Kurtulus Öztürk war bis zum Sommer Co-Trainer beim SC Preußen Münster. Seitdem ist er vereinslos. Nun kam es zur ersten Rückkehr - einer besonderen Begegnung mit vielen Überraschungen.

Münster

, 08.10.2019, 12:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Noch nicht einmal die ersten Schritte schaffte er bis zum Stadion. Schon rief jemand laut seinen Spitznamen „Kutte“. Kurtulus Öztürk holte sich da gerade sein Bändchen für den Einlass ins Preußenstadion ab.

„Zieh die Schuhe an“, raunt ihm ein Mann dazu und lacht dabei, „so einen wie dich, können wir gerade gebrauchen.“ Öztürk lacht. Kein verlegenes Lachen. Er freut sich über diese Begrüßung, geht zu dem Mann hin, gibt ihm die Hand.

Es werden Nettigkeiten ausgetauscht, man freut sich über das Wiedersehen. Kurtulus Öztürk wird an diesem Samstag noch viele Hände schütteln müssen.

Öztürk war bis zum Sommer Co-Trainer beim Drittligisten SC Preußen Münster. Gemeinsam mit Trainer Marco Antwerpen trainierte Öztürk den Drittligisten.

Die Rückkehr dorthin, wo er das letzte Mal im Sommer war

Beide gingen nach Ablauf ihres Vertrages. Keine Verlängerung des Vertrages, aber auch kein Engagement bei einem anderen Verein. Öztürk und Antwerpen gibt es nur zusammen.

Nun war es so weit. Öztürk kehrte zum ersten Mal dort hin zurück, wo er bis Ende Juni noch Co-Trainer war. Zum Spiel gegen die Reserve des FC Bayern München.

Ein richtungsweisendes Duell, denn beide Mannschaften stehen im unteren Tabellendrittel der 3. Liga. Öztürk freut sich darauf, wieder da zu sein. „Es ist natürlich immer schön, wieder herzukommen“, erklärt er. „Ich kenne hier viele Personen, der Verein bedeutet mir viel.“

Das hat seine Gründe: Öztürk war nicht nur anderthalb Jahre Co-Trainer bei den Preußen, sondern spielte auch anderthalb Jahre für die Grün-Schwarzen, schaffte den Aufstieg 2008 aus der Oberliga in die Regionalliga.

Der 39-Jährige ist schlicht unterwegs. Schwarze Schuhe, schwarze Jeanshose, schwarze Lederjacke. Schlicht und unauffällig, modisch souverän abgestimmt. Unter der Jacke trägt er ein schwarz-grünes Polohemd, passend zu den Farben von Preußen Münster.

Bereits drei Stunden vor Anpfiff im Stadion gewesen

Öztürk geht gelassen die ersten Schritte in das Stadion, begrüßt jeden Mitarbeiter persönlich, kennt sie sogar fast alle beim Namen. Das gehört für ihn dazu: „Wenn ich bei einem Verein bin, will ich diesen kennenlernen. Eine emotionale Nähe aufbauen.“

Öztürk verrät, dass er als Co-Trainer schon immer gegen 11 Uhr am Stadion zu den Heimspielen ankam. 90 Minuten bevor der Rest des Teams überhaupt da war. Drei Stunden vor Spielbeginn.

Antwerpen und er tranken ihren Kaffee im Stadion, besprachen noch einige Dinge vor den Spielen und kamen so auch in das Gespräch mit den Mitarbeitern. „Ich kann verstehen, wenn das bei anderen Trainern nicht so ist. Für mich gehört es dazu“, sagt er.

Er gibt sich dabei gentlemanlike. Das aber keinesfalls aufgesetzt. Öztürk nimmt sich für Jeden Zeit. Viele Fans kommen auf ihn zu, es gibt einige Handshakes und Umarmungen. Wie nah sich die Fans, Mitarbeiter und Öztürk sind, wird deutlich daran, wie viele ihn nach seiner Heimat Werne und dem Werner SC fragen.

Immer wieder kriegt er es zu hören. „Du machst doch auch beim Werner SC was, oder? Da läuft’s ja ziemlich.“ „In Werne läuft’s ja richtig gut für euch.“ „Da haste aber gute Arbeit geleistet.“ Es ist gegenseitige Wertschätzung, die hier aufeinandertrifft. Die Leute in Münster wissen, dass Öztürk Berater beim Werner SC, stark involviert in die Spielertransfers bei seinem Heimatverein ist.

