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Marvin Pourié steigt mit dem Karlsruher SC auf: „Wir haben ihn hingekriegt.“

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Marvin Pourié galt lange Zeit als Problemfall in Deutschland. Beim Karlsruher SC hat der Werner es geschafft. Der Titel des Torschützenkönig und der Aufstieg in die 2. Bundesliga stehen an.

Münster

, 12.05.2019 / Lesedauer: 8 min

Als der Schlusspfiff im Preußenstadion in Münster ertönt, fällt Marvin Pourié einfach auf seine Knie. Seine Körperhaltung geht von stramm zu schlaff über. Pouriés Kopf hängt hinunter, guckt auf den Boden. Seine Hände wischen durch sein Gesicht, als müsste er sich noch mal kurz wahrmachen, dass das gerade wirklich passiert ist. Der Karlsruher SC hat mit Pourié, einem gebürtigen Werner, den SC Preußen Münster (4:1) geschlagen und so einen Spieltag vor Saisonende den Aufstieg in die 2. Bundesliga klargemacht.

Pourié fällt auf seinen Rücken, er liegt einfach nur da, mitten auf dem grünen Rasen in Münster. Sekunden später ist nichts mehr von ihm zu sehen. Mitspieler, Betreuer, das Trainerteam - alle liegen auf ihm. „Mir ist gar nichts mehr durch den Kopf gegangen. Mich haben die Emotionen so gepackt, dass es mich nur umgeschmissen hat. Ich weiß es nicht“, suchte ein überwältigter Pourié Erklärungen.

Alle sind sie auf ihren Torjäger gesprungen. Der Mann, der 22 Tore für den Karlsruher SC erzielte und sich damit die Torjägerkanone der 3. Liga sichern wird, hat erheblichen Anteil am Aufstieg des KSC in die 2. Bundesliga. 36 von 37 Spiele hat Pourié absolviert, zu seinen 22 Toren hat er sechs vorbereitet. Sie alle wissen zu schätzen, was Pourié in dieser Saison geleistet hat. „Er hat jetzt 22 Tore gemacht – überragend“, kommentierte sein Trainer Alois Schwartz kurz und knapp.

Marvin Pourié und der Karlsruher SC schaffen es gemeinsam

Irgendwann lassen sie dann doch von ihm los, Pourié steht langsam auf. Er sammelt sich. Sein Blick geht direkt in Richtung der Tribüne. Dorthin, wo Familie und Freunde von Pourié sitzen. Ein Grinsen tut sich auf seinem Gesicht auf, er hebt seinen Arm, winkt ihnen. Langsamen Schrittes geht er in Richtung der Tribüne, bis er einen Blick zur Seite wirft.

Von der Seite stürmen tausende Karlsruhe-Fans auf ihn zu, die Sekunden vorher auf den Platz durchgelassen wurden. Pourié sieht die ersten nur wenige Meter vor sich auf sich ausschwärmen: Kein Erschrecken in Pouriés Gesicht, er dreht sich nicht weg, will nicht flüchten vor den Tausenden. Er öffnet seine Arme, das Grinsen bleibt in seinem Gesicht, und nimmt die ersten beiden Karlsruhe-Fans in den Arm.

Marvin Pourié steigt mit dem Karlsruher SC auf: „Wir haben ihn hingekriegt.“

Die Fans des Karlsruher SC feierten mit ihren Stars auf dem Platz des SC Preußen Münster. Dabei gab es auch einige Verwüstungen. © Weitzel

Beinah hätten sie Pourié dabei umgerissen. Mit der Geschwindigkeit und dem Gewicht, mit dem die Fans auf ihn zuliefen, konnten sie ihn nur umreißen. Alle drei schafften es auf den Beinen zu bleiben - gemeinsam - in einem Balanceakt.

