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Der SV Stockum war Anfang des Jahres am Abgrund. Zahlreiche Spielerabgänge sorgten für erhebliche Probleme. Jetzt sieht es deutlich besser aus - verantwortlich dafür sind zwei Menschen.

Stockum

, 23.05.2019 / Lesedauer: 6 min

Yassine Najih und Zakaria Slimani lachen sehr viel. Die beiden sind gut drauf. Man merkt ihnen ihre enge Verbindung an. Da verstehen sich zwei miteinander. Najih schwärmt von dem tollen Rasen an der Anlage des SV Stockum, Slimani stimmt zu und witzelt darüber. „Du wirfst dich bestimmt gleich auf den Rasen“, sagt Slimani zu Najih.

Najih ist Geschäftsführer des SV Stockum, Slimani ist Trainer der ersten Mannschaft. Vor einem halben Jahr hätte es sein können, dass keiner der beiden irgendeine Funktion mehr beim SV Stockum ausführen könnte. „Die Wahrscheinlichkeit war ziemlich hoch“, erklärt Najih auf die Frage, ob die Existenz des SV Stockum vor einem halben Jahr bedroht war. Was war damals passiert? Gleich neun Spieler verließen den SV Stockum in der Winterpause, dazu noch der Sportliche Leiter. Der Verein stand von einem auf den anderen Tag fast ohne erste Mannschaft da.

Wenn Najih heute über den Tag von damals redet, tut er das in Gelassenheit. Diese Gelassenheit hatte er damals aber nicht. Es war der 30. Dezember als der SVS-Geschäftsführer gleich sieben Abmeldungen im Briefkasten vorfand. Tolga Köroglu, Enes und Hamza Tozlu, Ismail und Abbussamed Cördük, Sezer Canikli, Mehmet Kilic, Ibrahim Saadouni und Tunahan Sari verließen den Verein. Lediglich die Abgänge von Köroglu und Canikli standen vorher fest und waren mit dem Verein abgesprochen. Der Rest kam unerwartet und hinterließ Najih in Schockstarre. Es folgten Anrufe beim Trainer, zum damaligen Zeitpunkt Ralf Gondolf, und dem Sportlichen Leiter, Moritz Englicht. Die Mannschaft wurde zusammen getrommelt, mit den Spielern, die den Verein bald verlassen würden. Najih wollte Antworten.

Die Wiedergeburt des SV Stockum: Wie zwei Personen den Verein vor dem Aus retteten

Yassine Najih (l.) und Zakaria Slimani verstehen sich sehr gut miteinander. © Döring

Najih hat die Spieler damals persönlich konfrontiert, die Frage gestellt: „Warum hast du dich abgemeldet?“ Najih erinnert sich an die lapidare Antwort eines Spielers: „Weil die Anderen sich auch abgemeldet haben und ich gucken will, was die so machen.“ Ein wirklicher Grund ist das für Najih nicht gewesen. Najih wollte eine vernünftige Erklärung. Was war los? Warum ist die Identifikation mit dem Verein nicht mehr da? „Eine Antwort, die mich zufriedenstellt, habe ich nicht bekommen.“ Najihs Vermutung: Die Mannschaft hatte sich auseinander gelebt. Die Spieler, die den Verein am Ende verließen, waren schon ziemlich gut miteinander befreundet. „Das Einzige, was mir klar war – wenn einer geht, dann wird es eine Kettenreaktion geben“, erzählt er. „Das sind Spieler, die haben sich hier selber entsorgt. Das war nicht schön gewesen, aber da stehen wir jetzt drüber.“

Umstimmung war nicht mehr möglich

Eine Umstimmung der Spieler wäre so kurzfristig nicht mehr möglich gewesen. Erst im Nachhinein soll Najih erfahren haben, dass die Spieler da schon längst mit anderen Vereinen über ihr Vorhaben gesprochen haben sollen und sich woanders angeboten haben. „Das finde ich ein bisschen dreist und frage mich, warum die Spieler nicht mit offenen Karten gespielt haben.“

Auch die Situation um den damaligen Sportlichen Leiter hat zu den Problemen beigetragen. Laut Najih war Moritz Englicht mit der Situation überfordert zu dem Zeitpunkt. „Da will ich aber keinen Vorwurf machen. Manchmal kommt da Berufliches dazu, dann noch Privates. Dann kommt es aber auch mal vor, dass manche Dinge nicht auffallen.“ So hätten die Abmeldungen womöglich vermieden werden können. Dem war aber nicht so. Die Kommunikation zwischen Najih und Englicht ist zum damaligen Zeitpunkt auf der Strecke geblieben. Englicht trat als Sportlicher Leiter zurück, eine Knie-Operation stand für ihn an. Yassine Najih wurde daraufhin selbst zum Sportlichen Leiter. Trotzdem will er festhalten: „Das ist für uns alle ein Hobby, das soll uns Spaß machen, das machen wir ehrenamtlich.“

Während in den folgenden Tagen viele noch ihren Silvester-Kater verarbeiteten oder im Urlaub waren, ging es in Stockum hoch her. Der Vorstand traf sich innerhalb der nächsten Tage gleich mehrmals. Sogar die Möglichkeit einer Abmeldung der ersten Mannschaft wurde in Betracht gezogen. Am Ende blieb aber nur eine Option für den SVS-Vorstand übrig: Die erste Mannschafte sollte bleiben und der Verein so aufrechterhalten werden. „Priorität hatte die erste Mannschaft in der Kreisliga A. Dazu konnten wir uns echt glücklich schätzen eine stabile zweite Mannschaft zu haben, die damals sogar um den Aufstieg mitgespielt hat.“ Acht Spieler gingen dann aus der zweiten Mannschaft aus der Kreisliga C in die A-Liga.

