Acht Spanier träumen von der Zukunft in Deutschland

Über Fußball zum Job

Spanien gehört zu den EU-Staaten mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit. Acht junge Spanier suchen derzeit für vier Wochen im Münsterland nach einer Chance auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. Helfen sollen den Jungs aus Granada dabei ihr Fußball-Talent und Holger Möllers, Trainer beim Bezirksligisten TuS Ascheberg.

ASCHEBERG

, 24.07.2014, 05:26 Uhr / Lesedauer: 4 min
Beim Ausflug nach Münster spüren die acht Spanier endlich wieder Sand unter ihren Füßen. Allerdings bei »nur« 27 Grad Celsius. In ihrer Heimat in Granada sind es aktuell 38 Grad.

Beim Ausflug nach Münster spüren die acht Spanier endlich wieder Sand unter ihren Füßen. Allerdings bei »nur« 27 Grad Celsius. In ihrer Heimat in Granada sind es aktuell 38 Grad.

Sie lud Möllers und seine Familie zum Urlaub nach Granada ein. Dort kam der Ascheberg-Coach beim Besuch eines Spiels von Arenas de Armilla mit dem Präsidenten des Klubs, Augusto Delgado Torres, ins Gespräch. „Wir sprachen über die Möglichkeit, ein Trainingslager in Spanien durchzuführen. Er sagte, wir können gerne kommen. Aber im Gegenzug würde er auch einige Spieler nach Deutschland schicken“, berichtet Möllers über die Anfänge des Austauschs. Ein paar Wochen später flog er nochmal für ein verlängertes Wochenende nach Spanien. Präsident Torres hatte bereits Spieler ausgesucht, die seiner Meinung nach das Potenzial haben, in Deutschland höherklassig zu spielen. Nicht in der Bundesliga. Oder in der zweiten Liga. Aber zumindest so hoch, dass neben ein paar Euro Aufwandsentschädigung, vielleicht ein Ausbildungsplatz vermittelt und ein Zimmer in einer WG gestellt wird. Möllers schaute sich ein Spiel mit den ausgewählten Spielern an und vereinbarte einen Termin für einen Deutschland-Besuch. Seit zwei Wochen sind die Spanier in Deutschland. Als sie kamen, stand bei der WM in Brasilien gerade das Viertelfinale an. Das spanische Team war zu diesem Zeitpunkt schon längst nach Hause geflogen und die Spieler weiter in ihren nur bedingt verdienten Urlaub. Der Reisetross aus Granada hingegen hatte noch die Hoffnung, dass die Träume in Erfüllung gehen. Mit an Bord des Flugzeugs waren auch Präsident Torres und Elexandra Malz, die die Jungs in der ersten Woche begleiteten.

Der Heimatverein bezahlt eine Wohnung in Capelle für die acht Spieler. Auch Möllers schaute an den ersten drei Tagen immer wieder bei den Jungs vorbei, zeigte ihnen den TuS Ascheberg und stellte die eigenen Spieler vor. Dann ging es auch schon an den Ball. „Beim ersten Training haben wir direkt mal Deutschland gegen Spanien gespielt“, sagt Möllers. 0:0 hieß es nach 40 Minuten. Im Elfmeterschießen hatte Spaniens Delegation mit 3:2 die Nase vorn. Die zweite Partie endete deutlicher. Verteidiger Víctor Almohano González erinnert sich und lächelt: „7:2 für uns.“ Mit den Teamkollegen für die nächsten vier Wochen verstanden sich die Spanier auf Anhieb gut. „Es sind alles sehr nette Leute hier“, sagt Augusto Garrido Lopéz. Und so grün sei es in Deutschland überall. Mit Elexandra Malz machten die acht Iberer schon ein paar Ausflüge. Sie fuhren mehrfach nach Münster und machten eine Stadionbesichtigung in Dortmund. „Ein sehr schönes Stadion“, sagt Jordi Susliotti Cucchisi über den Signal-Iduna-Park. Große Stadien kennen die Spanier allerdings. Vier von ihnen sind Fans des FC Barcelona, die anderen vier von Real Madrid. Deutsch spricht keiner von ihnen. An ihren Schulen wurde das auch gar nicht angeboten. „Da gibt es nur Englisch und Französisch. Und mittlerweile Chinesisch“, sagt Garrido Lopéz. Er selbst hatte in Spanien bereits ein Sportstudium aufgenommen. Am liebsten würde er das in Deutschland fortführen. Zusätzlich könnte er Spanisch studieren – auf Lehramt.