Gemeinsam ist der passende Begriff: Der KSC schaffte an diesem Samstag alles gemeinsam. Über 3000 Fans unterstützten ihren Verein in Münster. Nach jedem Tor ging es für die Karlsruher Spieler direkt in Richtung Kurve, wo sich die über 3000 KSC-Fans sammelten und mit einer Europapokal-Choreo, Pyro-Spektakel und lautstarker Unterstützung für ein gefühltes Heimspiel sorgten. Münster und die restlichen knapp 6000 Zuschauer präsentierten sich als höflicher Gastgeber für den Aufstieg der Karlsruher. Unschön dabei: Laut „Bild“-Informationen entstand bei den Feierlichkeiten ein Schaden von rund 100.000 Euro im Preußenstadion, den der KSC wohl begleichen will.

Eine Rückkehr nahe der Vergangenheit für Pourié

Dabei war es für Pourié eine Rückkehr nahe seiner Vergangenheit. In Werne, rund 30 Kilometer Luftlinie von Münster, ist er geboren und aufgewachsen. Dort hat er seine ersten Schritte als Fußballer gemacht, erst für den SSV Werne, nach der Fusion 1999 dann für den Werner SC. Anschließend zog es ihn in jungen Jahren schon in die große Fußballwelt: Unter anderem in die Jugendabteilungen von Borussia Dortmund und des FC Liverpool, als erste Profistation dann zum FC Schalke 04.

Während einer Leihe zum TSV 1860 München sorgte eine Auseinandersetzung während eines Trainings für Probleme. Der Satz, „Komm Marvin, wir gehen“ von seinem Vater ist danach in ganz Fußball-Deutschland bekannt. Das Kapitel 1860 war beendet, in Deutschland wollte ihm im Anschluss niemand mehr eine Chance geben. Stationen in Dänemark, Belgien und Russland folgten. Sechs Vereine zwischen 2013 und 2018. Pourié wurde 2016 Meister mit dem FC Kopenhagen in Dänemark, spielte Champions League gegen Real Madrid und Juventus Turin.

Der schönste Moment meiner Karriere

Trotzdem ist für ihn klar, was der bedeutendste Moment seiner Karriere ist: „Es ist der schönste Moment in meiner Karriere. Klar bin ich auch dänischer Meister geworden, aber das ist nicht ansatzweise zu vergleichen mit dem Aufstieg in die 2. Liga. Das ist einfach nur das Wunderschönste. Wir haben mit 3000 Karlsruhe-Fans gefeiert und wir haben es uns als Mannschaft so verdient.“

Im RN-Interview sagte er 2016: „In Deutschland gibt man mir wegen der Vergangenheit keine Chance mehr.“ Bis das Angebot vom Karlsruher SC in der Winterpause 2017/18 kam. Pourié wechselte aus Dänemark zurück nach Deutschland. Die Rückrunde verlief dürftig für Pourié. 13 Einsätze gab es in der 3. Liga, davon viele Kurzeinsätze und nur drei Tore. Der KSC scheiterte vor fast genau einem Jahr in der Relegation an Erzgebirge Aue.

Marvin Pourié: "In Deutschland keine Chance"

Jetzt aber steht der Aufstieg des KSC fest: Mit Pourié im Mittelpunkt. Schon nach dem Einlaufen beider Teams - Pouriés Hand geht zum Mund, Mittel- und Zeigefinger berühren diese kurz, der Arm wird zur Familie ausgestreckt. Er weiß, sie sind da. Er weiß es zu schätzen.

Pourie trifft auch in Münster

Nach viereinhalb Minuten hat er seine erste Chance. Pourié wird über rechts geschickt, setzt sich gegen Preußen-Kapitän Simon Schreder durch. Schneller Abschluss, ganz knapp links am Tor vorbei.

Danach zieht er den Unmut der Preußen-Fans auf sich. 27 Minuten gespielt, dieses Mal im Duell mit Münsters anderem Innenverteidiger Ole Kittner. Beide fuchteln wild mit den Armen rum, es gibt kurze Berührungen im Gesicht. Pourié eckt an, kriegt den Freistoß für sich gepfiffen. Das Verbal-Duell im Anschluss zwischen Kittner und Pourié wird mit Buhrufen gegen den Werner aus der Münster-Kurve quittiert.

