Pfarrerin Andrea Ohm begleitete die Fusion der Gemeinden Horstmar und Preußen von Anfang an. © Julian Preuß
Gemeindefusion

Zehn Jahre Gemeinde Horstmar-Preußen: „Die Kirche ist kein Auslaufmodell“

Am Pfingstsonntag 2011 feierte die evangelische Kirchengemeinde Horstmar-Preußen ihren ersten gemeinsamen Gottesdienst. Pfarrerin Andrea Ohm (58) hat die Fusion begleitet. Ein Rück- und Ausblick.

Fotos vom 12. Juni 2011 zeigen gut gekleidete Menschen, die auf Bierbänken vor der evangelischen Kirche Lünen-Süd an der Jägerstraße sitzen. Doch die Menschen trafen sich nicht einfach zu einem geselligen Gemeindefest. Sie feierten einen Neuanfang, einen Aufbruch in eine damals ungewisse Zukunft und die Geburt einer neuen Gemeinde: die evangelische Kirchengemeinde Horstmar-Preußen.

Andrea Ohm erinnert sich gerne an diesen Sommertag zurück – den Tag, auf den sie gemeinsam mit dem damals vierköpfigen Pfarrteam und vielen Gemeindegliedern eineinhalb Jahre hin gearbeitet hat. „Wir haben in dieser Zeit die Gleise für eine gemeinsame Zukunft gelegt“, erinnert sich Ohm. Dabei baute die Pfarrerin schon viele Jahre zuvor die erste Brücke zwischen den Gemeinden Horstmar und Preußen.

Von 1999 bis 2006 arbeitete Ohm als Pfarrerin in der Gemeinde Preußen, wo sie auch im Anschluss noch eine halbe Pfarrstelle besetzte. Zusätzlich nahm sie dann eine halbe Pfarrstelle in Horstmar ein und pendelte fortan zwischen beiden Gemeinden, die zu diesem Zeitpunkt noch parallel existierten. Ohm schuf so die Grundlage für die spätere Fusion – ein Prozess, bei dem beide Gemeinden etwas Zeit brauchten, um sich anzunähern.

Denn der Zusammenschluss entstand auch aus pragmatischen Gründen. „Der Personalabbau im Pfarrteam war ein Grund für die Vereinigung“, blickt Ohm zehn Jahre später zurück. So sei eine Vereinigung ein „notwendiger Schritt“ gewesen, um die Existenz der Gemeinden zu sichern.

Kritik an der Gemeindefusion

„Es gab aber auch kritische Stimmen“, erinnert sich Ohm und ergänzt: „Die Gemeinde Preußen war zu diesem Zeitpunkt schon über 100 Jahre alt.“ Die Fusionierung bedeutete somit auch einen Abschied von Traditionen. Besonders deutlich zeigte sich dies bei der Namenfindung für die neue Gemeinde.

Der zunächst angedachte Name „Südliches Lünen“ setzte sich nicht durch. Stattdessen entscheid man sich für die Zusammensetzung „Horstmar-Preußen“. So habe man die Identität der alten Gemeinden teilweise in der neuen Fusionsgemeinde bewahren können. Ohm begründet die anfängliche Befremdung ebenfalls mit der räumlichen Distanz und der Stadtteilgrenze zwischen den beiden Ursprungsgemeinden. So liegt beispielsweise ein rund drei Kilometer langer Fußweg zwischen beiden Kirchen.

Jetzt – zehn Jahre später – sei Horstmar-Preußen mittlerweile stark zusammengewachsen. Es habe sich ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt. „Daher haben wir bei der letzten Wahl des Presbyteriums die Aufteilung nach Wahlbezirken wegfallen lassen. So muss nicht mehr eine bestimmte Anzahl der Presbyter aus der ehemaligen Gemeinde Preußen oder Horstmar kommen“, erklärt Ohm. Sie ist als einiges Mitglied des damals zusammengeschlossenen Pfarrteams noch heute aktiv. Es herrsche eine Gesamtverantwortung, sodass kein Bezirk benachteiligt werde.

Gemeindezusammenschluss wird zu einer Bereicherung

Ohm empfindet die Fusion als eine Bereicherung. „So haben wir gemerkt, wie groß die Vielfalt in unserer neuen Gemeinde ist“, sagt sie. So habe es beispielsweise parallel zueinander einen Kirchen- und einen Posaunenchor gegeben, die sich nun ergänzen. In den letzten zehn Jahren habe also vieles zueinander gefunden, sodass die Gemeinde wieder das ist, was sie eigentlich sein soll: ein Ort der Begegnung.

Doch die Gemeinde Horstmar-Preußen steht einer Herausforderung gegenüber, wenn sich in den kommenden zehn Jahren weiterhin Menschen im Rahmen der Kirche begegnen sollen. „Wir befinden uns am Anfang eines Strukturwandels“, erklärt Ohm. Die ersten Auswirkungen dieses Wandels sind bereits spürbar. So gehen die Gemeindegliederzahlen zurück. Zählten 2011 noch 9000 Menschen zur Gemeinde, sind es zehn Jahre später nur noch rund 7000 Mitglieder.

Ohm vermutet, dass es einige Gruppenangebote in den nächsten Jahren aus Altersgründen nicht mehr geben wird – darunter beispielsweise Senioren- oder Frauenhilfe-Gruppen. Das Problem: „Es finden kaum neue Gruppen zusammen.“ Und dennoch hat die Kirche aus Ohms Sicht ihre Attraktivität nicht verloren. „Die Kirche ist kein Auslaufmodell. Sie hat immer wieder andere Formen angenommen.“

Pfarrteam der Gemeinde könnte sich weiter verkleinern

Für die Pfarrerin scheint es unausweichlich, dass auch Horstmar-Preußen ein neues Gesicht bekommen wird. „Es kann gut sein, dass es in zehn Jahren nur noch eine Pfarrerin oder einen Pfarrer in der Gemeinde geben wird“, sagt Ohm. Fest steht, dass sie den 20. Gemeindegeburtstag nicht mehr als aktive Pfarrerin begleiten wird. Dies werde dann in der Verantwortung anderer liegen. „Dabei macht es Spaß, solche Veranstaltungen zu planen“, sagt sie.

Noch immer nicht geplant ist ebenfalls eine Feier anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Gemeinde. Geschuldet sei dies der Pandemiesituation. Lediglich 60 Gäste dürften an einem Gottesdienst teilnehmen. Ein Großteil des Gemeindelebens befindet sich zudem noch in der Warteschleife. Nach den Sommerferien wollen sich die Gruppenleiter zusammensetzen und beraten, wie es weitergeht. Es wird jedoch noch dauern, bis sich die Gemeindeglieder wieder auf dem Platz vor der evangelischen Kirche Lünen-Süd treffen, sich unterhalten oder gemeinsam singen – so wie an Pfingstsonntag 2011.

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