Erfolgreich auf dem Weg in ein leichteres Leben: Jan-Philipp Zirkel (26) ist nicht wiederzuerkennen. Er hat 100 Kilo abgenommen. © Grafik Klose
Adipositas-Zentrum Werne

212 Kilo-Mann speckt ab: Nach OP „fühlt sich das Leben leichter an“

Drei Fertigpizzen auf einmal und sonst nichts am Tag. Jan-Philipp Zirkel wog 212 Kilo. Er wollte mehr vom Leben und weniger Pfunde. Heute ist er 100 Kilo leichter, mithilfe einer OP in Werne.

Im Flugzeuge wurde es unangenehm. Jan-Philipp Zirkel aus Werne musste nach einem Verlängerungsgurt fragen. Mit 212 Kilo Gewicht war es eng im Sitz. Seine Pfunde machten ihm das Leben schwer. Obwohl er ein aktiver Typ ist, war er bei einer Radtour nach 15 Minuten am Ende. Alles strengte doppelt an. Schon als Kind war Jan-Philipp Zirkel dick. Später habe er richtig die Kontrolle über sein Essverhalten verloren. Nachtschichten als Altenpfleger taten ihr Übriges. „Ich hatte einen schlechten Rhythmus“, sagt der heute 26-Jährige. Inzwischen isst er regelmäßig drei Mahlzeiten. Das sind Kinderportionen. Höchstens ein halbes Brötchen samt einem Stück Gurke und Tomate. Mehr geht nicht, seit sein Magen durch eine OP einen Bypass bekommen hat.

Deutschland wird dicker. 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen haben krankhaftes Übergewicht. Adipositas heißt das im Fachjargon. Ob Gewicht und Körpergröße in einem gesunden Verhältnis stehen, gibt der Bodymass-Index (BMI) an. Berechnet wird er nach Körpergewicht, geteilt durch Körpergröße zum Quadrat. Ab einem Wert von 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von Adipositas Grad 1. Jan-Philipp Zirkels BMI lag bei 60. Das bedeutet Grad 3.

Mehr Betroffene in Kliniken

2019 wurden in NRW 7029 Patientinnen und Patienten wegen Fettleibigkeit im Krankenhaus behandelt. Das waren 12,9 Prozent mehr als 2018 mit 6228 Fällen. Wie IT.NRW mitteilt, war nahezu die Hälfte (48,9 Prozent) der krankhaft fettleibigen Patientinnen und Patienten 35 bis unter 55 Jahre alt.

Jan-Philipp Zirkel war 23. Seine Zukunft stellt er sich mit Frau und Kindern vor. Er wollte nicht mit 40 ein Pflegefall sein. Übergewicht kann schwere Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen nach sich ziehen. Die Lebenserwartung sinkt. Bei BMI Grad 3 um acht bis zehn Jahre. Keine erstrebenswerte Zukunftsperspektive. Zirkel wollte sein Leben ändern.

Mit Diäten allein hätte das nicht geklappt. „Bei diesen Patienten ist der Regelmechanismus des Sättigungsgefühls defekt“, sagt Dr. Christian Klingeberg, Oberarzt im Adipositas-Zentrum Werne am St. Christophorus-Krankenhaus, das zum Katholischen Klinikum Lünen/Werne gehört. Ein hormonelles Problem. Der Körper wolle weiter Reserven heranschaffen. Diesem Gefühl seien Betroffene hilflos ausgeliefert.

Operation kann nur Ergänzung sein

Am zertifizierten Adipositas-Zentrum gibt es das eigens entwickelte Schulungsprogramm „inBalance“. Ernährungsberater, Psychologen und Physiotherapeuten begleiten chronisch Übergewichtige auf dem Weg zu einer Änderung des Lebensstils. Für viele ist das die Vorbereitung auf eine Operation. Im Juli vor einem Jahr stand sie für Jan-Philipp Zirkel an. Es gibt mehrere chirurgische Methoden, bei ihm war es der Magenbypass. „Dabei wird der Magen in zwei Teile getrennt. Eine kleine Magentasche bleibt am Ende der Speiseröhre“, erklärt Christian Klingeberg. Daran wird der Dünndarm angeschlossen. Weil die Magentasche schneller gefüllt ist, ist der Betroffene schneller satt. Die Verdauungssäfte erreichen die Nahrung später, so dass ein Teil des Essens ungenutzt ausgeschieden wird.