Pourié beim Jubeln - der Zeigefinger geht an die Lippen

Nur drei Minuten später steht Pourié wieder im Fokus. Der 28-jährige leitet einen Konter ein, marschiert im Vollsprint in Richtung gegnerischer Hälfte. Sandrino Braun-Schumacher kommt von hinten. Grätscht den Ball weg, aber trifft auch Pourié. Der Schiedsrichter gibt Freistoß und eine gelbe Karte - zum Unmut der Preußen-Spieler und Fans. Pourié jucken die Diskussionen nicht. Er steht auf, als wäre nichts gewesen und nimmt wieder seine Position ein.

Marvin Pourié steigt mit dem Karlsruher SC auf: „Wir haben ihn hingekriegt.“

Münsters Sandrino Braun-Schumacher trifft zwar den Ball, aber auch Marvin Pourié in der 30. Minute. © Weitzel

Der Drei-Minuten-Takt geht weiter: Pourié wird in der 33. Minute mit einem Heber geschickt. Wieder das Duell mit dem deutlich größeren Kittner. Beide haben die Arme wieder im Einsatz. Es ist die Klasse, die Pourié dann ausmacht. Er schüttelt den Verteidiger von sich ab, versucht keinen Elfmeter zu schinden und bleibt in diesen Bruchteilen von Sekunden einfach nur cool. Er schaut den Torwart aus und schiebt den Ball souverän in die kurze Ecke. Einfach eiskalt.

Danach jubelt er, dreht sich zu seinen Mitspielern, der Zeigefinger geht in Richtung der Lippen. Ein Zeichen an seine Kritiker? Man könnte es meinen und deuten, als sollten alle verstummen, die ihn je kritisiert haben. Wahrscheinlicher ist es aber, dass es einfach nur in Richtung der Münster-Fans geht, die ihn Minuten vorher verbal angegangen haben. Nach wenigen Sekunden ist es wieder egal, der Finger weg vom Mund. Er jubelt mit seinen Mitspielern. Er schießt den KSC gerade in die 2. Bundesliga.

„Wir kennen alle Marvin, wir schätzen und wir lieben ihn. Er ist so wichtig für uns, das hat er heute wieder bewiesen. Wir sind einfach froh, dass wir ihn haben“, erklärt Karlsruhes Verteidiger Daniel Gordon die Wichtigkeit Pouriés. Der Werner ist im Anschluss bei jedem Tor mittendrin.

Pourié hat auch Vorbereiter-Qualitäten

Beim 2:0 durch Damian Roßbach in der Nachspielzeit der ersten Hälfte ist der Einfluss dabei verschwindend gering, aber doch entscheidend. Nach einer Ecke kommt Pourié nicht zum Kopfball, verschätzt sich leicht beim Sprung. Direkt hinter ihm steht Roßbach und köpft perfekt ein. Trifft Pourié den Ball, geht er womöglich nicht rein. So rennen Roßbach und Pourié, Arm in Arm, zur Gästekurve und jubeln.

Auch in Hälfte zwei drückt Pourié dem Spiel seinen Stempel auf: Die 3:0-Führung durch Anton Fink leitet er durch einen Geniestreich ein. Pourié hat den Ball auf Höhe der Mittellinie. Zwei Gegenspieler, die ihn von hinten attackieren. Er holt mit dem Bein aus und spielt den Ball mit der Hacke die Linie entlang. Mit der Hacke. Auf die komplett blanke linke Seite, die beide Gegenspieler offen ließen, um Pourié anzugreifen. Marvin Wanitzek kriegt den Ball, hat mehr als genug Platz, um bis in den Strafraum zu marschieren, legt rüber und Fink schiebt ein. Pourié jubelt - erst mit dem Trainerteam und rennt dann rüber zu seinen Kollegen. In die Kurve.

Dann das 4:0: Eine Flanke von der rechten Seite legt Pourié artistisch mit dem Rücken ab. Der Ball touchiert ihn zwar nur, aber so entscheidend, dass er perfekt zu Martin Röser kommt, der für das vierte Tor sorgt.

