Dem Tod ins Auge schauen müssen 1621 Franz Marcke und Franz Franzoiß. Im Gefängnisturm warten sie auf die Hinrichtung. Es ist aber die Todesangst ihrer Bewacher, die ihnen zur Flucht verhilft.

Lünen

, 20.04.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Aussichtslos. Das Wort lässt Franz Marcke nicht gelten. Der Mann hat immer das, was man Jahrhunderte später einen Plan B nennen wird. Selbst als er mit seinem Komplizen Franz Franzoiß hinter dicken Mauern im Lüner Gefängnisturm sitzt, gibt er nicht auf. Zwei Verbündete helfen ihm und dem anderen Franz aus der aussichtslosen Situation: seine Ehefrau und die Pest.

Wegelagerer und Räuber treffen Bekannte in Lünen

Franz und Franz sind viel unterwegs Anfang des 17. Jahrhunderts. Das hat mit ihrem Beruf zu tun. Die beiden verdienen als Wegelagerer und Räuber ihr Geld. Sie sind nicht Teil eines der vielen Söldnerheere, die sich seit Beginn des 30-jährigen Krieges 1618 formieren, sondern arbeiten auf eigene Rechnung: Kaufleute ausspionieren, ihre Handelswege erkunden und bei passender Gelegenheit zuschlagen: Das ist ihr Geschäftsmodell, das sie im Februar 1621 auch nach Lünen führt. Dumm nur, dass sie da auf Bekannnte treffen.

In den Akten und Chroniken, die der Lüner Stadtarchivar Fredy Niklowitz und Wilfried Heß ausgewertet haben, sind die näheren Umstände der Verhaftung nicht beschrieben. Fest steht aber: Kaufleute, die erst kurz zuvor bei Werl überfallen worden waren, erkennen ihre Peiniger und rufen die Stadtwache. Das Schicksal von Franz Marcke und Franz Franzoiß scheint besiegelt zu sein.

Die Aussichten: Enthaupten und Erhängen

Enthaupten oder Erhängen: Das sind laut Niklowitz die beiden Optionen. Die seit 1532 geltenden sogenannten Peinliche Halsgerichtsordnung sieht diese Strafen für Wegelagerer und Räuber vor. Das mag den beiden wie die Wahl zwischen Pest und Cholera vorgekommen sein. Sie wählen die Pest.

Jeder kennt 1621 den schwarzen Tod: Großeltern, Eltern, Geschwister - jede Generation hat Opfer zu beklagen. Fredy Niklowitz kennt die Jahre, in denen die Heimsuchung durch die Pandemie in Lünen am schlimmste waren: 1527 sterben mehr 400 Menschen, 1581 600 und zwischen 1598 und 1600 mehr als 500.

Sonderausstellung zum Thema Pest im Museum in Herne

In den Nachbarstädten ist es ähnlich. Ganz Europa leidet unter der Krankheit gegen die kein Kraut gewachsen zu sein scheint. In der aktuellen Sonderausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe mit dem Titel „Pest“ im Museum für Archäologie in Herne ist von Millionen Opfern in Europa die Rede, die die Pest forderte. Die Ausstellung, die noch bis zum 10. Mai läuft, ist aktuell allerdings geschlossen - wegen einer anderen Pandemie: Corona.

Dieses Modell im Rathaus-Foyer zeigt die Stadt Lünen um 1700. Am Ufer der Lippe, innerhalb der Stadtmauer: der Gefängnisturm, aus dem Franz Marcke und Franz Frantzoiß die Flucht gelang.

Dieses Modell im Rathaus-Foyer zeigt die Stadt Lünen um 1700. Am Ufer der Lippe, innerhalb der Stadtmauer: der Gefängnisturm, aus dem Franz Marcke und Franz Frantzoiß die Flucht gelang. © Fredy Nikowitz

Vielleicht hatten Franz Marcke und seine Frau das schon lange so ausgemacht. Vielleicht ahnt sie aber auch gar nicht, auf welche Ideen sie ihren Mann bringt, als sie ihn in Lünen besucht - ein vermeintlich letztes Treffen.

Die Frau ist aus dem 20 Kilometer entfernten Unna angereist: kein unbedeutender Spaziergang, auch weil sich der Hellweg längst von einer Straße des Wohlstands zu einer Straße des Schreckens gewandelt hatte. Daran hatten nicht allein ihr Mann, sein Komplize und andere Wegelagerer Anteil, sondern maßgeblich auch die Pest.

Unna ist besonders betroffen von der Pest

Allein 1597 raffte die Pest etwa 1400 Einwohner von gut 2500 hin. Unna geriet zum gefürchteten Beispiel, wie schrecklich der schwarze Tod wüten kann. Der Horror davor ist auch noch 25 Jahre später greifbar: für Franz Marcke eine Chance, die er sofort ergreift.

Marckes Frau hat ein Hemd dabei. Doch der will es erst gar nicht haben - aus Angst. Schließlich kommen Frau und Hemd geradewegs aus Unna, wo die Krankheit gerade erneut zu wüten begonnen habe. Franz Franzoiß, sein Zellennachbar im Lüner Gefängnisturm, ist da weniger pingelig. Er möchte seine letzten Tage gerne im frischen Leinen verbringen: eine Entscheidung, die er schon bald vorgibt zu bereuen.

