„Tolle Entwicklung“, blöde Sprüche und ein paar Sorgen: So steht es um den Frauenfußball in Werne

rn50 Jahre Frauenfußball

Vor 50 Jahren war es für die Fußballerinnen in Deutschland endlich so weit. Sie durften ganz offiziell in Vereinen und Ligen spielen. Auch in Werne, Lünen, Bork und Herbern hat sich der Frauenfußball etabliert.

Werne, Herbern

, 31.10.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für Fußballspielerinnen in Deutschland war der 31. Oktober 1970 ein großer Tag. Ein Tag, der die Zukunft im Frauensport verändern und zu großen Titelgewinnen führen sollte. Vor 50 Jahren hob der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ein Verbot aus dem Sommer 1955 auf. In diesem hieß es, dass Vereine keine Frauen-Abteilung gründen dürften.

Da aber trotzdem gespielt wurde und eine unkontrollierbare Konkurrenzstruktur drohte, hatten die DFB-Funktionäre keine andere Wahl, als die Damen ganz offiziell auf den Rasen zu lassen. Diesen ganz besonderen Tag hat wohl kaum eine Frau, die aktuell bei den Damenmannschaften im Verbreitungsgebiet spielt, miterlebt. Doch die Auswirkungen bekommen sie trotzdem zu spüren.

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Bei einer Sache sind sich die Verantwortlichen in Werne, Herbern und Bork einig: Der Frauenfußball hat in den vergangenen Jahren eine tolle Entwicklung durchgemacht. Und was damals noch belächelt wurde, bekommt heute die vollste Akzeptanz. Auch in den Amateursportvereinen. Eine Bestandsaufnahme in der Region zeigt die gute Arbeit, die bereits geleistet wurde.

Beim Werner SC hat man sich vor sieben Jahren wieder gegründet und steht nun mit einer stabilen Leistung in der Kreisliga B. Aus Interesse ist in Bork 2007 wieder eine Damen- und D-Juniorinnen-Mannschaft entstanden. „Das ist absolut wichtig für den Verein und macht unser Angebot breiter“, erklärt Dietmar de Sacco, Geschäftsführer des PSV Bork.

Lange Geschichte im Herberner Frauenfußball

Heute sind die Frauen in der Bezirksliga das Aushängeschild im Damenbereich. Für Trainer Markus Kuhn sei zum jetzigen Zeitpunkt das Optimale erreicht, vor allem bei einem so kleinen Verein wie dem PSV Bork. „Zwischen Recklinghausen, Hamm und Unna sind wir eher so ein kleines Gallien-Dorf.“ In Herbern blickt man auf eine lange Geschichte im Frauenfußball zurück. Jugendleiter Toni Brockmeier schätzt die Anfänge auf Ende der 80er Jahre. Nach zwei Jahren in der Landesliga sind die Damen für die Saison 2020/21 freiwillig zurück in die Bezirksliga. Dort verweilt auch das Frauenteam des BV Lünen.

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Auch heute bekommen die Trainer noch Sprüche wie „Ach Frauenfußball kann man sich doch nicht angucken.“ mit. Die Mehrheit sei aber überrascht und am Ende doch überzeugt von den Damen auf dem Platz, weiß Kuhn. Die Qualität habe absolut zugenommen, gerade im Kreis Münster werde „toller“ Frauenfußball gespielt, fügt WSC-Trainer Thomas Volkenrath hinzu.

Nachwuchs macht den Vereinen Sorgen

Ein Thema, was den Vereinen im Verbreitungsgebiet trotz der guten Entwicklungen im Frauenfußball Sorgen bereitet, ist der Nachwuchs. In Bork, Werne und Herbern gibt es neben den Damenmannschaft einige Mädchenteams und auf die sei man auch stolz. Doch es scheint, dass die Masse an Nachkömmlingen für einen langen Blick in die Zukunft nicht ausreicht. Das sah vor ein paar Jahren noch ganz anders aus, zur Frauen-Weltmeisterschaft 2011 im eigenen Land beispielsweise. Brockmeier und Volkenrath berichten von unheimlich vielen Anmeldungen und einem Platz voll mit Mädchen, die Fußball spielen wollten.