Die Wiedergeburt des SV Stockum: Wie zwei Personen den Verein vor dem Aus retteten

Yassine Najih (l.) und Zakaria Slimani haben mit dem SV Stockum noch viel vor. © Döring

Kompletter Umbruch

„Wir mussten diesen Schritt machen, aus einer Mannschaft dann zwei zu machen“, erklärt Najih. Der Verein stand damals mit dem Rücken zur Wand. Najih und die weiteren Vorstandsmitglieder mussten darauf hoffen, dass die Spieler der zweiten Mannschaft dazu bereit sind in die erste Mannschaft zu gehen und die möglichen Aufstiegsambitionen in der Kreisliga C zur Seite zu legen. „Wäre die Mannschaft zusammen geblieben, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir aus der Kreisliga C noch aufgestiegen wären“, glaubt Najih. Am Ende ist die Reserve mit einem kleinen Kader Dritter geworden und hat den Aufstieg knapp verpasst.

Gleichzeitig bedeutete dies aber auch, dass es einen kompletten Umbruch geben würde. Zakaria Slimani sollte als Trainer der ersten Mannschaft fungieren, von Ralf Gondolf trennte man sich. Von da wurde der SV Stockum zum 24-Stunden Projekt für Zakaria Slimani. Slimani fuhr zu den Spielen der zweiten Mannschaft, die um 13 Uhr stattfanden. Er hielt dort seine Ansprache, kümmerte sich um die Aufstellung und spielte oftmals noch eine Hälfte, bevor er sich dann auf den Weg zur ersten Mannschaft machte, wo er erneut eine Ansprache hielt, die Aufstellung organisierte und auch noch zum Einsatz kam.

Mehr als 20 neue Spieler für Stockum

Najih verlangte das nicht von Slimani, dieser stellte sich aber in den Dienst des Vereins. „Dazu hatte ich mich damals bereit erklärt. Der Verein musste irgendwie überleben“, erklärt Slimani, der seit 2010 im Verein ist. Zudem fingen beide an zu scouten. Sie guckten sich Spiele an, sprachen über potenzielle Neuzugänge.

Najih musste nicht nur den Verein lenken und organisieren, sondern auch anfangen sich Spieler anzugucken, diese anzurufen, sich mit möglichen Neuzugängen zu treffen.

Ein schwieriges Unterfangen bei den ganzen Abgängen und Gerüchten, die über Stockum in Umlauf kamen. Der Vorstand erstellte ein Konzeptpapier, wie der Verein in den kommenden Jahren aussehen soll und Najih sprach mit potenziellen Spielern darüber. Das führte zu neun Neuzugängen in der ersten Mannschaft und 14 neuen Spieler für die Reserve. Dabei wurden nicht beliebig Spieler ausgesucht und verpflichtet, sondern Najih und Slimani suchten nach Spielern, die auch charakterlich in den Verein passten. Vor allem deshalb um eine Situation wie zu Beginn des Jahres zu vermeiden.

Gegenseitige Lobbekundungen

Wenn die beiden über diese Zeit reden, spielen sie sich die Bälle gegenseitig zu. Najih schwärmt von der Arbeit von Slimani als Trainer, während Slimani diese Komplimente an Najih zurückspielt. „Was Yassine hier gemacht, da kann man nur sagen“, fängt Slimani seinen Satz an, bis ihm Najih ins Wort fällt: „Nein, nein, nein. Das haben wir hier alle zusammen gemacht.“ Beide wollen sich dabei gegenseitig unterbrechen und sich das Lob zusprechen für die vergangenen Monate. Das Gleiche gilt aber laut den beiden auch für das Team, das in der Rückrunde für den Klassenerhalt in der Kreisliga A sorgte.

„Viele Vereine hätten ihre Mannschaft in dieser Situation abgemeldet, wir haben gesagt, dass wir das ganze schaffen können“, erklärt Najih. Vor allem Slimani hat ihn dabei direkt überzeugt: „Er hat mich damals angerufen und gesagt: ‚Yassine, mach dir keine Gedanken. Natürlich schaffen wir den Klassenerhalt, kein Problem.“ Während Najih den Spielbetrieb einfach nur am Laufen halten wollte, war Slimani direkt überzeugt davon, dass Stockum auch weiterhin in der Kreisliga A spielt. Stockum holte zwar nur sieben Punkte in der Rückrunde, diese sollten aber reichen, um sich die Klasse sogar vorzeitig zu sichern. Entgegen kam dem SVS dabei auch, dass gleich zwei Mannschaften ihren Rückzug bekannt gaben.

Vorfreude auf die kommende Saison

Mittlerweile merkt man Najih und Slimani an, wie viel Last den beiden von den Schultern fällt. Der Klassenerhalt ist gesichert, Najih konnte einen Sportlichen Leiter - Tobias Klein übernimmt als interne Lösung - finden, der ihn entlastet und Slimani soll sich kommende Saison komplett um die erste Mannschaft kümmern. Ein klares Ziel wollen die beiden nicht definieren, wichtig ist es Najih, dass sich „der SV Stockum in der Kreisliga A etabliert.“ Slimani sieht das ähnlich: „Ich will schönen und erfolgreichen Fußball spielen und hier etwas aufbauen. Um auch für die ein oder andere Überraschung nächste Saison zu sorgen.“

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