Syrischer Fifa-Schiedsrichter pfeift in der Kreisliga

Vor dem Krieg geflohen

Ahmad Ghanoum (40) leitete als Schiedsrichter Spiele in der ersten syrischen Profiliga, wurde bei internationalen Partien zwischen Klubs aus dem Irak, Iran oder Saudi-Arabien eingesetzt. Dann kam der Krieg. Vor knapp zwei Jahren floh er, ist nun seit anderthalb Jahren in Deutschland und in Werne erstmals auch gesellschaftlich angekommen. Geholfen hat ihm dabei seine Leidenschaft: Fußballspiele pfeifen.

Werne

, 18.03.2017, 07:57 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ahmad Ghanoum, ehemaliger syrischer Erstliga-Schiedsrichter, der für Eintracht Werne pfeift.

Ahmad Ghanoum, ehemaliger syrischer Erstliga-Schiedsrichter, der für Eintracht Werne pfeift.

Der schwerste Moment kommt für Ahmad Ghanoum nach dem Spiel: Zehn Tore, vier Gelbe Karten und die Auswechslungen muss der Schiedsrichter über die Meldeplattform des DFB in den Computer im Sportheim des SuS Rünthe in Bergkamen eintragen. Eine Herausforderung, denn Ghanoum kämpft noch mit der deutschen Sprache. „Ich verstehe viel, aber sprechen ist schwierig“, sagt der 40-Jährige.

Seine eigentliche Aufgabe an diesem strahlend schönen Sonntagnachmittag auf dem Sportplatz Schacht III ist dagegen ein Klacks für ihn: Ahmad Ghanoum pfeift an diesem 12. März sein erstes Punktspiel im deutschen Fußball in der Kreisliga C. Es ist die unterste Liga. Der SuS Rünthe II schickt den SSV Hamm II mit 9:1 nach Hause.

Verständigung ohne Sprache

Dass der Syrer kein Problem haben würde, das Spiel ohne Komplikationen zu leiten, ist schon in den ersten Minuten der Partie absehbar. In einer Liga, in der die meisten Schiedsrichter ihren Laufradius auf den Mittelkreis beschränken, beackert Ghanoum konsequent die für Schiedsrichter angedachte Diagonale zwischen den beiden Strafräumen. Sprache braucht er während der 90 Minuten nicht. Einwurf, Vorteil, Freistoß, Gelbe Karte: Alle Handzeichen sitzen beim ehemaligen syrischen Erstliga-Unparteiischen.

Stets bewegt sich Ghanoum im Schatten des ballführenden Spielers, zeigt sofort Präsenz, wenn jemand gegen die Regeln verstößt. Einzig bei Abseitsentscheidungen winken die Spieler hin und wieder ab. Ohne Assistenten auf Abseits zu entscheiden, ist aber auch in der untersten Liga oft Lotterie und wird von Ahmad Ghanoum später lachend moniert: „In Syrien – immer mit Assistenten gepfiffen.“ Mit Abpfiff ist der syrische Mann an der Pfeife mehr gelaufen als die meisten Spieler. Willkommen in der Kreisliga C.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Syrischer Schiedsrichter pfeift erstes Spiel in Deutschland

