Andrea Brocks wird Grüne: „Die Welt retten kann ich nicht, aber jeder Beitrag hilft“

rnJung und politisch aktiv

Das Thema Zukunft treibt viele Menschen um. Wie Andrea Brocks (32). Davon profitieren die Grünen. Andere Lüner Parteien sind froh, wenn sie ihre Mitgliederzahlen halten können.

Lünen

, 19.03.2019 / Lesedauer: 4 min

„Du musst dich engagieren.“ Das dachte Andrea Brocks (32), als die AfD immer stärker und das politische Klima rauher wurde. „Nicht nur meckern, sondern im Kleinen etwas tun.“ Andrea Brocks, die bei dem Personaldienstleister AMG Recruiting in Lünen tätig ist, sieht ihre Vorstellungen bei Bündnis 90/Die Grünen gut aufgehoben. Sie wird Mitglied. „Die ganze Welt alleine retten kann man nicht, aber jeder Beitrag hilft.“

Diese Haltung teilen immer mehr Menschen, seit der Klimawandel spürbar wird. Die Grünen sind im Aufwind. Bundesweit zählen sie 2018 75.300 Mitglieder, davon 10.246 Eintritte. Der NRW-Landesverband wuchs von 13.250 Ende 2017 auf 14.750 MItglieder Ende 2018.

Grüne: 20 Prozent mehr Mitglieder in sechs Monaten

Im Kleinen färbt das auch auf die Lüner Grünen mit aktuell 36 Mitgliedern ab. „Waren in den vergangenen Jahren die Mitgliederzahlen im Schnitt verhältnismäßig konstant, so konnte allein in den letzten sechs Monaten einen Zuwachs von 20 Prozent verzeichnet werden“, erläutern die Parteisprecherinnen Erika Roß und Ute Brettner. Anpacken statt Aussitzen werde häufig als Grund für den Eintritt genannt.

Wie bei Andrea Brocks. Sie versucht, im Alltag Nachhaltigkeit im Blick zu haben. Weniger Fleisch und Plastik, dafür Wildblumen vor dem Haus. Keine engstirnige und rassistische Gesellschaft. Das ist ihr wichtig.

Die gebürtige Sauerländerin lebte in Münster und kam aus Liebe zu ihrem Mann vor zehn Jahren nach Lünen. In eine Stadt, die für sie ländlichen Charme mit urbaner Infrastruktur verbindet. „Ich lebe gerne hier.“ Per Facebook nahm sie 2017 Kontakt mit den Grünen auf und wurde gleich zur Fraktionssitzung eingeladen. Heute ist Andrea Brocks stellvertretende sachkundige Bürgerin im Ausschuss für Stadtentwicklung.



Bei der SPD zeigt die Mitgliederkurve seit Jahren nach unten

Umweltpolitik hat auch die SPD im Programm. Sie sei aber nicht so hip wie die Grünen, deren Kernthema das sei, und die zwei angesagte

Bundesvorsitzende hätten, erklärt SPD-Stadtverbandsvorsitzender Norbert Janßen, warum die SPD kaum von dem Thema profitieren kann. Junge Leute würden zwar bei den Jusos andocken, aber nicht unbedingt Mitglied werden. Viele wollten sich nicht langfristig binden.

Die SPD ist in Lünen die mitgliederstärkste Partei. Doch die Kurve zeigt nach unten. Vor zehn Jahren hatten noch 1202 Lüner ein Parteibuch. Ein Problem sei die Überalterung. Austritte gebe es weniger aus Politikverdrossenheit, sondern eher durch Sterbefälle, erklärt Florian Westerwalbesloh, Geschäftsführer des SPD-Unterbezirks Unna.

Doch auch die SPD kennt bundespolitische Wellen, die vor Ort durchschlagen. Als Martin Schulz 2017 antrat, unterschrieben 40 neue Mitglieder den Aufnahmeantrag. Das konnte den Mitgliederrückgang aber nicht auffangen.

Selbstständige Seniorenunion wird bei CDU mitgezählt

Anders ist es bei der CDU: mit 328 blieb die Zahl zu 2017 konstant. CDU-Stadtverbandsvorsitzender Günter Langkau zählt den 328 Mitgliedern noch 87 der Seniorenunion hinzu, die als CDU-Vereinigung zwar selbstständig sei, aber doch in der CDU mitwirke. Auch Langkau sagt, es sei schwierig, neue Mitglieder zu gewinnen. Junge Leute würden wegziehen, weil sie woanders studieren oder einen Arbeitsplatz finden.

GFL muss erstmals Rückgang verkraften

Erfolgsverwöhnt war bisher die Wählergemeinschaft GFL (Gemeinsam für Lünen). Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 konnte sie ihre Mitgliederzahl stets steigern. 2018 musste sie erstmals einen Rückgang hinnehmen. Es habe zwei Eintritte und elf Austritte gegeben, erklärte Vorsitzender Prof. Johannes Hofnagel. Gründe für die Austritte seien insbesondere Sterbefälle und Wegzug gewesen. Die GFL habe sich auf einem Niveau von über 100 Mitgliedern gefestigt. Insofern sei er mit der Gesamtentwicklung zufrieden, nicht aber mit dem Rückgang des letzten Jahres.

Andrea Brocks wird Grüne: „Die Welt retten kann ich nicht, aber jeder Beitrag hilft“

Pascal Rohrbach ist Stadtverbandsvorsitzender der FDP. © ZauberFotografie

Zur Person

Mit 26 Stadtverbandsvorsitzender der FDP

Pascal Rohrbach (26) ist neuer FPD-Stadtverbandsvorsitzender. Er ist im Geistviertel aufgewachsen und hat in Lünen Fußball und Handball gespielt. Beruflich ist Pascal Rohrbach in der Hauptstelle der Sparkasse an der Lippe tätig. 2016 ist er in die FDP eingetreten.

Ähnlich wie Andrea Brocks hat sich auch Pascal Rohrbach (26) ganz bewusst für Politik entschieden, allerdings für die FDP. Seit 2016 ist der gebürtige Lüner dort Mitglied und hat bereits Parteikarriere gemacht: er wurde jüngst einstimmig zum Stadtverbandsvorsitzenden gewählt.

Pascal Rohrbach setzt sich für liberale Ziele ein

Die liberalen Ziele selbstbestimmt leben zu können, Leistung zu belohnen und dafür Anreize zu schaffen sowie der Schwerpunkt Digitalisierung kann der Mitarbeiter der Sparkasse an der Lippe unterstreichen. Als Stadtverbandsvorsitzender will er dafür sorgen, dass der liberale Gedanke in der Politik stärker wahrgenommen wird. Wichtige Themen sind für ihn kostenfreies W-Lan in der Innenstadt, Verbesserung der online-Angebote in der Verwaltung sowie digitaleres Lernen an Schulen. Auch eine verantwortungsvolle Haushaltspolitik im Hinblick auf die junge Generation gehört dazu.

Die FDP konnte ihre Mitgliederzahl von 34 halten. Im Jahr 2017 habe sie von der Bundestagswahl und dem Wahlkampf der FDP profitiert: Neun Mitglieder kamen dazu.

Andrea Brocks: „Man muss auch Rückschläge ertragen“

Was es heißt, aktiv Politik zu machen, hat Andrea Brocks bereits erlebt. Der Antrag der Grünen, aus ökologischen Gründen künftig in Lünen keine Vorgärten aus Schottersteinen, sondern nur noch mit einheimischen Gehölzen zu gestatten, ist im Ausschuss für Stadtentwicklung durchgefallen. Nicht, weil die Politiker Steine lieben, sondern weil sie Bürgern nicht vorschreiben wollen, was sie auf ihrem Eigentum zu tun und zu pflanzen haben. „Man muss auch Rückschläge ertragen“, sieht es Andrea Brocks pragmatisch. Was aber nicht heißt, dass die Grünen nicht einen erneuten Anlauf nehmen. Denn Andrea Brocks ist sicher: Jeder kleine Beitrag hilft. Auch im Vorgarten.

In Lünen sind die Freien Wähler mit zehn Mitgliedern vertreten, die Linke hat 27 Mitglieder und die Piraten zählen 13 Mitglieder.
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