Rotsünder kommen wegen Coronavirus davon - wochenlange Sperren verfallen ohne Konsequenzen

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In den Fußballkreisen Unna-Hamm und Münster werden insgesamt 569 Tage an Strafen nicht abgesessen. Sollte der Betrieb in dieser Saison sogar gar nicht fortgesetzt werden, werden es noch mehr.

von Nico Ebmeier

Selm, Werne, Lünen

, 25.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mehrfache Tätlichkeiten, Bedrohungen oder „übelste Beleidigung des Schiedsrichters“ - wer sich die Offiziellen Mitteilungen der Fußballkreise Münster und Unna-Hamm durchliest, dem wird schnell Angst und Bange. Viele Vergehen könnten aber nun durch das Coronavirus fast unbestraft bleiben. Die Strafen verfallen.

Geht man davon aus, dass der Fußballbetrieb, wie aktuell noch geplant, nach dem 19. April wieder einsetzt, gab es insgesamt sechs Wochen lang keinen Fußball in der Umgebung. Das heißt aber, dass alle Spieler, die eine Sperre absitzen müssten, in dieser Zeit nicht bestraft sind, weil ihre Mannschaftskollegen bekanntlich auch durch das Virus nicht den Fußballplatz betreten dürfen.

Betrachtet wurden für eine Statistik alle ausgesprochenen Strafen seit der sechsten Kalenderwoche. Im Fußballkreis Münster werden durch den Ausfall der Spiele alleine 35 Wochen an Strafen vergeudet. In Unna-Hamm sind es sogar 77 Wochen.

Ein Rechenbeispiel: Nathalie Voß, Spielerin bei der SG Selm/Südkirchen, wurde am 8. März im Gastspiel bei Wacker Mecklenbeck III mit der Roten Karten vom Platz gestellt. Vom Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen wurde sie dazu mit einer Sperre von vier Wochen belangt. Da das Fußballgeschehen nach dem 13. März in Westfalen aufgrund des Coronavirus zum Erliegen kam und erst nach dem 19. April wieder aufgenommen werden soll, muss Voß demnach kein einziges Spiel „von der Tribüne“ anschauen.

37 Tage der Sperre verfallen wegen des Coronavirus

Noch markanter wird es bei Mustapha Boutakyout, Spieler vom SKC Maroc Hamm, der am 16. Februar gegen Eintracht Werne II vom Platz flog. Vom Kreissportgericht Unna-Hamm wurde er danach wegen Bedrohung und Beleidigung des Schiedsrichters Mhmoud Zakria mit einer fünf Monate dauernden Sperre belangt. Insgesamt muss er also 153 Tage (bis zum 19. Juli) pausieren.

Allein 37 Tage verfallen durch die wegen des Coronavirus verordneten Pause. Sollte der Spielbetrieb gar nicht mehr aufgenommen werden, musste Boutakyout für ein solches Vergehen nur knapp vier Wochen am Spielfeldrand schmoren.

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Insgesamt verfallen beim Fußballkreis Unna-Hamm damit 382 Tage Sperre, beim Kreis Münster sind es derer 187. In Münster ist Louis Große Kleimann vom SV Drensteinfurt der größte „Corona-Profiteur“. Insgesamt ist er wegen „übelster Beleidigung gegen den Schiedsrichter“ seit dem 25. Januar für drei Monate gesperrt. Bis einschließlich 26. April müsste er seiner Mannschaft von außen zu gucken, das wären 91 Tage. Sollte der Spielbetrieb nach den Osterferien tatsächlich wieder aufgenommen werden, wäre Kleimann dann nur noch für ein Spiel gesperrt.

Sperren laufen in Corona-Zeiten ins Leere

Meike Ebbert, Leiterin der Stabstelle Kommunikation im FLVW, gibt zu: „Es sieht aktuell wohl danach aus, dass diese Sperren ins Leere laufen. Da gibt in diesem Fall vielleicht ein paar Gewinner, aber so ist eben das momentane System. Ein Spieler wird beispielsweise entweder vier Pflichtspiele oder vier Wochen gesperrt. Wenn durch das Coronavirus nun die Wochen schneller umgehen, ist es leider so.“

Dass genau das ein Problem der aktuellen Verbands-Satzung ist, weiß auch Norbert Krevert, Kreisvorsitzender des FLVW Münster: „Momentan wird ein Spieler immer für einen Zeitraum oder für eine gewisse Anzahl Spiele gesperrt. Eben das, was schneller beendet ist. Uns ist durchaus bewusst, dass sich Spieler deshalb extra vor Totensonntag oder Ferien die Fünfte Gelbe Karte abholen, um eben Bestmöglich dabei weg zu kommen.“

Rotsünder hatten Glück wegen des Coronavirus

Und im aktuellen Fall? „Da muss man wohl leider sagen, dass diese Spieler dann Glück hatten. Ich will dem Verband hier nicht in einer Entscheidung vorweg greifen, denke aber, dass diese Sperren einfach ablaufen werden.“

Zum 1. Juli, also zum Beginn der neuen Saison, wird es deshalb auch eine Satzungsänderung beim Fußball- und Leichtathletikverband geben, hofft Krevert zumindest: „Es spricht vieles dafür, dass wir ab dem 1. Juli nur noch Spielsperren verhängen werden. Es ist zwar noch nicht beschlossen, wäre aber der richtige Weg.“

Weiterer Saisonverlauf ist bisher noch unklar

Auch zum weiteren Saisonverlauf kann sich Norbert Krevert noch nicht äußern. „Der Verband hat sich mit dem 19. April einen Puffer geschaffen, der aber wahrscheinlich nicht reichen wird. Wieso sollte der Amateurbereich schon wieder anfangen, zu spielen, wenn die Profis noch pausieren?“

Die 3. Liga beispielsweise hat nun schon sicher eine Pause bis zum 30. April verordnet bekommen. „Es gibt momentan eben auch wichtigere Dinge als Sport“, macht er klar. Auch, wenn er sich natürlich über einen möglichst schnellen Wiederbeginn der Fußballserie freuen würde.

Wenn die Saison aber tatsächlich noch fortgeführt werden sollte, gibt es auch aktuell noch keinen wirklich Plan, wie die letzten Saisonspiele ausgeführt würden. „Klar ist, dass es keine Entscheidung gibt, die alle zufrieden stellt. Und das macht es so schwer“, gibt Krevert zu. „Selbst wenn wir wirklich ab Mai durch Englische Wochen alle verbliebenen Spieltage absolvieren würden, wären die, die wochentags lange arbeiten, dadurch benachteiligt. Es wird eine Lösung geben, wann die kommt und wie sie lauten wird, ist bisher noch völlig unklar.“

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