„Machen Sie mal, ich verlass‘ mich auf Sie“ - Lüner Arzt kämpft seit 20 Jahren gegen den Krebs

rnWeltkrebstag

Bülent Sargin ist seit 20 Jahren Arzt und behandelt am Marienhospital Krebspatienten. Im Gespräch berichtet er, wie man als Arzt durchhält - trotz der Gewissheit, nicht alle retten zu können.

Lünen

, 05.02.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dr. Bülent Sargin ist 45 Jahre alt. Fast die Hälfte seines Lebens widmet er der Medizin. Nach seinem Studium in Münster landet Sargin auf der Leukämiestation der Uni-Klinik Münster - sieht hier die „schlimmsten Erkrankungen, die ein Mensch haben kann“. Und muss auch erkennen: Er kann nicht immer helfen. Und doch: Bülent Sargin liebt seinen Beruf.

Statistisch erkrankt jeder zweiter Bundesbürger an Krebs

Zehn Jahre bleibt der gebürtige Dortmunder in Münster. 2010 wechselt Sargin dann ans St.-Marien-Hospital. Heute ist er Leitender Bereichsarzt und Leitender Oberarzt mit dem Schwerpunkt Hämatologie, Internistische Onkologie, Gastroenterologie und Palliativmedizin, außerdem Darmkrebszentrumskoordinator. Und er geht ganz offenbar in seiner Aufgabe auf.

In dieser Woche (4.2.) war Weltkrebstag, ausgerufen von der Deutschen Krebshilfe. Grund genug gibt es: Trotz verbesserter Heilungschancen ist Krebs nach wie vor die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Etwa jeder zweite Bundesbürger erkrankt im Laufes seines Lebens an Krebs - einige von ihnen kommen auch ins Lüner Klinikum, in dem sie dann Bülent Sargin und seinem Team begegnen.

Weniger als die Hälfte seiner Patienten, so sagt Dr. Bülent Sargin, könne man heilen. Wie hält man das aus als Arzt, wenn die zur Verfügung stehende Medizin nicht mehr hilft?

Aus Bülent Sargin sprudelt es heraus:

„Man bekommt so viel Dankbarkeit“, erzählt er und berichtet von der 94-Jährigen Omi, die zu ihm gesagt habe: „Machen Sie mal, ich verlass‘ mich auf Sie.“ So viel Vertrauen rührt, „man will dann auch unbedingt, dass Sie es schafft“. Die über 90-Jährige stimmt der aggressiven Chemotherapie zu, und lebt seit Jahren wieder zuhause. „Das sind die Dinge, die einem so viel geben für die Fälle, in denen es nicht so läuft“, sagt Sargin. Erster Punkt.

Zweiter Punkt: Ohne das Miteinander im Team geht es nicht, betont der Ärztliche Leiter. „Die Krankenschwestern leben und lieben ihren Job.“ Hier werde geweint und gelacht. „All das funktioniert nur in einem netten Miteinander im Team, es muss menschlich harmonieren.“

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Dritter Punkt: Neben der Mitmenschlichkeit geht es auch um nüchterne Fakten: Sargin: „Es hat sich in Deutschland strukturell viel getan bei der Behandlung von Krebspatienten.“ Diese Strukturen seien es, die nicht nur die Patienten ganz dringend bräuchten, sondern diese helfen auch den Ärzten, wenn sie die Betroffenen entlassen. Wohlwissend, dass diese anschließend weiter gut versorgt werden. Seit zwei Jahren ist am Lüner Klinikum das Ambulante Netzwerk für diese Patienten am Start, deren Leitung ebenfalls Sargin inne hat.

Im Marienhospital gibt es circa 3000 stationäre und circa 26.000 ambulante Behandlungen im Jahr. Das sind in der Regel Tumorerkrankungen des Verdauungstraktes und Erkrankungen des Blutes (Leukämien) sowie der Lymphknoten (Lymphome).

Und, vierter Punkt: Sargin ist durch eine harte Schule nach seinem Studium gegangen: An der Uni-Klinik Münster traf er vielfach junge Menschen, die mit der Diagnose „akut und völlig unvorbereitet aus dem Leben gerissen werden“.

Das war wirklich „richtig , richtig belastend“, erinnert sich Sargin auch Jahrzehnte später noch gut.

Es sei eine Zeit gewesen, „in der man seine Grenzen rasch findet, es ist ein bitteres Lernen“. Hier entscheide sich, ob das der Job ist, den man machen möchte. Und eines ist dem jungen Dr. Sargin schon damals schnell klar gewesen: „Man braucht auf jeden Fall jemanden, der das geschafft hat, und einem zeigt, dass man diese Anfangszeit überstehen kann.“

Wie prägend diese zwischenmenschlichen Beziehungen waren, zeigt sich daran, dass sich viele der ehemaligen Kollegen noch heute regelmäßig treffen: Auf einem Kongress, aber auch auf ein Bier am Abend.

Die Situation ist auch für Angehörige eine Herausforderung

Nicht nur für Patienten und Ärzte ist die Diagnose Krebs eine Herausforderung - auch für Angehörige. Vor drei Jahren hat uns ein Mann erzählt, wie es war, als er seine Frau durch Krebs verlor.

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