Im zweiten Teil unserer Serie über die Neugestaltung des Sportplatzes im Dahl geht es um das Thema Verletzungen. Die sind auf Kunstrasen oft ein Thema. Wir haben einen Experten gefragt.

Werne

, 11.04.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Summe von 1,35 Millionen Euro steht der Stadt Werne zur Verfügung, um den Umbau der Sportanlage im Dahl durchzuführen. Dieser Geldbetrag fließt aus einem Bundesprogramm zur Förderung von Sport-, Jugend- und Kultur-Einrichtungen und soll nicht nur für ein Groß- und ein Kleinfeld, sondern auch für die Sanierung der Umkleidegebäude, des Zuwegs, des Bolz- und des Streetbasketballplatzes genutzt werden.

Einen Eigenanteil von etwa 150.000 Euro muss die Stadt beisteuern. Der Löwenanteil von rund einer Million Euro der Gesamtsumme ist dabei für die beiden neuen Kunstrasenplätze vorgesehen. Hier kommt erschwerend hinzu, dass die Spielfelder künftig sowohl Fußballern als auch Hockeyspielern gerecht werden sollen — diese aber unterschiedliche Anforderungen an den Oberflächenbelag stellen.

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Damit jeder Cent dieser teuren wie seltenen Investition so umsichtig wie möglich ausgegeben wird, haben sich Vertreter der Stadt Werne zusammen mit Verantwortlichen von Eintracht Werne und dem SV Stockum auf eine kleine Reise durch die fußballerische Nachbarschaft begeben. „Wir waren einmal in Dortmund und haben da verschiedene Plätze besichtigt, dann in Neuengeseke (in Bad Sassendorf, Anm. d. Red.) und in Ennigerloh“, berichtet Norbert Hölscher, Abteilung Sport bei der Stadt Werne. Dabei nahm die Delegation verschiedene Kunstrasen-Varianten der beiden größten Hersteller unter die Lupe.

Reise durch die fußballerische Nachbarschaft

Geschäftsführer Yassine Najih vertrat den SV Stockum beim Kunstrasen-Scouting. „Wir haben uns einige Plätze der neuen Generation und einige ältere angesehen“, sagt Najih. Doch auch wenn wieder eine Mischlösung für Fußball- und Hockeyspieler her soll: „Der Platz wird nicht so wie der im Lindert, denn der ist ziemlich stumpf.“

Die Diskussion um die Verletzungssorgen des Landeslisten Werner SC an dessen Heimspielstätte hat Stockums Geschäftsführer im Blick. „Ich hatte das auch verfolgt. Ich bin da einer Meinung mit denen vom WSC, das ist auf den Platz zurückzuführen. Wenn der Platz so stumpf ist, geht das wirklich an die Substanz. Zwei, drei Mal Training die Woche und spielen sonntags — das macht sich auf Dauer wirklich bemerkbar.“

Für den SV Stockum auf Kunstrasen-Scouting: SVS-Geschäfsführer Yassine Najih.

Für den SV Stockum auf Kunstrasen-Scouting: SVS-Geschäfsführer Yassine Najih. © David Döring

Auch Eintracht Wernes Geschäftsführer Sascha Hilmer war bei den Besichtigungen vor Ort. „Definitiv ist es so, dass der Platz im Lindert schon älter ist und dass es Neuerungen und Verbesserungen gibt“, erklärt er. Einen Zusammenhang zu den Verletzungen möchte er nicht kommentieren — er sei kein Arzt.

Professor Dr. Wolfgang Potthast hingegen forscht als Sportmediziner an der Deutschen Sporthochschule Köln. Und, ist kurzer Kunstrasen Schuld an einer Häufung von Verletzungen? „Das kann man so nicht sagen, das ist nicht bekannt“, sagt Potthast, der sich in der Vergangenheit ausführlich mit dem Thema Kunstrasen im Sport auseinandergesetzt hat, unter anderem in Form einer Studie für die Fifa und zwei führende Kunstrasenhersteller. „Es ist ganz schwer nachzuweisen, dass es eine Ursache-Wirkung-Verbindung zwischen dem Spielbelag und Verletzung gibt. Das empfindet man schnell so, aber Verletzungen sind multifaktoriell.“

Meist mehr als ein Auslöser

Soll heißen: Eine Verletzung komplett auf einen Auslöser runterzubrechen, ist nicht möglich. Wäre ein Spieler, der sich ein Band gerissen hat, auch umgeknickt, wenn die Situation nicht zu Spielende passiert wäre, sondern zu Beginn, als er noch nicht so müde war? Hatte er Kontakt mit einem Gegenspieler? Hatte sich ein Schnürband gelöst, wodurch der Halt im Schuh schlechter geworden war?

