Rodrigo de Souza: "Deutschland ist fast unschlagbar"

Münsteraner Brasilianer zur WM

Rodrigo de Souza (31) ist ein Brasilianer, der seit fast zehn Jahren in Deutschland lebt, arbeitet und Fußball spielt. Er lebt in Münster, spielte Fußball im Umland für den SV Herbern und kickt aktuell für den TuS Ascheberg. Wir trafen uns mit de Souza, um mit ihm über die WM und die Probleme in seinem Heimatland zu sprechen.

MÜNSTER

, 08.07.2014, 14:52 Uhr / Lesedauer: 4 min
 Entspannung vor der Halbfinalpartie Deutschland gegen Brasilien: Rodrigo de Souza am münsterschen Hafen.

Entspannung vor der Halbfinalpartie Deutschland gegen Brasilien: Rodrigo de Souza am münsterschen Hafen.

, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates

, geborenen de Souza im meist für ihn kalten Deutschland fast alles um den Fußball.

Gespielt hat er immer. Drei Jahre lang auch beim SV Herbern. „Roddi“, wie er von seinen Mannschaftskollegen und Freunden gerufen wird, spielt in der Offensive. Auf der rechten Außenbahn ist er zuhause. Er spiele ein bisschen wie Hulk, sagt er. Körperbetont, schnell, nur beim Kopfballspiel tut er sich schwer. „Daran muss ich noch arbeiten, sagen meine Trainer“, berichtet er.Sein verschmitztes Lächeln bei diesem Satz lässt erahnen, dass seine Trainer es weiter schwer haben werden, ihm das zu vermitteln. De Souza selbst wird den Ball auch weiterhin lieber annehmen und an den Füßen führen, als ihn zu köpfen. Dann hat er die nötige Ruhe und Technik, etwas Vernünftiges damit anzustellen. Wenn die brasilianische Nationalmannschaft am Ball ist, geht ihm diese Ruhe ab. In kleiner Runde, meist nur mit seinem besten Freund Dominik, schaut er die Spiele der Seleção. Beim Elfmeterschießen gegen Chile im Achtelfinale hielt es de Souza gar nicht mehr vor dem Fernseher aus und flüchtete in die Küche. Er rannte hin und her. Die Stimme des Kommentators und die Bemerkungen seines Freundes Dominik verrieten ihm, was gerade geschah. Die Aufregung sei zu groß gewesen, so de Souza über die spannenden Minuten. Er will sich gar nicht ausmalen, wie groß der Druck der Spieler war, die zum Elfmeterpunkt gingen.

„Im Moment eint das Nationalteam das ganze Land. Nicht auszudenken, was passiert, wenn wir rausfliegen. Dann gibt es sicher wieder große Demonstrationen. Gegen Chile und Kolumbien haben wir zum Glück gewonnen“, sagt de Souza. Er pflegt seine vielen Kontakte in das innerlich so gespaltene Brasilien. Mit seinem Freund André schreibt er sich fast täglich Nachrichten über das Smartphone. Die WM-Stimmung sei aktuell sehr gut in dem fußballverrückten Brasilien, ganz anders als beim Confederations-Cup vor einem Jahr, als es große Unruhen gab, berichtet ihm sein Freund aus Rio. Aber auch jetzt gebe es immer noch kleinere Demonstrationen für mehr Bildung im Land und gegen die hohen Kosten der WM. Nach aktuellen Schätzungen kostet die Austragung etwa elf Milliarden Euro, von denen der Staat den Löwenanteil tragen muss.

Der schlechte Zustand der Schulen und Krankenhäuser, die marode Infrastruktur, das alles hat de Souza bei seinem Heimatbesuch vor rund zwei Jahren eins erkennen lassen: „Wie gut ich es hier in Deutschland habe.“ Damit sich endlich etwas ändert, geht das brasilianische Volk seit mehr als einem Jahr auf die Straße und demonstriert. Er glaubt fest daran, dass es nach der WM wieder größere Demonstrationen geben wird. Aktuell halten die Spieler mit ihren Siegen das Volk im Freudentaumel. Diese Verantwortung spüren die Spieler, da ist sich de Souza sicher. Brasilien sei aus seiner Sicht die einzige Nation der WM-Geschichte, bei der der Heimvorteil ein Nachteil ist. „Ich fand es falsch, dass Brasilien sich bei all den Problemen im Land für die Ausrichtung der WM beworben hat.“ De Souza ist ein Typ mit einer klare Meinung. Von der deutschen Mannschaft hält er, wie das Gros seiner Landsleute, sehr viel: „Sie sind fast unschlagbar. Das Team hat einen Torwart, der fast alles hält und einen Stürmer, der eigentlich immer trifft. Ich mag den Müller zwar nicht von seiner Spielweise her, aber ansonsten ist er sehr beliebt. Er ist ein ehrlicher Kerl und nicht so theatralisch wie zum Beispiel Arjen Robben.“

Wenn Rodrigo de Souza über die deutschen Spieler spricht, dann hebt sich die Stimme vor Begeisterung. „Schweinsteiger spielt so geile Pässe, Götze ist technisch unglaublich stark und Neuer ist einfach der Beste“, zählt de Souza auf. Spricht er von seinen Lieblings-Brasilianern, wird er nostalgisch: „Einen Romario, Ronaldinho oder Kaká haben wir leider nicht mehr. Die haben jetzt die Deutschen. Und wir haben Fred.“ Der Mittelstürmer der Seleção nervt de Souza. Er sei für einen Brasilianer technisch eher schwach. Er lebe nur von seiner Wucht. Trotzdem steht die Seleção im Halbfinale. Rodrigo de Souza ist sich sicher, dass der Sieger aus der Partie Brasilien gegen Deutschland auch den Titel holen wird. Er begeistert sich an der Spielweise der Deutschen: „Sie sind so unheimlich diszipliniert und taktisch stark. Dabei spielen sie noch technisch guten Fußball. Die Brasilianer mögen die deutsche Mannschaft. Wahrscheinlich deswegen, weil sie so spielen, wie Brasilien spielen sollte.“

Der Brasilianer drückt immer den Besten die Daumen. Das sei ein großer Unterschied zu den Deutschen, wie de Souza sagt. „Hier sind die Leute eher für die Außenseiter. Weil sie vielleicht denken, dass das eigene Team es später leichter haben könnte. In Brasilien denken die Menschen anders. Klar wollen alle Weltmeister werden. Auf dem Weg dorthin will man aber die besten Teams schlagen.“ Auch wenn Rodrigo de Souza in dieser Hinsicht mit den Deutschen nicht übereinkommt, fühlt er sich in seiner neuen Heimat wohl. „Ich denke nicht daran, irgendwann nach Brasilien zurückzukehren.“ Er hat als Werbetechniker einen guten Job, viele Freunde und Spaß am deutschen Bezirksliga-Fußball.Aktuell spielt de Souza beim TuS Ascheberg. Am deutschen Fußball schätzt er vor allem die kleinen Dinge. Der Schiedsrichter kommt immer, es gibt vernünftige Trikots und es wird auf guten Plätzen gespielt. „Das sah in Brasilien zum Teil ganz anders aus“, so de Souza zu seinen Tagen in Vitória. Bei der Frage, was er aus Brasilien gerne nach Deutschland holen würde, überlegt er erst gar nicht lange. „Das Wetter. Den Strand“, antwortet er blitzschnell. Und wenn er sich etwas aus Deutschland für Brasilien aussuchen könnte? „Die Sicherheit. Hier muss man zu keiner Zeit auf der Straße Angst haben“, sagt de Souza.

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