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Der WSC grüßt von der Tabellenspitze, ein Umstand auf den Öztürk hier stolz ist. Sein Heimatverein, der in Liga sieben spielt, kriegt Anerkennung für die Arbeit, die er dort mit leistet.

Keine zwei Minuten im Stadion angekommen, wird Öztürk von einem Edelfan der Preußen zu einem Tisch im VIP-Bereich zitiert. Seit 40 Jahren ginge der Fan schon zu Preußen Münster. Antwerpen und Öztürk kenne er schon lange, die aktuelle Phase bei Münster frustriere ihn. Der Edelfan redet, Öztürk hört zu.

Öztürk und er machen zwei Deals aus: Wenn Öztürk bei einem neuen Verein anheuert, lädt er den Edelfan zu einem Spiel ein. Dieser will Antwerpen und ihn ebenfalls zum Essen einladen. Als wäre Öztürk nie weg gewesen. Man freut sich, ihn hier wiederzusehen.

Nur noch 20 Minuten, bis das Spiel beginnt, Öztürk will auf der Tribüne Platz nehmen, ist schon auf halbem Weg nach draußen. Plötzlich stoppt er ab, ihm ist noch etwas eingefallen. Die Aufstellung. Er braucht sie, will wissen, wen er gleich zu sehen bekommt.

Kurtulus Öztürk kehrt nach Münster zurück: „Du kannst bei uns auch Cheftrainer werden.“

Öztürk (r.) war bis zum Sommer noch Co-Trainer in Münster, jetzt war er zum ersten Mal wieder im Stadion. © Döring

Öztürk schnappt sich das Blatt Papier, wirft einen kurzen Blick drauf. „Der Wriedt macht heute einen“, sagt er absolut selbstsicher nach nur wenigen Sekunden. Klares Statement, klare Ansage. Passende Vorhersage: Stürmer Kwasi Okyere Wriedt trifft für den FC Bayern bereits nach vier Minuten. Zwei weitere Tore kommen noch in der ersten Halbzeit von Wriedt dazu. Wriedt nimmt die SCP-Abwehr auseinander.

Öztürk hat nur wenigen Minuten gebraucht, um zu analysieren, wo der Fehler im Münsteraner Spiel liegen könnte. Münster spielt mit einer Fünferkette, Öztürk findet, es ist ein Mann zu viel im Zentrum, wo drei Innenverteidiger gegen Wriedt verteidigen. Münster fehlt dadurch ein Spieler im Mittelfeld, bekommt dort keinen Zugriff und es fehlt eine Anspielstation.

Das erste Tor der Münchner geht genau durchs Zentrum, wo die beiden zentralen Mittelfeldspieler keine Chance haben, den Ball zu bekommen. Die Innenverteidiger kommen Wriedt nicht hinterher.

Bayern führt zur Halbzeit mit 4:0, demütigt Münster im eigenen Stadion. Öztürk achtet auf viele Kleinigkeiten während des Spiels. Wie hoch steht die Verteidigungsreihe, wo sind die Spieler bei Standards aufgestellt. Öztürk ist dabei voll in seinem Element, liest das Spiel.

Er achtet auf viele kleine Details, die vielen im Stadion nicht ausfallen. Wo sind die Defensivspieler bei Ecken außerhalb des Strafraums positioniert, wie hoch stehen die Außenverteidiger. Wie detailversessen er ist, erkennt man bei ihm zu Hause. Da hängt eine Taktiktafel an der Wand. Wo andere Personen Bilder aufhängen, skizziert Öztürk dort Formationen, Taktiken und auch Spielernamen.

Kurtulus Öztürk kehrt nach Münster zurück: „Du kannst bei uns auch Cheftrainer werden.“

Eine Taktiktafel mitten im Flur. Bei Kurtulus Öztürk ganz normal. © Öztürk

Seitdem er nicht mehr Co-Trainer bei Preußen ist, hatte Öztürk viel Zeit. Er war drei Wochen im Urlaub mit der Familie in der Türkei. Zusätzlich noch eine Woche mit Marco Antwerpen. Die beiden sind unzertrennlich, haben jeden Tag Kontakt zueinander. Öztürk geht viel zum Sport, hat einige Kilogramm abgenommen seit seiner Zeit bei Preußen.