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Doch der Boom sei abgeflacht, wenn nicht sogar etwas verflogen. Mögliche Gründe sieht der WSC-Trainer in der Außendarstellung des Frauenfußballs. „Die Nationalmannschaft und auch die Bundesliga kommen medial zu kurz. Die sind nicht mehr so präsent wie zur WM.“ Auch der Freizeitgedanke sowie das sportliche Angebot habe sich verändert. Dabei sei der Unterbau enorm wichtig, betonen die Verantwortlichen immer wieder. „Jedes Jahr verliert man Spielerinnen durch Studium, Ausbildung oder ähnlichem, deswegen muss man da in der Jugendarbeit dran bleiben“, erklärt Volkenrath.

Instagram und Spielgemeinschaft als Lösung

Aber wie geht man nun mit dieser Problematik um? Die Vereine im Verbreitungsgebiet haben da ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Beim SV Herbern hat man in diesem Jahr den Schritt gewagt, eine Jugendspielgemeinschaft mit dem TuS Ascheberg zu gründen. „Ehe beide Abteilung möglicherweise in zwei oder drei Jahre von der Bildfläche verschwinden, wollten wir den Weg lieber gemeinsam gehen“, erklärt Brockmeier. Deswegen spielen die C- bis E-Juniorinnen nun zusammen. Und auch in der B-Jugend wählte man diesen Weg. Hier ist aber durch die Klassenunterschiede keine Spielgemeinschaft möglich gewesen, sodass das Team unter dem Vereinsnamen SV Herbern läuft.

Der Werner SC versuchte es vor einem Jahr über einen Instagram-Aufruf und hat so Mädchen erreicht, die zum Probetraining gekommen sind. „Man sollte die Medien nicht unterschätzen. Durch wenig Aufwand kriegt man viele Leute. Aber es muss auch Zeit und Arbeit in eine solche Seite gesteckt werden“, erklärt Volkenrath.

Der Aufwand lohne sich aber für eine gute Außendarstellung. Auch die Damenmannschaft des PSV Bork hat einen Instagramauftritt und bewirbt sich dort selbst. Geschäftsführer De Sacco sieht zusätzlich eine Chance in Kooperationen mit Schulen. So könne man die Altersklasse zwischen sechs und 12 Jahren erreichen, beispielsweise durch eine Mädchen-Fußball-AG.

Mehr Verantwortung für die Frauen

Die Wertschätzung für den Frauenfußball wächst im Amateursport. Trotz der guten Entwicklung würde sich Toni Brockmeier wünschen, dass man die Frauen in Herbern auch sportlich gesehen noch mehr unterstützt. Denn die Damenmannschaft gehört in der Verwaltung der Jugendabteilung an und nicht dem Seniorenbereich. „Wir wollten da mal einen Wechsel vollziehen, doch im Vorstand fremdelt man noch ein wenig mit dieser Idee. Deswegen hat man es so belassen.“ Überhaupt habe es damals viel Überzeugungsarbeit gekostet, die Frauen überhaupt zu etablieren im Herberner Fußball.

Die Damen des SV Herbern haben sich bis in die Landesliga hochgekämpft, sind nun aber freiwillig zurück in der Bezirksliga.

Die Damen des SV Herbern haben sich bis in die Landesliga hochgekämpft, sind nun aber freiwillig zurück in der Bezirksliga. © Helga Felgenträger

Hinzu kommt auch noch, dass der Damenbereich deutlich weniger finanzielle Unterstützung bekäme als die Männer. „Man geht davon aus, dass der Trainer der Damenmannschaft auch in der Landesliga einfach so coacht, während der Senioren-Trainer bezahlt wird. Die Damen müssen sich da ganz viel erstreiten und erkämpfen.“

Für Volkenrath ist besonders der Blick auf den vermehrten Einsatz von Frauen in der Fußballabteilung wichtig. Das heißt, dass auch die Damen Trainer- oder Schiedsrichter-Scheine machen, um mehr Verantwortung zu übernehmen. Gerade im Trainerbereich sehe er bei so wenigen Teams Frauen am Spielfeldrand. „Das sind zu 80 Prozent Männer. Da könnte man in Zukunft ansetzen.“ In Werne gebe es aktuell zwei Frauen, die nun die U17 und die U13 coachen. „Besser geht’s“, findet Volkerath.

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