Große Vorsicht in Werne und Herbern: Deshalb reiten die Reiter weiter

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Sportler verschiedenster Disziplinen müssen derzeit auf ihre liebsten Hobbys verzichten. Dass und warum das Pferdebesitzern unmöglich ist, erklären Lutz Gripshöver und Theresa Selhorst.

Werne, Herbern

, 19.03.2020, 17:08 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Coronavirus hat in Deutschland weite Teile des öffentlichen Lebens und die gesamte Sportwelt lahmgelegt - und trotzdem dürfen die Reiter zu ihren Pferden? Was für manch einen unverständlich klingt, ist tatsächlich alternativlos. Pferde sind Tiere, somit Lebewesen und benötigen besondere Fürsorge - wie es auch in Paragraf 2 des Tierschutzgesetzes verankert ist.

Dieser Paragraph besagt unter anderem: Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,

2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,

3. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

Ernst der Lage ist den Reitern bewusst

Dass der Ernst der Lage bei den Reitern mehr als angekommen ist, unterstreicht Springreiter und Pferdezüchter Lutz Gripshöver. „Ja, es darf geritten und Pferde dürfen bewegt werden, aber der ganze Unterricht mit mehreren Leuten findet nicht mehr statt“, so Gripshöver, der für den Reit- und Fahrverein St. Georg Werne startet. „Wir haben Gott sei Dank eine sehr große Anlage, sodass die Leute sich nicht so nahe kommen. Aber die Tiere müssen bewegt werden, die können keine sechs Wochen im Stall stehen.“

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Um den Pferden bestmöglich gerecht werden und dabei die Verbreitung des Coronavirus nicht zu befeuern, müssen sich die Reiter an strenge Maßnahmen halten. Diese kommuniziert die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) in Absprache mit offiziellen Regierungsstellen. An der Reitanlage Gripshöver hängen über das Gelände verteilt Zettel mit Maßnahmen, an die sich die Reiter zu halten haben. Die Maßnahmen wiederum entstammen der FN .

Mit diesen Aushängen (1/2) wird auf der Reitanlage Gripshöver zur Einhaltung von Maßnahmen gegen das Coronavirus appelliert.

Mit diesen Aushängen (1/2) wird auf der Reitanlage Gripshöver zur Einhaltung von Maßnahmen gegen das Coronavirus appelliert.

Ähnlich handhabt der Reit- und Fahrverein „von Nagel“ in Herbern den Umgang mit dem Coronavirus. Auch hier gibt es Aushänge, zudem wurde über WhatsApp informiert. „Wir haben die Reitstunden und den Voltigierbetrieb bis nach Ostern auf Eis gelegt, die Anlage ist für alle Besucher gesperrt. Wir halten uns da an die Vorgaben von der FN und dem Land NRW“, berichtet Reitlehrerin und Vorstands-Beisitzerin Theresa Selhorst.

Pferde müssen ausgelastet sein

Die Pferde müssten aber dennoch ausreichend ausgelastet, und damit geritten, werden. „Das sind Bewegungs- und Fluchttiere, die ja auch versorgt werden müssen. Wir sind dafür verantwortlich, dass sie geritten und bewegt werden. Aber das soll auch im Vordergrund stehen. Es geht nicht darum, den Sport in irgendeiner Form weiterzubetreiben oder seine persönliche Freizeitgestaltung“, sagt Theresa Selhorst, „sondern darum, dass der Reitverein seine Mitglieder vor Corona schützt und am Verein wirklich nur das Nötigste gemacht wird, damit das Pferd gesund bleibt. Dazu gehört eben, dass es ausreichend versorgt, gefüttert, gestreut und bewegt wird, also die Grundversorgung erhalten bleibt.“

Mit diesen Aushängen (2/2) wird auf der Reitanlage Gripshöver zur Einhaltung von Maßnahmen gegen das Coronavirus appelliert.

Mit diesen Aushängen (2/2) wird auf der Reitanlage Gripshöver zur Einhaltung von Maßnahmen gegen das Coronavirus appelliert.

Die Herberner haben dazu auch konkrete Maßnahmen. „Es sollen nur diejenigen anwesend sein, die für Versorgung oder Bewegung des Pferdes unbedingt nötig sind. Die Reiterstübchen sind geschlossen. Wir haben genaue Vorgaben, in der 20x40-Meter-Reithalle dürfen maximal vier Pferde sein. Da gibt es strikte Vorgaben. Händewaschen bei Ankunft und wenn man geht, Abstand halten von ein bis zwei Metern - das ist auf dem Pferd natürlich nochmal einfacher, als wenn man nebeneinander steht“, berichtet Theresa Selhorst.

Ein Pferd darf nicht die ganze Zeit im Stall stehen

In die gleiche Kerbe schlägt Lutz Gripshöver. „Ein Pferd, das sonst jeden Tag rauskommt und dann sechs Wochen im Stall steht - wenn das so passieren sollte, wäre das eine Katastrophe! Das sind schon große Sorgen, die wir haben“, berichtet der Springreiter, der die Folgen der Corona-Epidemie auch an anderer Stelle spürt, „am Ende leben wir auch davon, mal ein Pferd zu verkaufen. Und im Moment will ja auch keiner mehr ein Pferd haben. Wir leben auch sehr von Kunden aus dem Ausland, da kommt ja kein Mensch mehr. Mein Telefon ist still geworden.“

Die Folgen für die Turniersaison der Reiter sind nicht abzusehen. Die Lenklarer Reitertage mussten Gripshöver und Co. bekanntlich bereits absagen. „Das steht alles komplett in den Sternen. Das Problem ist, dass gute Turniere einen gewaltigen Vorlauf und auch einen gewaltigen Kostendruck haben. Es sind deshalb schon eine Reihe großer Turniere abgesagt worden, zum Beispiel Wiesbaden (das Internationale Pfingstturnier, Anm. d. Red.) Ende Mai, Anfang Juni. Solange die Fallzahlen steigen, wird es aber höchstens dramatischer als besser.“

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