Was Öztürks Alltag vor allem ausmacht: viele Fußballspiele. Zig Spiele hat er sich seit dem Abgang aus Münster angeguckt. Viele vor dem eigenen Fernseher, viele auch im Stadion. Öztürk hat mittlerweile jedes Team in der dritten Liga spielen sehen. In Liga zwei sind es schon deutlich mehr als die Hälfte der Teams. Zur Vorbereitung. Es könne ja jederzeit etwas passieren. „Man nimmt aus Livespielen halt am besten etwas mit. Und auch Spieler scouten wir“, erklärt Öztürk, „wenn uns Spieler auffallen, notieren wir sie uns und filtern diese nachher über eine Scoutingplattform komplett.“

Es ist das, was alle, die Öztürk an diesem Samstagmittag in Münster begrüßen, am meisten interessiert. „Wohin geht ihr?“ „Bleiben du und Marco zusammen?“ „Habt ihr schon was?“ Öztürk wiegelt ab, lässt sich nichts entlocken. Er bleibt dabei charmant und locker. Er gibt den Leuten nicht das, was sie hören wollen, aber er redet mit ihnen, als wären sie mit dabei. Als könnten sie Einfluss haben und eine Information vorab bekommen, wo es demnächst für Antwerpen und ihn hingeht.

Viele Gerüchte um Antwerpen und Öztürk in den letzten Wochen

Gerüchte gab es dazu viele in den vergangenen Wochen. Als Robin Dutt beim VfL Bochum beurlaubt wurde, waren Antwerpen und Öztürk beim letzten Spiel von Dutt im Bochumer Stadion, schauten sich das Spiel an. Eine Woche darauf gehörten die beiden zum Kandidaten-Tross auf den Posten beim VfL. Als der 1. FC Kaiserslautern Mitte September mit 1:6 gegen den SV Meppen verlor, musste Sascha Hildmann seinen Posten kurz danach räumen. Erneut im Stadion dabei: Marco Antwerpen und Kurtulus Öztürk. Antwerpen galt als Top-Kandidat für die Nachfolge von Hildmann. Am Ende wurde es Boris Schommers.

Jedes Mal, wenn bei einem Verein in der zweiten oder dritten Liga der Trainer entlassen wird, kommen Antwerpen und Öztürk ins Gespräch. Das war im Sommer schon so, als Zweit- und Drittligisten auf der Suche waren. Nun beim VfL Bochum, beim 1. FC Kaiserslautern und ganz aktuell beim KFC Uerdingen und Carl Zeiss Jena. Äußern tut sich Öztürk dazu nicht, er bleibt da ganz ruhig.

In Münster scheint es so, als hätten ihn viele gerne zurück auf der Trainerbank. Ein älterer Herr sagt ihm: „Du kannst bei uns auch Cheftrainer werden.“ Es ist eine besondere Form der Wertschätzung, die Öztürk in Münster widerfährt. „Könnt ihr nicht zurückkommen?“, ist eine der vielen Fragen, die Öztürk an diesem Samstag gestellt wird. Laut des Online-Portals „msl.24“ werden in Fanforen zum SCP die Rufe nach Marco Antwerpen als Trainer in Münster wieder lauter.

„Natürlich macht mich das traurig, wenn ich sehe, dass unser altes Team verliert“ -
Kurtulus Öztürk

Um dies nicht zu befeuern, keine weiteren Gerüchte zu streuen, treibt es Öztürk nach dem Spiel schnell aus dem Stadion. Er will keine Trainer-Diskussion entfachen, erklärt er. Er war ja nur zu Besuch da. Münster hat mit 1:4 verloren, steht nun auf einem Abstiegsplatz in der dritten Liga. Die Stimmung fühlt sich angespannt an im Preußenstadion, es scheint zu brodeln. Die Fans wirken unzufrieden mit der momentanen Situation.

„Natürlich macht mich das traurig, wenn ich sehe, dass unser altes Team verliert“, erklärt er. Es ist dann nicht der Trainer Kurtulus Öztürk der spricht, sondern der Öztürk, der eine enge emotionale Bindung zu dem Verein Preußen Münster hat. Eine Wertschätzung, die auf Gegenseitigkeit beruht.

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