„PSV-Team Plus“ - Das steckt hinter dem Fußballprojekt für Übergewichtige

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Es ist ein ungewöhnliches Projekt: Beim PSV Bork entsteht ein Fußballteam für Übergewichtige. Initiator Mike Kraus aus Brambauer erklärt, was ihn bewegt.

Bork

, 10.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Mike Kraus (46) hat schon viel probiert, um Gewicht zu verlieren. Er hat früher jahrelang Fußball gespielt, gründete nach einer Knieverletzung „Quantensprung“ in Lünen, den ersten Sprungstelzen-Verein in NRW, und machte später eine Paleo-Diät. Heute wiegt der 1,86 Meter große Mann wieder 116 Kilogramm. Und will wieder Gewicht verlieren.

Vor ein paar Wochen hat Mike Kraus daher ein Projekt gestartet: Er will eine Fußballmannschaft für Übergewichtige ins Leben rufen. 15 Mitspieler soll die neue Mannschaft mindestens haben, alle im Alter von 28 bis 50 Jahren. Das wäre eigentlich eine bunte Mischung für eine Altherrenrunde, die es in vielen Vereinen im Ü32- oder Ü40-Bereich schon gibt. Eigentlich.

Aufnahmekriterium ist ein BMI von mindestens 30

Aufnahmekriterium ist jedoch ein Bodymaßindex (BMI) von mindestens 30. Der BMI ist eine Formel zur Bewertung des Körpergewichts. Faktoren sind bei der Berechnung Gewicht und Größe eines Menschen. Ein 1,80 Meter großer Mann mit einem Gewicht von 80 Kilogramm hat so zum Beispiel einen BMI von 24,7 - und liegt damit an der oberen Grenze des Solls. Darüber hinaus gilt man als übergewichtig. Ab einem BMI von 30 sprechen Mediziner von Adipositas (Fettleibigkeit), die in drei Graden unterteilt ist.

Kraus hat selbst jahrelang Fußball gespielt. Gebürtig kommt er aus Brambauer, wuchs hier auf - und war sportlich aktiv. Beim BV Brambauer und beim FC Brambauer kickte er, später dann noch in einer Hobbymannschaft. 2007 dann eine schwere Verletzung: Kreuzbandriss. Im Krankenhaus bekam er einen Thrombus und eine Lungenembolie. „Das war keine schöne Zeit. Das hätte auch anders enden können. Danach stand für mich fest: Das Risiko, dass wieder etwas passiert, gehe ich nicht nochmal ein“, sagte Kraus, der vor einem Jahr in Selm ein Haus gebaut hat und seitdem in Selm lebt.

Ohne Sport nimmt Mike Kraus Gewicht zu

Ohne Sport kamen aber die Kilos. Jedes Jahr stiegen die Zahlen auf der Waage bei dem berufstätigen 46-Jährigen, der bei Aco, einem Bauelementehersteller aus Schleswig-Holstein, im Außendienst arbeitet. Der Sportmangel machte sich bemerkbar. „Ich habe mittlerweile Muskelschmerzen, weil sich die Muskeln verkürzt haben. Man fühlt sich auch so nicht wohl“, sagt Kraus.

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Mit Ernährung und Diäten habe er sich „ständig“ beschäftigt. „Es ist ein Dauerproblem und immer ein Auf und Ab gewesen“, sagt er. Äußerlich erscheint Mike Kraus gar nicht stark übergewichtig. „Das höre ich oft, aber ich habe auch 25 Kilogramm zu viel“, sagte er. Sein BMI liegt bei 31. Okay, ein Bauch ist da. Aber bei dem großen Mann verteilt sich das Übergewicht.

Erst purzelten die Pfunde - und dann kamen sie wieder drauf

Vor zwölf Jahren hatte er mit einer Ernährungsumstellung und Sport schon einmal über 20 Kilogramm abgenommen, wie er sagt. Ein Outdoor-Training gepaart mit der sogenannten Paleo-Ernährung waren damals der Schlüssel, dass die Pfunde purzelten.

