Zwei Jahre lang heilen die Wunden von Diabetiker Joachim Bacher nicht: Diabetologin Alexandra Meyer vom St. Marien Hospital setzt sich für seine Genesung ein. © Irina Höfken
Diabeteszentrum

Arzt-Odyssee für Lüner Diabetiker: „Amputiert den Zeh doch endlich“

Das Gesundheitssystem erschwert die Behandlung: Joachim Bacher hat sich jahrelang von einer Fußambulanz zur nächsten geschleppt. Die Rettung fand er im St. Marien Hospital in Lünen.

„Ich habe immer für Hunderte Euro Traubenzucker anschleppen müssen. Davon muss doch der Magen kaputtgehen“, sagt Alexandra Schönenberg-Bacher rückblickend. Sie schüttelt den Kopf. Ihr Mann Joachim ist „Zuckerkranker“ – er leidet an Diabetes Typ 2 und damit gehen bei dem Rentner viele Komplikationen einher – unter anderem Durchblutungsstörungen und eine schlechte Wundheilung.

Großes Lob für Diabeteszentrum im St. Marien Hospital

Mit den großen Mengen an Traubenzucker ist aber jetzt Schluss, weil er so gut eingestellt ist, erzählt das Paar. Dank des Teams um Oberärztin Alexandra Meyer im St. Marien Hospital in Lünen. „Für sie gehe ich fast auf die Knie, könnte sie küssen und umarmen“, sagt die 74-Jährige voller Dankbarkeit für die Ärztin, die ihrem Joachim die Lebensqualität verbessert hat.

„Wir sind ein Team, eine Einheit
„Wir sind ein Team, eine Einheit“, sagt Alexandra Schönenberg-Bacher (r.). © Irina Höfken © Irina Höfken

Seit 1995 lebt Joachim Bacher aus Lünen mit der Diagnose Diabetes. 2019, 24 Jahre später, wollen die Wunden an seinen Füßen wegen dieser Krankheit einfach nicht mehr heilen. Über zwei Jahre wird er regelmäßig Patient bei unterschiedlichen Fußambulanzen in Lünen und Dortmund. „Nach der Behandlung waren die Wunden nach 14 Tagen wieder zu, nach weiteren 14 Tagen wieder auf“, erzählt der 77-Jährige.

Joachim Bacher: „Amputiert den Zeh doch endlich“

Eine Zeit, die ihn nicht nur körperlich, sondern vor allem auch psychisch vor große Herausforderungen stellt. Vor allem die Nächte seien „heftig“ gewesen, erinnert sich seine Frau. „Amputiert den Zeh doch endlich“, war schließlich seine Bitte an Diabetologin Alexandra Meyer.

Nicht selten fragen sie Patienten danach, um nicht alle zwei Wochen zur Wundkontrolle kommen zu müssen, sagt sie im Gespräch mit der Redaktion. „Amputation ist aber die absolut letzte Möglichkeit.“ In der von ihr geleiteten Fußambulanz sei die oberste Priorität, Wunden zu versorgen und alle Gliedmaßen zu erhalten. Das klappt aber nicht immer – wie im Fall von Joachim Bacher.

Am rechten Fuß wurde an einem Zeh ein Glied entfernt, zuletzt am linken Fuß das oberste Glied des großen Zehs: „Ganz darf der nicht weg, den braucht man fürs Gleichgewicht“, sagt er. Der rechte Fuß ist vollkommen abgeheilt, der Linke so gut wie. Nun fehlt nur noch der passende Spezialschuh. Joachim Bacher ist glücklich: „Für mich gab es einfach keine Alternative.“

Probleme des Gesundheitssystems: „Bein ab bringt mehr Geld“

Über das Team von Alexandra Meyer findet das Lüner Ehepaar nur lobende Worte: „Der Patient ist dort keine Ware, mit der man Geld verdienen kann.“ Genau darin liegt aber wohl oft das Problem: Wirtschaftlicher und zeitlicher Druck in den Krankenhäusern. Für Joachim Bacher ist die größte Herausforderung als Diabetiker, sich für die Gesundheit selbst zu disziplinieren. Für Alexandra Meyer als Diabetologin ist die größte Herausforderung zu wirtschaften.

Das Marien-Hospital wird gemeinsam mit dem Christophorus-Krankenhaus Teil der „Katholischen St. Paulus Gesellschaft“.
Das Marien-Hospital wird gemeinsam mit dem Christophorus-Krankenhaus Teil der „Katholischen St. Paulus Gesellschaft“. © Goldstein (A) © Goldstein (A)

„Der Unfallchirurg kriegt bei einer Operation mehr Geld als ich, wenn ich einen Patienten vier Wochen da habe, um sein Bein zu retten“, kritisiert Meyer. Für den Aufwand kommt wenig Erlös. Drastisch ausgedrückt: Bein ab bringt mehr Geld. Genauso deutlich habe sie es auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei seinem Besuch am Erlebniscampus in Lünen bei einem Wahlkampftermin für der Bundestagswahl geschildert. Es wird sich zeigen, ob sich in der kommenden Legislaturperiode etwas an diesem großen Problem ändert.

Die Patienten profitieren davon, dass im Marien Hospital nicht das Geld, sondern die Zeit für die Patienten im Vordergrund stehe, sagt die Oberärztin. Das können Joachim Bacher und seine Frau so bestätigen: „Ich bin überzeugt, dass die Heilungsaussichten für Patienten steigen werden, wenn überall so gearbeitet wird.“

Update 4.10., 11.26 Uhr: In einer ersten Version des Textes wurde Dr. Alexandra Meyer als Leiterin des Diabeteszentrums bezeichnet. Sie ist Leiterin der Fußambulanz im St. Marien Hospital. Das haben wir korrigiert.

Über die Autorin
Volontärin
Ist am Niederrhein geboren und aufgewachsen. Hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und lebt seitdem in ihrer Wahlheimat Bochum. Liebt das Ruhrgebiet und all seine spannenden Menschen und Geschichten.
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Irina Höfken