendy und Lissy gestützt, die sich explizit an Mädchen richten. Vergleichbares ist für Jungen nicht zu finden“, sagt Schütz.

Potthink berichtet aus eigener Erfahrung: Mädchen gehen mit ihren Pferden anders um als Jungs. „Die tütteln den ganzen Tag mit dem Lieblingspony rum“, scherzt Potthink. Er beobachtet, dass Mädchen aber bereit sind, mehr Zeit aufzubringen.

In die starke Gemeinschaft der Mädchen kommen Jungs oft nicht rein

Vorstandsmitglied Franz-Josef Schulte im Busch hat eine Theorie: „Ich sage immer: Unsere Mädels machen etwas falsch“, sagt er. Lassen sich Jungs am Reitplatz blicken, dann ist die Gemeinschaft der Mädchen zu stark. Schulte im Busch kennt noch die Anfänge im Reitverein, als der Sport, der stark militarisiert geprägt war, von den Herren dominiert wurde. „Als ich anfing, waren gar keine Mädels zugelassen“, sagt er. In den Jahrzehnten danach kehrte sich das um. Frauen eroberten die Sportart mehr und mehr für sich.

„Als ich anfing, waren gar keine Mädels zugelassen“
Franz-Josef Schulte im Busch, Vorstandsmitglied ZRFV Lützow-Selm-Bork-Olfen

Das Vorurteil, dass Frauen eher sanftmütiger sind und die Männer Action wollen, scheint sich vor allem beim Blick auf die Disziplin zu bewahrheiten. In den Springprüfungen ist der Anteil der Männer viel höher als in der Dressur - so hoch, dass es auffällt, wenn im Dressurviereck mal ein Mann auf einem Pferd sitzt.

Männer gewinnen vor allem die schweren Klassen häufiger als Frauen

Auffallend ist, dass die Siege sich aber nicht so verteilen wie man das erwarten könnte. 20 von 85 Preisen gingen im Vorjahr an Herren. Männer gewinnen mehr Prüfungen als sie statistisch gesehen gewinnen dürften. Und noch etwas fällt auf: Je schwieriger eine Prüfung ist, desto mehr Männer siegen.

Sind Männer also die besseren Reiter? Potthink verneint. „Wir haben auch international unwahrscheinlich gute Frauen beim Reiten“, sagt der Reitlehrer. Zudem gibt es mehr Spring- als Dressurprüfungen bei den Reitertagen, an denen vermehrt Männer teilnehmen.

Julia Gorski trotzt dem Trend

Dass Männer aber mehr Prüfungen, vor allem auf hohem Level häufiger gewinnen, dürfte auch damit zusammenhängen, dass Frauen im Zuge der Familienplanung den Sport später nicht mehr so ausüben können, wie sie wollten. Die Zahlen der Frauen, die dem Turniersport irgendwann den Rücken zukehren, sind viel höher als bei Männern. Laut Schulte im Busch entstehen bei den Springen über hohe Hindernisse auch ganz andere Kräfte, bei denen Männer Vorteile haben. Eine Frau trotzt dem seit Jahren: Julia Gorski. Die Reiterin aus Marl gewann 2018 und 2019 ein S-Springen, war 2018 auch beste Frau im Großen Preis - als Neunte. 2019 schaffte sie es wieder ins Finale, wurde hier Fünfte.

Dass die FN vor einigen Jahren speziell Prüfungen für Jungen initiiert hat und das Programm „Jungs aufs Pferd“ ins Leben gerufen hat, hält Schulte im Busch für den falschen Weg. „Das gehört abgeschafft. Auf den meisten Turnieren bekommen wir nicht genug Teilnehmer an den Start. Unsere FN geht immer den leichten Weg“, sagt Schulte im Busch. Und von den Mädchen könnten sich die Jungs noch anhören, zu schlecht für gemischte Prüfungen zu sein. Falsch sei ihm zufolge auch, ein Reitabzeichen nur für die Dressur anzubieten. Das locke vermehrt Jungen an. Ein Patentrezept hat aber auch Schulte im Busch nicht. Der Sport wird auch in den nächsten Jahren in der Breite klar in Frauenhand bleiben.

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