Deutsch zu lernen, hat dafür aber oberste Priorität. Für alle. Nur so können sie sich wirklich in Deutschland integrieren. Und das wollen sie. Oscar Franco Cribera hat in Spanien bislang als Landschaftsgärtner gearbeitet. Holger Möllers, Trainer vom TuS Ascheberg, hilft den acht jungen Leuten, einen Eindruck von Deutschland zu bekommen und ihre Zukunft zu planen. Diese liegt vielleicht irgendwo auf einem Fußballplatz in Westfalen. Um in Deutschland bleiben zu können, würde er nochmal einen neuen Beruf erlernen. „In Spanien habe ich für sieben Monate einen Job bekommen. Länger nicht“, erzählt er. Den Rest des Jahres war er arbeitslos. Wie mehr als jeder zweite junge Mensch in Spanien. Nur Griechenland (58 Prozent) hat eine noch höhere Jugendarbeitslosigkeit. Mit Deutschland verknüpfen sie nun ihre großen Hoffnungen. Über Probetrainings, die Möllers vermittelt, wollen sie bei Ober- oder Verbandsligisten Fuß fassen und ihre Heimat verlassen. Wohl fühlen sie sich hier. Auch wenn es für sie etwas zu kalt ist. „Es gibt nichts, was weniger Sinn macht, als sich in Deutschland ein Cabrio zu kaufen“, schrieb Almanho González über seinen Twitter-Account.

Die achtköpfige WG hilft sich gegenseitig. Sie kochen zusammen, gehen einkaufen. Dabei ist es gar nicht so leicht, alle Zutaten für spanische Gerichte in Deutschland zu bekommen. Meistens gibt es daher Nudeln mit Hähnchenfilet. Auch die Marken im Lebensmittelladen sind andere als in Spanien. „Von uns übernommen haben die Deutschen nur den Fußball-Stil“, sagt Garrido Lopéz und lacht. Die WM haben sie sich natürlich angeschaut. Und obwohl Jordi Susliotti Cucchisi gebürtiger Argentinier ist, feierten sie nach Götzes Tor und dem 1:0-Sieg der Deutschen. „Wir waren am Kreisel in Münster. Da waren die Leute schon verrückt. Aber nicht so verrückt, wie in Spanien“, sagt Garrido Lopéz. Hier lief alles sehr friedlich ab. In Spanien käme es auch mal zu Handgreiflichkeiten.

Die deutschen Fans machten einen guten Eindruck, wie das gesamte deutsche Team. „Schweinsteiger, Khedira, Neuer, Özil, Müller, Klose“, bei der Antwort auf die Frage nach ihrem Lieblingsspieler aus dem deutschen Team sind sich die Spanier nicht einig. Bei den Namen der deutschen Spieler schwingt Anerkennung und Respekt mit. Jordi Susliotti Cucchisi antwortet auf dieselbe Frage mit: „Mascherano.“ Das verlorene Finale schmerzt noch sehr. Und auch wenn der argentinische Nationalspieler nicht viel mit Deutschland zu tun hat, Susliotti Cucchisi und die anderen Spanier wollen es bald haben. „Meine Familie will, dass ich den Aufenthalt in Deutschland genieße. Und wenn ich hier eine Chance auf Arbeit habe, bleibe ich auch“, sagt Garrido Lopéz. Dass es ihm ernst ist, zeigt er dadurch, dass er schon ein paar deutsche Worte sprechen kann. „Gute Nacht. Bis morgen. Tempo! Schieß! Tor!“ Die letzten Worte helfen ihm auf dem Fußballplatz. Und von dort will er es ins deutsche Berufsleben schaffen.

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