Autor Denis Dolheimer hat ein Buch geschrieben. Darin geht es auch um seine Schizophrenie. © Sabine Geschwinder
Denis Dolheimer

Autor aus Lünen zu seiner Schizophrenie: „Ein totaler Kontrollverlust“

Denis Dolheimer aus Lünen hat ein Buch geschrieben. Dabei geht es unter anderem um seine Schizophrenie. Im Gespräch erzählt er über seine Krankheit, zu der es viele Vorurteile gibt.

Als es losging hat Denis Dolheimer (39) noch nicht gewusst, was es ist. Nur, dass irgendetwas nicht stimmt. Von einem Moment auf den anderen. Das war im Oktober 2005, an einem Morgen. Es war gerade aufgewacht. Da war alles noch wie immer. Dann nicht mehr. „Ich hab das sofort registriert“, sagt er. „Es war als wenn irgendwas gebrochen wäre. Nur eben nicht beim Arm oder Bein, sondern im Gehirn.“

Denis Dolheimer fühlte sich orientierungslos, konnte nicht mehr fokussiert denken. Irgendwie hatte er das Gefühl, seine Gedanken sind anders, er nehme die Realität anders wahr. Nach einigen Monaten geht er freiwillig in die Psychiatrie. „Ich wusste, irgendwas stimmt nicht, aber ich wusste nicht was“, sagt der Lüner. Am zweiten Tag sagt man ihm, er habe eine Psychose. Die genaue Diagnose lautet später: Schizophrenie.

Schizophrenie bedeutet ist nicht gleich gespaltene Persönlichkeit

Schizophrenie bedeutet, so erklärt es das Bundesgesundheitsministerium auf einer Informationsseite zu der Krankheit, so viel wie gespaltener Geist. „Mit dem Begriff wird aber oft die falsche Vorstellung einer ‚gespaltenen Persönlichkeit‘ verbunden“, informiert das Ministerium. Dazu haben unter anderem auch Darstellungen in Filmen beigetragen. Oftmals stellen sie die Betroffenen gefährlich und bösartig dar. „Fight Club“ (1999) zum Beispiel vermischt Symptome von Schizophrenie und Dissoziativer Persönlichkeitsstörung. Der Film „A Beautiful Mind“ (2001) für dessen Darstellung eines genialen Wissenschaftlers, der immer mehr in eine Welt aus Wahn abgleitet, Schauspieler Russel Crowe den Oscar erhielt, zeigt ein realistischeres Bild der Erkrankung.

Menschen mit einer Schizophrenie durchlebten sogenannte akute Psychosen, wie das Bundesgesundheitsministerium schreibt: „Das sind Phasen, in denen sie die Welt oft ganz anders als normalerweise wahrnehmen.“ Betroffene können zum Beispiel Stimmen hören, oder sich verfolgt fühlen.

„Absurde Gedanken“

„Es ist eigentlich ein totaler Kontrollverlust“, beschreibt es Denis Dolheimer aus seiner eigenen Erfahrung. „Man überschätzt sich selbst, bekommt Höhenflüge und oft hat man absurde Gedanken, die nichts mit der Realität zu tun haben.“ Die psychotischen Schübe können auch zu Aggressionen führen. „Man sucht dann den Feind“, erklärt Denis Dolheimer. Bei ihm war es nicht so, dass er Stimmen gehört hat, er zählt er. „Eigentlich waren das Gefühle aus der Brust“, erklärt er. Ein tiefes Gefühl der Wut, gegen das man sich nicht wehren kann.

Er sagt: „Ich finde, dass man für die Krankheit und seine Handlungen Verantwortung übernehmen muss, auch wenn man nichts für sie kann.“ Handgreiflich sei er aber nie geworden, erzählt er. Nur sehr cholerisch. Noch heute ist er dankbar dafür, dass ihn seine Eltern während der Zeit unterstützt haben und er auch wieder dort wohnen konnte.

Kreativität ausleben hilft

„Ich war froh“, sagt er über den Moment, als er die Diagnose erhielt. Endlich wissen, was los ist, eine Antwort erhalten. Nur, dass er vielleicht für immer Medikamente nehmen muss, dass deprimierte ihn. Zwischendurch setzte er die Medikamente deshalb ab, einfach um zu schauen, wie es ihm ohne gehen würde. Dann kamen die Psychosen zurück. Und er musste erneut in die Psychiatrie.