Ahmad Ghanoum hat in seiner Heimat Syrien hochklassige und internationale Fußballspiele als Schiedsrichter geleitet. Vor anderthalb Jahren kam der 40-jährige nach Deutschland und hat nun auch in Werne sein erstes Fußballspiel in der Kreisliga C gepfiffen. Die Fotostrecke zeigt Ahmad bei seiner Leidenschaft, dem Fußball.
17.03.2017
/
Ahmad Ghanoum ermittelt vor Spielbeginn mit den Kapitänen des SuS Rünthe II, Philipp Hausold (r.), und des SSV Hamm II, Alexander Bölling, wer anstößt.© Foto: Greis
Auch in der Kreisliga C gehört die Kontrolle der Tornetze zur Spielvorbereitung.© Foto: Greis
Ahmad Ghanoum, ehemaliger syrischer Erstliga-Schiedsrichter, der für Eintracht Werne pfeift.© Foto: Greis
Passkontrolle! Cafer Yilmaz (2.v.r.) hilft Ahmad Ghanoum bei der Verständigung mit den Rünther Spielern.© Foto: Greis
Ahmad Ghanoum, ehemaliger syrischer Erstliga-Schiedsrichter, der für Eintracht Werne pfeift.© Foto: Greis
Ahmad Ghanoum und sein Schiedsrichter-Pate Cafer Yilmaz (r.) besprechen in der Halbzeit eine Spielszene, in dem Ghanoum Vorteil hätte geben können, aber das Spiel nach einem Foul unterbrochen hatte.© Foto: Greis
Rünthes Einwechselsspieler melden sich zur Pause bei Schiedsrichter Ahmad Ghanoum an.© Foto: Greis
Rünthes Trainer Björn Ziegert (l.) und seine Auswechselspieler hatten ebenso wie das Gästeteam des SSV Hamm II an der Leistung von Ahmad Ghanoum nichts zu mäkeln. Ungewohnt für den Schiedsrichter war, dass in den unteren deutschen Ligen an der Seitenlinie ein Betreuer des jeweiligen Teams zwar Bälle, die ins Aus gehen anzeigen, aber keine Abseits winken dürfen.© Foto: Greis
Ahmad Ghanoum verteilt seine erste Gelbe Karte im deutschen Ligafußball. Auch einen klaren Elfmeter pfeift er im Spiel zwischen Rünthe und Hamm.© Foto: Greis
Beim Eintragen der Spieldaten ins elektronische Meldesystem muss sich Ahmad Ghanoum konzentrieren. Cafer Yilmaz und Rünthes Trainer Björn Ziegert helfen.© Foto: Greis
Schlagworte

„Er ist zwar nicht mehr der Jüngste, aber für die Landesliga könnte es noch reichen, wenn er die Sprache besser beherrscht“, sagt Cafer Yilmaz. Er ist selbst Schiedsrichter für Eintracht Werne in der Kreisliga A und ist in den vergangenen Monaten die wichtigste Bezugsperson für Ahmad Ghanoum geworden. Yilmaz hat ihn bei seiner Eintracht untergebracht und dafür gesorgt, dass er schnellstmöglich an die Pfeife darf. Nun fährt er ihn zu den Fußballplätzen, hilft als Pate beim Ausfüllen der DFB-Formulare und ist für Ghanoum wichtiger Gesprächspartner.

Schiedsrichterpass beeindruckt

„Irgendwann im vergangenen Dezember wurde ich von unserer Kassiererin angerufen, dass sich ein Mann vorgestellt hätte und Schiedsrichter sei. Es hat ihn aber keiner so recht verstanden“, erinnert sich Yilmaz. Dann habe man ihn zurate gezogen. „Was natürlich auch Quatsch ist, weil ich türkisch spreche und Ahmad arabisch. Wir haben uns dann mit Händen und Füßen verständigt. Ahamd hat Videos und Fotos von sich auf dem Handy gezeigt und schließlich hatte er noch einen syrischen Schiedsrichterpass“, sagt Yilmaz.

Der landete bei Heiko Rahn, der als Gruppenobmann die pfeifende Gilde im nördlichen Kreis Unna vertritt. „Ich habe das in der Flüchtlingshelferzentrale in Bergkamen übersetzen lassen. Dann haben alle erstmal große Augen gemacht“, sagt Rahn.

Ghanoums Ausweis wies ihn für die Saison 2007/08 als Schiedsrichter für Syriens erste Fußballliga aus. „15 Jahre habe ich da gepfiffen. Seit 1997. Spiele vor 40.000 Zuschauern? Kein Problem“, sagt Ghanoum und korrigiert Yilmaz‘ Prognose, dass Ahmad es bis in die Landesliga schaffen könnte: „Wo ich pfeifen kann? Am liebsten in der ersten Liga. Borussia! Kein Problem“, sagt Ghanoum und legt ein Lachen auf, das ihm auch während des Spieles immer dann entwischt, wenn er eine Situation gemeistert hat.