Die Philosophie hinter der Paleo-Ernährung, die auch als Steinzeit-Ernährung bezeichnet wird: Der Verdauungstrakt sei auf das eingestellt, was die Menschen bis vor gut 4000 Jahren aßen:
  • Fleisch (Wildfleisch, Geflügel)
  • Fisch
  • Eier
  • Salat
  • Nüsse
  • Samen
  • (tierisches) Fett
  • Obst (vor allem Beeren)
  • Gemüse

„Das war hart, hat aber wunderbar funktioniert, bis ich mir das Knie verdreht habe und die Treppe runtergefallen bin. Dann musste ich an der Schulter operiert werden“, erzählt Mike Kraus, „und schon ging das Ganze wieder von vorne los. Mit steigendem Alter wird es auch schwieriger.“ Kraus erlebte den berühmten Jo-Jo-Effekt. Eine Diät wird wirkungslos, wenn der Mensch in seine alten Essgewohnheiten zurückfällt. Das verlorene Gewicht kommt dann schnell wieder drauf - und nicht selten noch etwas mehr.

Mike Kraus und der PSV Bork einigen sich auf eine Kooperation

Vor ein paar Wochen war dann Schluss mit lustig. „Ich habe eine Platzanlage gesucht“, erzählte er. Nachdem die SG Selm wegen Kapazitätsproblemen abgesagt habe, sagte der PSV Bork zwei Trainingstage mittwochs und freitags ab 18.30 Uhr auf dem Rasenplatz an der Waltroper Straße zu. Die Teilnehmer müssen aber Mitglied im Verein werden. 132 Euro kostet die Jahresmitgliedschaft. Geschäftsführer Dietmar De Sacco und seine Vorstandskollegen freuen sich auf das Projekt: „Das ist sehr interessant. Und wir sind ein innovativer Verein, der solche Dinge gerne mitmacht“, so De Sacco. Der PSV stellt Trainingsmaterialien und Bälle.

Mike Kraus ging in die Offensive, bewarb sein Projekt mit dem Arbeitstitel „PSV-Team Plus“ über eine schnell eingerichtete Internetseite und auf Facebook - und hat bereits 20 Interessenten auf der Liste, darunter auch Übergewichtige mit einem BMI von 43 und 200 Kilogramm Körpergewicht. Noch sucht die Mannschaft einen Trainer.

Fußball ist nicht gelenkschonend, aber die Einstiegshürde ist niedrig

Ärzte würden übergewichtigen Personen Fußball nicht unbedingt als allererste Wahl bei der Suche nach einer geeigneten Sportart empfehlen. Schwimmen und Radfahren gelten als gelenkschonender. Schließlich müssen die Gelenke neben dem Körpergewicht auch den Druck des Übergewichts aushalten.

Mike Kraus hofft aber, dass der Spaßfaktor beim Fußball den Einstieg erleichtert. „Man kann moderat starten. Mit Leuten, die Adipositas haben, kannst du nicht Vollgas geben. Die verletzen sich schnell. Jeder kann mit Fußball aber etwas anfangen“, sagt er. Viele Interessenten hätten früher bereits Fußball gespielt und wollen jetzt wieder anfangen. „Man fängt mit etwas an, was man früher schon gemacht hat“, sagt er.

„PSV-Team Plus“ - Das steckt hinter dem Fußballprojekt für Übergewichtige

Mike Kraus hat selbst jahrelang versucht, abzunehmen. 25 Kilogramm würde er gerne verlieren. © Sebastian Reith

Und in ein Fitnessstudio zu gehen, das ist nicht die Welt von Mike Kraus. „Ich habe das selbst schon probiert. Dann sitzt du da stupide in dieser Bude und machst etwas, was dir kein Spaß macht“, sagt er. Kraus setzt auch auf eine Gruppendynamik: „Im Team ist es einfacher, den anderen mitzuziehen. Und man braucht eine Verpflichtung.“ Der Verein und feste Trainingszeiten bilden für ihn einen wichtigen Rahmen.

Und was, wenn ein Spieler abgenommen hat und sich für die Mannschaft so disqualifiziert hat? „Die Spieler könnten zu den Alten Herren oder in eine dritte Mannschaft gehen. Oder vielleicht bildet sich eine zweite Truppe, wenn man den Platz dafür hat. Gehen sollen sie natürlich nicht“, sagt Mike Kraus, der in der Region kein weiteres Projekt kennt. „Eigentlich fragt man sich: Warum ist da noch keiner drauf gekommen?“

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