Auf diesem Acker in Niederaden sollen rund 50 Wohneinheiten entstehen. Die Idee zu einer Bebauung stammt bereits aus dem Jahr 1965. © Günther Goldstein
Wohnen in Lünen

Neubaugebiet in Lünen wird bebaut mit 55 Jahren Verspätung

Die Nachfrage nach Bauplätzen in Lünen ist groß, das Angebot klein. Um das zu ändern, hat sich der Rat eines bereits ausgewiesenen Wohngebiets erinnert, das aber bis heute Acker ist.

Mehr als 55 Jahre ist es her, dass die Verantwortlichen im Lüner Stadtrat auf den Ortsrand von Niederaden geblickt haben und in dem Acker dort mehr sahen als eine landwirtschaftliche Fläche. Vor ihren geistigen Augen stand ein Wohngebiet, das sich westlich an den ehemaligen Adelssitz Haus Oberfelde anschließt. Tatsächlich wurde in den 1960er- bis 80er-Jahren südlich der Kreisstraße in Niederaden viel gebaut, aber nie in dem damals ausgewiesenen Wohngebiet. Das wollen die Ratsmitglieder mehr als zwei Generationen später jetzt nachholen.

Grünes Licht für 50 Wohneinheiten trotz 16 Gegenstimmen

Der Stadtrat hat am 11. November 2021 mehrheitlich die Weichen dafür gestellt. Trotz 16 Gegenstimmen fasste die Mehrheit der insgesamt 53 Ratsmitglieder den Satzungsbeschluss für das Baugebiet in der Heide: der Startschuss für die Erschließung und die geplante Bebauung mit etwa 50 Wohneinheiten. Die Reihenfolge ist dabei entscheidend. Denn es gibt ein Problem mit der Lautstärke.

Das hat nicht nur mit dem Hundeübungsplatz in der Nachbarschaft und der Grubengasanlage der ehemaligen Schachtanlage Kurl 3 zu tun, sondern vor allem mit einer anderen Lärmquelle: der Autobahn. Die Lärmgutachten belegen: Tagsüber werden die Orientierungswerte für Allgemeine Wohngebiete im gesamten Plangebiet überschritten. Die für Mischgebiete geltenden Werte, – sie bilden die Mindestanforderung für Außenwohnbereiche wie Terrassen – werden aber immerhin in einem großen Teil des Plangebietes eingehalten. Nachts aber sieht es anders aus: Dann liegt der Lärm jenseits der Orientierungswerte – sowohl für allgemeine Wohngebiete als auch für Mischgebiete. Schallschutz ist also nötig, aber schwierig.

Gebäuderiegel sollen vor dem Lärm der A 2 schützen

Maßnahmen, die dafür sorgen könnten, dass der Verkehrslärm der A 2 erst gar nicht ins Wohngebiet gelangt, scheiden laut Stadtverwaltung Lünen aus. „In diesem Fall sind Lärmschutzwände im Bereich der Autobahn A2 durch den Investor nicht umsetzbar“, heißt es in der Begründung zum Bebauungsplan Nummer 231 In der Heide. Bliebe ein Lärmschutzwall: Aber auch da winkt die Stadtverwaltung ab. Die Errichtung eines solchen Walls stehe „aufgrund der erforderlichen Höhe, Länge und des Platzbedarfs in keinem vertretbaren Verhältnis zum Schutzziel“. Die künftige Bebauung muss also selbst für ihren Schutz sorgen.

Eine riegelhafte, zwei- bis dreigeschossige Bebauung an der Südseite des Plangebietes kann laut Lärmschutzgutachten „weitgehenden Lärmschutz für die nördlich gelegenen Gebäude und die Freibereiche schaffen“. Das erfordere „die zwingende Errichtung von Garagen, die mit einem geneigten Dach versehen werden sollen“. Die Außenseite des Baugebietes wird damit vergleichsweise kompakt. Der Innenbereich soll im Gegenzug lockerer werden nur mit eingeschossigen Einzelhäusern.

GFL und AfD kritisieren Umwandlung der Ackerfläche

Kritik an der Bebauung wurde vor allem von Seiten der GFL und der AfD laut. Friederike Hagelstein (AfD) forderte pauschal einen „nachhaltigeren Umgang mit den Flächen“. Andreas Dahlke (GFL) legte die Messlatte bei der Umwandlung von Acker in Wohnbauland höher als es der Bebauungsplan In der Heide macht. Eine moderne Ausrichtung wie beim Baugebiet Sedanstraße in Lünen-Süd, das als besonders klimafreundlich gelten soll, fehle.

Die Stadtverwaltung rechtfertigt die kritisierte Nutzung der Freifläche mit einer Güterabwägung: „In diesem konkreten Fall wird die Sicherstellung der Wohnraumversorgung unter Berücksichtigung der Wohnbedürfnisse junger Familien höher bewertet, als der Erhalt der Ackerfläche die bereits an drei Seiten von einer Bebauung umgeben ist“, heißt es in der schriftlichen Begründung. Der vom Gesetzgeber geforderte Ausgleich für den Eingriff in die Natur wird vor Ort ausgeglichen: Ein angrenzender weiterer Acker wird auf einer Fläche von 12.500 Quadratmetern aufgeforstet.

Plan zur Bebauung entstand noch in der Bergbauzeit

Dass sich die Stadt so lange Zeit gelassen hatte mit der Bebauung des bereits vor mehr als 55 Jahren dafür vorgesehenen Gebiets, hat mehrere Ursachen. Als 1965 der erste Bebauungsplan aufgestellt wurde, prägte noch der Bergbau die Stadtentwicklung. Kurl 3 war erst 1967 als Seilfahrtsschacht in Betrieb gegangen. Die Zeche Haus Aden nutzte ihn bis 1998.

Im neuen Jahrtausend zeichnete sich wieder Bedarf an Wohnraum ab. „Vor einigen Jahren“, so die Stadtverwaltung, habe ein Tochterunternehmen der Stadt die landwirtschaftliche Fläche erworben „und später an eine örtliche Wohnungsbaugesellschaft weiter veräußert“. Aus einer Bebauung wurde aber erst einmal nichts, denn zu diesem Zeitpunkt hatte die Stadt gerade den Masterplan Wohnen in Auftrag gegeben, dessen Ergebnisse die Verantwortlichen abwarten wollten. Das war Mitte Juli 2018 so weit.

Masterplan: Trotz Bevölkerungsrückgangs wächst der Bedarf

Der Masterplan zeigte: Trotz Bevölkerungsrückgangs werden zusätzliche Wohnungen nötig. Denn die Wohnfläche pro Person steigt – von 2005 bis 2015 um vier Quadratmeter auf 41 Quadratmeter. Dafür verantwortlich sind Trends, wie die Abkehr von der Großfamilie, die wachsende Zahl von Familien mit nur einem Kind, ein steigender Anteil von Alleinerziehenden und Singles und das zunehmende Alter der Bevölkerung.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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