Das Archivbild zeigt Mitarbeiterinnen einer Studie, die an einer Puppe eine Speiseröhren- und Magenspiegelung mit einem Gastroskop durchführen. © dpa (a)
Gesundheit

84-jährige Lünerin entsetzt: Bekomme hier einfach keine Magenspiegelung

Helga König ist kein Einzelfall: Wer, wie die 84-Jährige in Lünen wohnt und gesetzlich krankenversichert ist, der muss für eine ambulante Magenspiegelung zwangsläufig das Weite suchen.

Helga König will es einfach nicht glauben: Die 84-jährige Lünerin muss sich einer Magenspiegelung unterziehen und dafür die Stadt verlassen. Richtung Werne oder Dortmund zum Beispiel.

Dort werden, im Gegensatz zu Lünen, ambulante Magenspiegelungen auch für gesetzlich Versicherte angeboten und durchgeführt. In Lünen nur für privat Versicherte. Grund dafür ist die umstrittene Sektorengrenze im deutschen Gesundheitswesen. Aber der Reihe nach.

Patientenalltag

Helga König kann mit dem Wort Sektorengrenze nichts anfangen. Und trotzdem spürt sie hautnah, was es damit im Patientenalltag auf sich hat:

„Das müssen Sie sich einmal vorstellen. Für die Magenspiegelung muss ich mich jetzt doch tatsächlich auf den Weg nach Werne machen. Da gibt es neben dem St.-Christophorus-Krankenhaus eine Facharztpraxis für Gastroenterologie.“

Das sagt Helga König am Dienstag (28. September) im Gespräch mit unserer Redaktion. Ihre sechs Wirbelbrüche, Folgen der Osteoporose-Erkrankung, bringt sie erst zur Sprache, als es um die Fahrt nach Werne geht.

„Mit dem Taxi, das kostet hin und zurück rund 70 Euro, ist mir das viel zu teuer. Und die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist für mich aus gesundheitlichen Gründen eine Tortur.“

In Lünen fehlt Facharzt

Noch mehr als die Frage, wie sie denn nun nach Werne kommt, beschäftigt die Seniorin die Tatsache, dass es in Lünen keinen Facharzt gibt, der ambulante Magenspiegelungen anbietet.

Dass dem so ist, bestätigt Dr. Arne Krüger, Vorsitzender des Lüner Ärztevereins, auf Anfrage unserer Redaktion. „Ja, das ist tatsächlich so, schon seit einigen Jahren.“

Bei der KVWL (Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, Anm.d.Red.) gehe man davon aus, sagt Krüger weiter, dass es ausreiche, in einem Umkreis von 10 bis 15 Kilometer ein Gastroskopie-Angebot zu haben. Das sieht nicht nur Helga König anders. Der Meinung ist auch Axel Weinand, Geschäftsführer des St.-Marien-Hospitals in der Lüner Innenstadt. Womit wir wieder bei der Sektorengrenze sind: „Bei dem hier beschriebenen Problem handelt es sich um die so genannten ‚Sektorengrenzen‘ zwischen dem ambulanten und stationären Bereich“, klärt Axel Weinand auf.

Ausnahme nur im Notfall

Eine ambulant durchführbare Magenspiegelung oder zum Beispiel auch eine Koloskopie (große Darmspiegelung, Anm.d.Red.) als Vorsorgeuntersuchung dürfe nur durch einen niedergelassenen Facharzt für Gastroenterologie durchgeführt werden.

Bei Blutungen oder starken Schmerzen, wenn es sich also um einen Notfall handele, sagt Weinand weiter, dann würden auch im Krankenhaus diese Untersuchungen durchgeführt:

„Der Patient sollte aber möglichst vorher zu seinem Hausarzt oder in die Notfallpraxis gehen. Der behandelnde Arzt entscheidet dann, ob der Patient als Notfall dringend ins Krankenhaus muss.“

Krankenhaus-Geschäftsführer Axel Weinand bestätigt die Angaben des Lüner Ärzteveins-Vorstand Dr. Arne Krüger, wonach es seit „einigen Jahren keinen Facharzt für Gastroenterologie mehr gibt, sodass die genannten Untersuchungen in Lünen ambulant nicht mehr durchgeführt werden“.

Krankenhaus-Geschäftsführer: Ein Unding

Für eine Stadt mit 90.000 Einwohnern sei das ein Unding, sagt Axel Weinand:

„Aus diesem Grund haben wir als St.-Marien-Hospital damals einen so genannten ‚Ermächtigungsantrag‘ bei der KVWL zur Durchführung dieser ambulanten Leistungen gestellt. Dieser Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, dass es in der Region eine ausreichende Versorgung mit niedergelassenen Fachärzten für Gastroenterologie gibt.“

Das heißt im Klartext:. Krankenhäuser wie das St. Christophorus-Krankenhaus in Werne und das St.-Marien-Hospital in Lünen dürfen für Privatpatienten ambulante Leistungen, also auch ambulante Magenspiegelungen, anbieten, aber nicht für gesetzlich Versicherte wie die 84-jährige Helga König.

Nur eine Frage der Zeit?

Axel Weinand geht davon aus, dass die Sektorengrenzen in den kommenden Jahren fallen werden, sodass auch Krankenhäuser ambulante Leistungen durchführen dürfen:

„Der einfache Grund ist, dass immer weniger Ärztinnen und Ärzte als Freiberufler in die Niederlassung gehen, sodass es absehbar zu einer Unterversorgung im ambulanten Bereich kommen wird, wie wir es bereits in Lünen erleben.“

KVWL: Zumutbare Entfernung

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hieß es auf Anfrage unserer Redaktion, dass es grundsätzlich möglich wäre, dass auch ein Facharzt für Innere Medizin ohne fachärztlichen Schwerpunkt Gastroskopien durchführt. „Hierzu bedarf es aber der entsprechenden Untersuchungsgeräte, über die natürlich nicht jede Praxis standardmäßig verfügt“, sagte eine KVWL-Sprecherin:

„In Lünen ist aktuell kein Gastroenterologe niedergelassen. Wenn man jedoch in unsere elektronische Arzt- und Psychotherapeutensuche blickt, dann befinden sich im Umkreis zum Beispiel gastroenterologische Praxen in Kamen und Unna, was gemäß eines Urteils des Bundesozialgerichts eine zumutbare Entfernung darstellt.“

Über den Autor
Redaktion Lünen
Jahrgang 1968, in Dortmund geboren, Diplom-Ökonom. Seit 1997 für Lensing Media unterwegs. Er mag es, den Dingen auf den Grund zu gehen.
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Torsten Storks