Eine Bremse für das Leben. Denis Dolheimer hatte Philosophie, Geschichte und Theologie in Münster und Tübingen studiert. Abgeschlossen hat er seine Studien aber nicht. „Die Krankheit hat es mir verdorben“, sagt er. Aber vielleicht, so meint er, sollte es auch so sein. „Ich wäre auch wenn ich das Studium abgeschlossen hätte, Schriftsteller geworden.“

Denis Dolheimer wollte schon immer Autor werden. © Sabine Geschwinder © Sabine Geschwinder

Dolheimer zeichnet, spielt Musik in einer Band und hat ein Buch geschrieben. „Wenn ich Geld verdienen will, dann muss ich es als Künstler schaffen“, sagt Dolheimer, der früher in Lüdinghausen lebte. Er sagt, er ist froh darüber, dass die Medikamente keinen Einfluss auf seine Kreativität haben. In seinem Buch „Die bittere Botschaft nach Markus“ (United p.c.-Verlag) reihen sich verschiedene Geschichten aneinander. Auch seine Schizophrenie spielt darin zumindest teilweise eine Rolle. 2009 hatte er bereits damit begonnen, Geschichten zu schreiben, erzählt er. Die hat er dann gesammelt und schließlich zu seinem ersten Buch zusammengeschlossen.

„Das wichtigste was ich denke, wie ich die Welt sehe, das habe ich in dieses Buch gegossen“, sagt Dolheimer. Die Absätze sind dabei numerisch beschriftet, wie Verse in der Bibel. Das ist nicht ganz zufällig. „Manchmal kommen auch religiöse Gedanken“, sagt Denis Dolhemer über die Erfahrungen während seiner psychotischen Schübe, „man denkt dann, man kommt in die Hölle.“ Die religiösen Gedanken, die während der psychotischen Schübe ängstigen können, sorgen als Glauben aber auch für Hoffnung. Nach allem was er erlebt hat – inklusive dreier Suizidversuche – sagt Denis Dolheimer: „Ich weiß, dass es einen Gott gibt. Das ist für mich keine Frage mehr.“

Stigmatisierung von Betroffenen

„Man sollte die Welt genießen und eher das Positive sehen, als das Negative“, findet er inzwischen.“ Für den öffentlichen Umgang mit seiner Krankheit würde er sich aber eine differenziertere Darstellung wünschen und auch, dass Schizophrenie mehr behandelt wird. „Ich versuche, damit offen umzugehen“, sagt er. Wenn er neue Menschen kennenlernt, berichtet er ihnen auch von der Erkrankung. Viel Ablehnung habe er zum Glück nicht erfahren. „Ich kann ja nichts für meine Krankheit“, sagt er. „Bei mir ist sie genetisch.“

Tatsächlich ist die Stigmatisierung und das Leiden der Betroffenen dadurch bei Schizophrenie sehr hoch. „Die auf Vorurteilen sowie fehlendem oder falschem Wissen über Schizophrenie in der Bevölkerung aufbauende und durch undifferenzierte Medienberichte immer wieder geschürte Stigmatisierung und Diskriminierung der Betroffenen erhöhen zusätzlich die Belastung und fördern soziale Ausgrenzung und Vereinsamung“, heißt es zum Beispiel in einer vom Robert-Koch-Institut herausgegebenen Informationsschrift zum Thema Schizophrenie. Auch vor diesem Hintergrund begingen bis zu 10 Prozent der Betroffenen Suizid.

Die Krankheit ist auch gar nicht so selten, wie man vielleicht denken könnte. Laut RKI betrifft Schizophrenie weltweit etwa 1 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben, Männer sind dabei etwas häufiger betroffen als Frauen. Bei rund einem Viertel dieser Menschen bleibt es nach erfolgreicher Behandlung bei nur einer psychotischen Episode.

Denis Dolheimer will nach vorne schauen

Bei Denis Dolheimer war das nicht so. Mehrfach musste er sich in Behandlung begeben, nachdem er seine Medikamente eigenmächtig abgesetzt hatte. Inzwischen habe er aber seinen Frieden mit seinen Medikamenten gemacht, sagt er. „Die Krankheit betrachte ich gelegentlich als Bereicherung, manchmal quält sie mich“, sagt der Lüner. Er möchte nun nach vorne schauen.

„Ich wünsche mir, dass das Buch viele Menschen lesen und auch meine Musik hören.“ Und er hat noch weitere Träume: Er möchte helfen, die Umweltverschmutzung zu bekämpfen, was auch Thema seines zweiten Buches werden soll. Und ärmeren Menschen helfen – zum Beispiel in Südostasien. In Südostasien war er schon einmal. 2004/2005 reiste er für mehrere Monate durch Thailand, Indien und die Philippinen. „Dort habe ich die absolute Freiheit gesehen“, sagt er. Dann kam die Krankheit. Nun holt er sich die Freiheit zurück.

Das Buch:

Denis Dolheimer

„Die bittere Botschaft nach Markus“

2020, united p.c. Verlag

ISBN: 978-3-7103-4848-8

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
Zur Autorenseite
Sabine Geschwinder