Wunsch schon seit der Jugend

In der Halbzeit holt sich der ehemalige Erstliga-Schiedsrichter die Bestätigung beim Kreisliga-Vertreter Cafer Yilmaz ab, alles richtig gemacht zu haben. „Er will keine Fehler machen“, sagt Yilmaz.

Schon als Jugendlicher habe er sich auf Anraten eines Freundes entschlossen, Fußballschiedsrichter zu werden. Wenn sein Name, sein Bild in der Zeitung auftauchte, dann war Ahmad Ghanoum stolz: „Weil es auch meine Eltern stolz gemacht hat.“ Vom Sport in Syrien ist nicht mehr viel geblieben. Geschwister und die Eltern leben in der Nähe der Hauptstadt Damaskus. Es gäbe nur wenig zu Essen, oft falle der Strom aus, sagt er. Seine Eltern waren der Grund, warum Ghanoum vor fünf Jahren in Syrien blieb und zunächst seine Frau und die vier Kinder nach Jordanien schickte, als der Bürgerkrieg in Syrien aufflammte.

 

Ahmad Ghanoum von #Eintracht #Werne war in #Syrien Erstligaschiedsrichter. In #Rünthe pfeift er sein erstes Punktspiel in #Deutschland in der Kreisliga C. Mehr zu Ahmad Ghanoum und seiner Geschichte am kommenden Freitag in den #RuhrNachrichten Werne.

Ein Beitrag geteilt von Ruhr Nachrichten (@rnlive) am 12. Mär 2017 um 5:08 Uhr

Damals hat der 40-Jährige seine Familie letztmals in Fleisch und Blut gesehen. Seine vier Kinder, drei Jungs im Alter von 14, 10 und 6 Jahren sowie die Zwillingsschwester des Jüngsten, hat er weitgehend über Fotos und Videos per Handy aufwachsen sehen. „Ich habe oft versucht, dass meine Familie einen Termin bei der deutschen Botschaft in Jordanien bekommt. Hat nie geklappt“, sagt Ghanoum.

"Hier ist es perfekt"

Er selbst ist über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. 2000 Euro für die Schlepper und einen 15-tägigen Marsch zu Fuß und per Boot hat es ihn Ende 2015 gekostet, um in München zu landen und Stunden später nach Thüringen gebracht zu werden. Schlimme Wochen in Suhl und eine bessere Zeit in Arnstadt folgten. „Vor acht Monaten bin ich nach Werne gekommen. Hier ist es perfekt“, sagt Ghanoum.

Nun lebt er in einer eigenen Wohnung und ist seit wenigen Tagen anerkannter Flüchtling mit Aufenthaltstitel bis 2019. Das heißt, dass er arbeiten und unter Umständen auch nach Jordanien reisen darf. „Ich muss Geld verdienen. Ich will nach Jordanien und vor Ort zur Botschaft, um meine Familie holen zu können“, sagt Ghanoum. Ein paar Euro bringen ihm die Schiedsrichterei und ein Nebenjob als Leichtathletiktrainer für den Nachwuchs des TV Werne.

Cafer Yilmaz und Heiko Rahn arbeiten bereits daran, ihren Mann aus der ersten syrischen Liga in Lohn und Brot zu bringen, damit sich Ahmad Ghanoums größter Wunsch erfüllt: „Ich möchte nur, dass ich mit meiner Familie hier leben und arbeiten darf.“ Und Fußball? Natürlich will ich weiter pfeifen. Aber nur mit Assistenten!“, sagt Ghanoum, lacht verschmitzt mit blitzenden Augen und man ist sich nicht so sicher, ob er nicht doch noch mal vor tausenden Zuschauern ein Fußballspiel leiten wird.  

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt