Willi Pietschmann angelt leidenschaftlich gerne. Sein Wissen gibt er im Rahmen seiner Angelkurse an Interessierte aus Lünen und Umgebung weiter. © Archiv Willi Pietschmann
Angeln

Angeln in Lünen: So belastet sind die Fische in Lippe und Horstmarer See

Schwermetalle und Industrierückstände gelangen in die Meere. Der Dokumentationsfilm „Seaspiracy“ rät vom Fischverzehr ab. Ein Angeltrainer beruhigt Fischliebhaber mit Blick auf Lüner Gewässer.

Im Nachhinein entwickelte sich das Angeln eines Weihnachtskarpfens für Willi Pietschmann zu einem Schlüsselergebnis. Seit sein Schwager ihn in den 1970er Jahren zu diesem Ausflug mitnahm, begleitet ihn die Leidenschaft für Fische. Sein Wissen gibt er im Rahmen seiner Angelschule LüKa im Fischereiverein Lünen weiter. Denn „Angeln ist ein Privileg“, sagt der Mann, der eine selbst gefangene und selbst geräucherte Forelle einem Restaurantgericht mit Meeresfrüchten vorzieht.

Doch der Fischfang bekam vom Dokumentarfilm „Seaspiracy“ (2021) eine öffentlichkeitswirksame Schelte verpasst. Eine der Kernaussagen des Films: Ein nachhaltiger Fischfang sei nicht möglich. Lediglich der Verzicht auf Fisch als Nahrungsquelle könne verhindern, dass es künftig keine Fische mehr gibt.

Dokumentarfilm „Seaspiracy“: Gesundheitsrisiko durch Fischverzehr

Zudem sei der Fischverzehr mit gesundheitlichen Risiken verbunden. Schließlich gelange durch die Industrie Gift in Form von Schwermetallen oder anderen Rückständen ins Wasser. Menschen würden dies durch den Fisch in sich aufnehmen. Der Film bezieht sich allerdings auf das Fischen in den Meeren und nicht auf das Angeln im Süßwasser.

Und trotzdem betrachtet Pietschmann die Situation der Lüner Gewässer kritisch. Denn über viele Jahrzehnte hinweg prägte der Bergbau die Stadt. „40 bis 50 Jahre lang war die Lippe daher ein Abwasserfluss“, erklärt Pietschmann. Dementsprechend hoch sei die Belastung durch krebsauslösende organische Chlorverbindungen – sogenannte Polychloride Biphenyle (PCB) – gewesen. Sie kamen in diesem Zusammenhang vor allem in Ölen von Hydraulikpumpen vor. Auch Dioxine, wie zum Beispiel Verbrennungsrückstände, lösten sich im Wasser. Genießbare Fische waren daher Mangelware.

Heute, Jahre nach dem Ende des Bergbaus in Lünen, hat sich die Situation der Lippe und der umliegenden Gewässer etwas verbessert. Eine Grundlage dafür stellt die Renaturierung der Lippe dar. „Es werden sich in den nächsten Jahren wieder gut genießbare Fische ansiedeln“, meint Pietschmann. So habe sich der ASV Kamen beispielsweise seit 2013 darum gekümmert, Quappen auszusetzen. Noch seien die Tiere geschützt. Wenn sich der Fischbestand selbstständig reproduziert, könne das Fangverbot aber fallen.

Weiterhin leichte PCB- und Dioxin-Belastung in der Lippe

Obwohl keine industriellen Abwässer mehr in die Lippe fließen, sei immer noch eine leichte PCB- und Dioxin-Belastung vorhanden. „Das liegt unter anderem daran, dass durch die Renaturierung der Lippe die Uferwallungen abgeflacht werden. Dort haben sich Dioxine und PCB abgesetzt. Die Stoffe gelangen aber wieder ins Wasser, weil mit dem Material der abgetragenen Uferwallungen das ausgewaschene Flussbett aufgefüllt wird“, erklärt Pietschmann.

Komplett auf Fisch zu verzichten sei für den leidenschaftlichen Angler allerdings keine Lösung. „Wir können den Dioxinen und PCB kaum entgehen – auch nicht, wenn wir keinen Fisch essen“, sagt Pietschmann. Schließlich werde der Fisch ebenfalls zu Tierfutter verarbeitet, sodass die Giftstoffe über Fleisch in den Menschen gelangen.

Um gesundheitlichen Schäden vorzubeugen, stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Kriterien für eine Verzehrempfehlung auf. Mit Ausnahme von Aal dürfen Flussfische demnach acht Piktogramm Dioxine, bzw. PCB je Gramm Fisch enthalten. „Eine kritische Menge dieser Stoffe nimmt man erst zu sich, wenn man sechs Wochen lang täglich 1,5 Kilogramm Flussfisch isst“, sagt Pietschmann. Er kommt zu dem Schluss: „Die Gewässer in Lünen sind recht unbelastet.“

Fischereiverein kümmert sich um den Hostmarer See

Dies gelte nicht nur für die Lippe, sondern auch für die umliegenden Stillgewässer, wie beispielsweise den Horstmarer See. Der in einer Bergsenkung angelegte See gehört seit 1997 zu den Pachtgewässern des Fischereivereins Lünen. „Wir haben daher von der Stadt Lünen die Aufgabe erteilt bekommen, uns um die Reinigung, die Kontrolle und den Fischbestand zu kümmern“, sagt der Ehrenvorsitzende des Vereins.

In erster Linie sei der Horstmarer See zwar ein Badegewässer, dennoch dürfen Angler pro Saison bis zu 400 Kilogramm Fischertrag herausholen. Hechte, Welse, Zander oder Barsche können anbeißen. Wie viele Fische es in dem See gibt, lasse sich kaum sagen.

Um die Wasserqualität des Sees gab es in der Vergangenheit immer wieder Diskussionen. Im letzten Jahr war der Horstmarer See laut Landesamt für Natur und Umwelt der See mit der schlechtesten Wasserqualität in Nordrhein-Westfalen (NRW). Im Mai 2021 gab es eine Neubewertung. Die Note: ausgezeichnet statt ausreichend.

Auch in den See werden keine industriellen Abwässer geleitet. „Der Horstmarer See wird mit Wasser aus dem Datteln-Hamm-Kanal gespeist. Und das Wasser des Datteln-Hamm-Kanals stammt wiederum aus der Lippe“, erklärt Pietschmann. Als ehemaliger Orthopädietechniker betrachtet er allerdings die Wasserbelastung durch Medikamentenreste kritisch. Keine Kläranlage könne die Medikamentenreste herausfiltern, sodass sie ebenfalls ins Wasser gelangen können. Diese Entwicklung gelte es weiterhin zu beobachten, meint Pietschmann. Er wird dennoch weiter Fische aus der Lippe und anderen Lüner Gewässern ziehen – möglicherweise sogar für das nächste Weihnachtsessen.

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