„Die OP ist nur eine Ergänzung“, so Klingeberg. Wichtig sei die konsequente Umsetzung des neuen Lebensstils. Von der ersten Sprechstunde bis zur OP vergeht meist ein Jahr. Voraussetzung ist das 220 Euro teure Schulungsprogramm, dessen Kosten bei Jan-Philipp Zirkel die Krankenkasse getragen hat.

Über 100 Adipositas-Operationen werden pro Jahr im Krankenhaus Werne durchgeführt. Patienten reisen von weit an. In Corona-Zeiten allerdings waren die Kapazitäten eingeschränkt. Es gab etwa 80 Eingriffe im Jahr.

Wochenlang keine feste Nahrung

Nach der OP durfte Jan-Philipp Zirkel zwei Wochen nur Flüssiges zu sich nehmen. Die filigranen OP-Nähte, die von Titan-Klammern gehalten werden, mussten heilen. Es kam breiige Koste dazu, nach vier Wochen erstes weiches Brot. Heute wiegt der 26-Jährige 100 Kilo weniger. Sein Leben „fühlt sich leichter an.“ Er schlafe besser, stehe besser auf und koche jeden Tag frisch. Anfangs musste alles genau abgewogen werden. Inzwischen kennt er die Portionen. Viermal die Woche Fitness-Studio, dazu Boxen, Schwimmen und Fahrradfahren: Jan-Philipp Zirkel treibt viel Sport. Jeden Monat brauchte er neue Kleidung. „Es war jedes Mal ein tolles Gefühl, wenn der Schneider sie enger machen musste“, sagt er.

Ein Leben lang in der Nachsorge

Selbsthilfegruppen in Werne und Lünen unterstützen Betroffene in ihrem neuen Leben. Coronabedingt konnten die Treffen zuletzt nur online stattfinden. Adipositas-Patientinnen und -Patienten bleiben ihr Leben lang in der Nachsorge der Klinik. Sie werden dabei begleitet, wie sie sich mit wenig Magen und Mini-Mahlzeiten trotzdem ausgewogen ernähren können. Jan-Philipp Zirkel nimmt hochdosierte Vitamine als Tabletten ein. Er wird sein Leben lang diszipliniert essen müssen, auch wenn der Magen später einmal mehr schaffen kann. Hemmungslos reinhauen darf er nicht, um nicht in alte Muster zu verfallen. Der 26-Jährige will das auch gar nicht. Viele Betroffene empfinden die OP als Start in ein zweites Leben“, sagt Chefarzt Dr. Peter Hartung. Das kann Jan-Philipp Zirkel nur unterstreichen.

InformationDas Adipositas-Zentrum Werne

Das Adipositas-Zentrum Werne im St. Christophorus-Krankenhaus hat Sprechzeiten Mo., Di., Do. von 8 bis 13 Uhr, Mi. von 8 bis 15.30 Uhr und Frei. von 8 bis 11.30 Uhr. Termine gibt es auch nach Vereinbarung, Tel. 02389-7871301 oder per Mail: adipositas@krankenhaus-werne.de.

Termine für das Schulungsprogramm „inBalance“ sind unter www.krankenhaus-werne.de zu erfahren.

Über die Autorin
Redaktion Lünen
Lünen ist eine Stadt mit unterschiedlichen Facetten. Nah dran zu sein an den lokalen Themen, ist eine spannende Aufgabe. Obwohl ich schon lange in Lünen arbeite, gibt es immer noch viel zu entdecken.
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Magdalene Quiring-Lategahn

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