Pourié zeigt durch solche Einfälle auf dem Fußballplatz seine technische Raffinesse, das spielerische Können und die fußballerische Intelligenz, die er hat. Er weiß sich dabei auch ständig gegen körperlich robustere Spieler durchzusetzen. Pourié misst zwar nur 1,83 Meter, diese weiß er aber perfekt zu nutzen.

Nachdenklich und still

Pourié hat dann noch einen stillen und intimen Moment, wie ihn die wenigsten Fußballer in einem Stadion haben. 80 Minuten sind gespielt, als die Partie durch eine Verletzung unterbrochen ist. Spieler reden miteinander, es wird mit dem Schiedsrichter diskutiert. Alle warten darauf, dass es weiter geht. Nur Pourié steht alleine am Pfosten des Preußen-Tors. Er lehnt sich an, wirkt nachdenklich, scheint sich auszuruhen. Dann dreht er sich zur Tribüne hin. Dort sitzen Familie und Freunde von ihm. Es wirkt, als wären diese und Marvin für sich. Leise „Marvin“-Rufe kommen aus dem Block. Pourié lacht, gibt den Daumen nach oben. Diesen gibt es von seinem Vater zurück. Im Hintergrund singen die Fans des KSC. „Oh, wie ist das schön.“ Ein Moment, der nur ihm und seiner Familie gehört.

„Eine ganze Menge hat mir das bedeutet, dass die ganze Familie hier ist“, sagt er nach dem Spiel. Kurz vor dem Spiel wurde noch ein Bus für die Frauen und Freundinnen der Spieler organisiert. Auch Pouriés Frau ist vor Ort. Marvin Pourié freut sich darüber: „Wenn man sich dann in die Arme fallen lassen kann von der Person, die man über alles liebt, ist das echt schön.“

Marvin Pourié steigt mit dem Karlsruher SC auf: „Wir haben ihn hingekriegt.“

Marvin Pourié nahm sich nach dem Spiel ausgiebig Zeit für alle Fan-Wünsche. © Weitzel

Irgendwann nach dem Spiel, als fast alle Fans schon bei ihm waren und ihn gedrückt hatten, schafft Pourié es bis zu seiner Frau. Eine innige Umarmung. Viele Spieler waren da schon in der Kabine, haben sich ein Aufstiegsshirt geholt und den Moment kurz sacken lassen. Pourié blieb mit am längsten draußen. „Marvin Pourié“-Gesänge durch die Fans dankten es ihm.

Als Pourié dann die ersten Schritte Richtung Kabinentrakt macht, ist einer der ersten, die ihn beglückwünschen, ein weiterer Werner, der am Samstag nah am Spielgeschehen war: Kurtulus Öztürk, Co-Trainer von Preußen Münster. Handshake und Umarmung inbegriffen. „Ich habe ihm erstmal gratuliert. Zwei Werner treffen aufeinander, da gratuliert man als Sportsmann, das ist doch klar“, sagt Öztürk, der sich als fairer Verlierer zeigt: „Es ist super für Karlsruhe und für Marvin.“

„Es ist super für Karlsruhe und für Marvin.“
- Kurtulus Öztürk, Co-Trainer des SC Preußen Münster und gebürtiger Werner

Marvin Pourié hat es geschafft. Er hat im Profifußball in Deutschland Fuß gefasst. Den Aufstieg in die 2. Bundesliga für den Karlsruher SC klar gemacht und hat den Titel des Torschützenkönigs so gut wie sicher. 2016 hatte er gesagt: „Ganz ehrlich, ich will allen in Europa zeigen, dass ich ein Top-Stürmer bin.“ Pourié hat einen ersten Schritt in die Richtung gemacht.

„Viele waren skeptisch, als wir ihn geholt haben. Er galt als Problemfall“, erklärt sein Trainer Schwartz. „Wir haben ihn hingekriegt.“ Das hat der Karlsruher SC.

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