Kennt sich aus mit Sportlern und Kunstrasen: Prof. Dr. Wolfgang Potthast von der Deutschen Sporthochschule Köln (Institut für Biomechanik und Orthopädie).

Kennt sich aus mit Sportlern und Kunstrasen: Prof. Dr. Wolfgang Potthast von der Deutschen Sporthochschule Köln (Institut für Biomechanik und Orthopädie). ©

Aber: „Was wir sagen können, ist, dass ein intensiv genutzter Platz, der kurz und rein mit Sand verfüllt ist, wenn er nicht gut gepflegt ist, nach einer Zeit seine günstigen Spieleigenschaften verliert. Das ist nachvollziehbar, und das kann sich dann auch so auswirken.“

Im Füllmaterial des künstlichen Grüns liegt eine zusätzliche Crux: Sand ist günstig, dämpft aber logischerweise nur begrenzt viel. Plastikgranulat dämpft gut, ist günstiger — aber auch Gift für die Umgebung, wenn die kleinen Plastikkugeln nach Grätschen vom Wind vom Platz in die angrenzende Natur getragen werden.

Tonnen von Mikroplastik

Einer Studie des Fraunhofer Instituts aus dem Jahr 2018 zufolge gelangen in Deutschland so jährlich mehrere Tonnen Mikroplastik in die Umwelt. Deswegen will die EU das Plastikgranulat auf Kunstrasenplätzen ab 2022 verbieten. Kork dagegen, die dritte Option als Füllmaterial für Kunstrasenfelder, dämpft gut und ist umweltfreundlich — aber teurer und auch so leicht, dass die Substanz gerade bei windanfälligen Plätzen schneller wieder aufgefüllt werden muss.

„So super günstig ist ein alter, sandverfüllter, nicht speziell für Fußball ausgelegter Platz nicht“, so Potthast, „aber der ist nicht allein Schuld an mehr Verletzungen. Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass das einen Beitrag liefert. Gerade das Stumpfe ist dabei wichtiger als die Härte, bei Bewegungen wie Abstoppen, Drehen und so.“

Interessant: In einer Studie verglich der Sportmediziner mit seinen Kollegen verschiedene Kunst- und Naturrasenplätze, darunter auch Trainingsplätze des 1. FC Köln. „Die Unterschiede zwischen gutem und schlechtem Kunstrasen waren im Grunde größer als zwischen gutem Kunstrasen und Naturrasen“, fasst Potthast zusammen.

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In Werne hat man die Unterschiede bei den verschiedenen Belägen im Blick. „Dass der Platz so stumpf ist, ist ärgerlich“, sagt Yassine Najih, Geschäftsführer des SV Stockum, über das Spielfeld im Lindert. „Genau davon wollen wir ab. Das neue Granulat, das wir uns angeguckt haben, Kork, ist nicht wie Sand, sondern mehr wie Gummi, sodass das auch schön dämpft.“

Weniger Ausfälle und Verschiebungen

Und die Dämpfung soll ja auch nicht die einzige Qualität sein, die der neue Platz mitbringt. „Asche verschwindet, das ist für mich wichtig“, stellt Eintracht Wernes Trainer Mario Martinovic heraus. „Wir werden sowieso immer, wenn es das Wetter zulässt, auf den Rasenplatz gehen. Es gibt nichts Schöneres, als Fußball auf Rasen zu spielen. Aber das Problem mit dem Ascheplatz, dass Spiele und Training ausfallen, das fällt dann weg.“ Davon konnte die Eintracht in diesem Jahr ein Lied singen: Etliche Vorbereitungs- und Ligaspiele waren bis zur Corona-Pause ins Wasser gefallen.

Teil drei: Das sagen die Vereine

Viele Bedenken, viel investierte Zeit, viel Geld für die Umsetzung: Die Neugestaltung der Sportanlage im Dahl ist ein echtes Großprojekt. Wie Fußballer und Hockeyspieler die geplante Zwei-Plätze-Lösung mit ihren genauen Spezifikationen sehen, welche das sind und worauf sie sich am meisten freuen, lesen Sie im dritten und letzten Teil dieser Serie.

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Die Neugestaltung des Sportplatzes Dahl geschieht in enger Abstimmung mit den Vereinen. Hieß es jedenfalls Mittwochabend im Sportausschuss. Man darf gespannt sein, wie das Ergebnis aussieht. Von Jörg Heckenkamp

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