Dem Pesthauch gute Düfte entgegensetzen

Wie sich die Pest verbreitet, weiß noch niemand genau in der einer Ära in der Bakterien unbekannt sind. Aber es gibt Theorien: Sehr verbreitet ist die Vorstellung, dass die Pest durch eine aus Osten kommende verdorbene Luft ausgelöst werde: dem „Pesthauch“. Mancherorts tragen Pestärzte deshalb monströse Schnabelmasken. In dem vorderen, einem Vogelschnabel nachempfundenen Bereich steckt ein mit duftenden Essenzen getränkter Schwamm. Er soll die Atemluft mit dem aromatischen Geruch von Zimt, Nelken veredeln - als Schutz vor dem gefährlichen Gestank.

Wenn schon ein Hauch anstecken kann, dann bestimmt auch ein Hemd. Franz Franzoiß beginnt zu klagen: Er habe Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen und unter den Armen und am Rumpf schmerzende Beulen. Der ebenfalls panisch rufende zweite Franz bestätigt alles: „Das ist die Pest.“ Man möge ihn doch hinauslassen aus dem Turm, nur weg von dem ansteckenden Komplizen. Nach einigen Stunden hat das Elend ein Ende. Franz Franzoiß sei tot, ruft der andere Franz. Man möge sich beeilen, die Leiche zu holen, denn sie stinke schrecklich - der Pesthauch eben.

Der Trick mit den stinkenden Steinen

Die Wachen setzen freiwillig keinen Fuß in die Zelle. Sie setzen im Turm an der Lippe eine Kiste ab und lassen sie füllen von dem überlebenden Franz. Der gehorcht. Zusammen mit dem quicklebendigen Franzoiß packt er Steine aus Mauer und Boden und stinkenden Kot in die Kiste. Dass niemand nachgucken würde, als sie abgeholt wird, ist beiden klar.

Der Tobiaspark war 1615 als Fremden- und Pestfriedhof vor den Toren der Stadt angelegt worden. Heute befindet er sich im Herzen Lünens.

Der Tobiaspark war 1615 als Fremden- und Pestfriedhof vor den Toren der Stadt angelegt worden. Heute befindet er sich im Herzen Lünens. © Sylvia vom Hofe

Die Lüner beeilen sich mit der Bestattung, wohl auf dem erst vor sechs Jahren angelegten Tobiaspark, dem Fremden- und Pestfriedhof vor den Toren der Stadt. Die Krankheit soll sich ja nicht ausbreiten. Im Turm wütet sie weiter: Schreie, Stöhnen, Röcheln, Stille.

Als die Wachen keinen Mucks mehr von Franz Marcke vernehmen, ist es klar für sie. Auch der ist tot. Und das Bergen der Leiche, so viel steht fest, wird ein Himmelfahrtskommando sein, das niemand freiwillig antreten will. Da ein Toter weder Gerichtsdiener noch Bürgerwache mehr braucht, verlassen die Männer den Turm: das Signal für die beiden Franzen, es ihnen gleich zu tun - nur in anderer Richtung.

Der Gefängnisturm ist Teil der Stadtmauer. Von beidem ist 400 Jahre später nichts mehr zu sehen. Die Stadt hatte ihre Befestigungsmauer laut Fred Kaspar von der Stiftung Kleines Bürgerhaus spätestens nach dem Siebenjährigen Krieg 1759 aufgegeben. Schon 125 Jahre zuvor zu Zeiten der beiden Franzen ist sie keine große Stütze mehr für die öffentliche Sicherheit - wohl aber für rund 35 Häuser, die sich eng an sie schmiegen: Mauerhäuser.

Ein Parkplatz erinnert an den Gefängnisturm

Neben einem von ihnen auf der heutigen Ringstraße steht der Gefängnisturm: 1621 ein quadratisches, hoch aufragendes Gebäude aus wehrhaftem Stein. 2020 erinnert daran nur noch ein Parkplatz von quadratischem Zuschnitt. Die Nähe zur Lippe ist aber unverändert

Hier an der Ringstraße könnte der Gefängnisturm gestanden haben.

Hier an der Ringstraße könnte der Gefängnisturm gestanden haben. © Sylvia vom Hofe

Der Zufall, der sie in Lünen in Haft führte, kommt den beiden Gaunern mit Namen Franz jetzt zur Hilfe. Es ist bitterkalt an diesem Februartag, als die Pest nach Lünen zurückgekehrt scheint. Die Lippe zu Füßen des Turms ist zugefroren. Franz und Franz klettern völlig unbewacht die Leiter hinab, die niemand für nötig hielt, wegzustellen. Trockenen Fußes queren sie danach den Fluss und sind frei.

Ob die zwei je wieder nach Lünen zurückgekehrt sind? Unwahrscheinlich, Ob die Pest wirklich noch einmal wieder kam? Vielleicht, aber nicht mit so hohen Opferzahlen wie zuvor. Die letzten Epidemien trafen Europa im 18. Jahrhundert. Dennoch: Das tödliche Potenzial der Krankheit ist auch heute noch vorhanden, wie der jüngste Ausbruch 2017 auf Madagaskar gezeigt hat. Er verlief glimpflich - auch Dank von Antibiotika.

Detmar Mulher, Chronist aus Dortmund, hat 1621 erstmals die Geschichte von der Flucht aus dem Lüner Gefängnisturm aufgeschrieben. Fredy Niklowitz und Wilfried Heß haben denn Stoff 2016 für „Hundert und eine Erzählung“ aufbereitet.
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