Azubi-Mangel auch bei Bäckerei Kanne in Lünen - das Problem ist nicht Corona

rnAuszubildende in Lünen

Offene Lehrstellen und zu wenige Bewerber: Dieses Problem haben viele Betriebe kurz vor Start des neuen Ausbildungsjahres. Auch die Bäckerei Kanne in Lünen. Corona ist allerdings nicht der Grund.

von Kimberly Becker

Lünen

, 24.07.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

In nicht einmal mehr zwei Wochen startet das neue Ausbildungsjahr 2020. Wie schon in den Vorjahren gibt es auch jetzt noch viele freie Ausbildungsplätze. Die Dortmunder Handwerkskammer meldet zum Beispiel Mitte Juli für ihren Kammerbereich, der sich von Anröchte im Kreis Soest, über Warstein im Sauerland, bis nach Lünen im Ruhrgebiet erstreckt, dass noch mehr als 900 Ausbildungsstellen frei sind.

Selbst auch auf Wunschbetriebe zugehen

Für Lünen sind es noch 51, wie Sprecherin Sarah Hanke auf Anfrage erklärt. Bei den vakanten Stellen handelt es sich um Ausbildungsplätzer zur Elektrikerin, zur Bäckerin oder zum Verkäufer in einer Bäckerei.

Dass so viele Stellen im gesamten Kammerbezirk der Handwerkskammer noch unbesetzt sind, habe nicht zuletzt mit den anfänglichen Unsicherheiten bei vielen Jugendlichen zu Beginn der Corona-Pandemie zu tun, heißt es in einer Mitteilung der Handwerkskammer. „Gerade in Corona-Zeiten ist es gut zu wissen, dass die Ausbildung nicht zwingend zum 1. August oder September des Jahres aufgenommen werden muss“, sagt Tobias Schmidt, Leiter der HWK-Ausbildungsberatung und Lehrstellenvermittlung. Vielmehr sei es möglich, auch am ersten Oktober oder sogar erst im November zu starten. Er appelliert, Kontakt zu Lehrstellenvermittlern der Handwerkskammer aufzunehmen oder auch eigenständig auf die Wunschbetriebe zuzugehen.

Schwierig aber nicht unmöglich

Einer der Betriebe, der in Lünen gerade noch Stellen für Auszubildende sucht, ist die Bäckerei Kanne. Kanne bildet zum Bäcker, Fachverkäufer und Kaufmann bzw. -frau für Büromanagement aus. Rund zehn Ausbildungsplätze zum Verkäufer und fünf zum Bäcker sind noch frei. Corona sieht der Inhaber Wilhelm Kanne dafür allerdings nicht als den beherrschenden Grund „Wir haben durch die Pandemie keine größeren Probleme." Der bürokratische Aufwand sei lediglich mehr geworden, Gespräche fänden online statt und Besuche für Praktika im Betrieb würden erschwert.

Der allgemeine Trend, dass sich weniger Jugendliche bewerben, bestehe allerdings seit Jahren. So habe sich der Betrieb dieser Entwicklung angepasst. „Nur weil wir weniger Azubis haben, bedeutet das für uns kurzfristig nicht mehr Verluste“, erklärt Kanne, der aber langfristig auf mehr Bewerberinnen und Bewerber hofft.

Den eigenen Nachwuchs ausbilden

Der Ansatz der Bäckerei Kanne liegt darin, die Auszubildenden zu übernehmen und zu zeigen, dass nach der Ausbildung nicht Schluss sein muss. Das betont auch die fertig ausgebildete Kauffrau für Büromanagement Laura Rodes, die im Juni ihre Ausbildung abgeschlossen hat und nun zunächst befristet bei Kanne arbeitet.

Auf Kanne ist sie durch den Reitsport gekommen. Sie kennt die Energiebarren für Pferde - ein beliebtes Leckerli, das die Bäckerei herstellt - und hat sich im Internet über die Herstellung informiert. „Zufällig habe ich dann gesehen, dass Kanne auch freie Ausbildungsplätze hat und die Aufgaben haben sich erstmal spannend angehört", sagt Laura Rodes, die zunächst für sieben Monate im Verkauf begonnen hat, um in den Betrieb reinzuschnuppern. Sie konnte viel Erfahrung im Bereich Bewirtung, Personal, Verkauf und Beratung sammeln und durfte auch schnell Verantwortung übernehmen. Grundsätzlich schätzt sie, dass alles besprochen werde und die Arbeit gemäß der Lebensumstände des Azubis angepasst werden kann. Ein spontaner Wechsel vom Verkauf in die Backstube sei jederzeit möglich. Jetzt absolviert sie eine Weiterbildung zur Lohn- und Gehaltsbuchhalterin.

Für die eigene Werbung setzt Wilhelm Kanne auf die Präsenz des Betriebs und arbeitet deshalb unter anderem eng mit Schulen zusammen. Außerdem sollen alle Informationen so transparent wie möglich sein. Soziale Medien nutzt Kanne ebenfalls; aber hauptsächlich will der Betrieb direkt mit den Jugendlichen kommunizieren, wie Kanne erklärt. Für Wilhelm Kanne zählt, dass Perspektiven geschaffen werden und der Nachwuchs bestenfalls im Team bleibt, erklärt er. Darin sieht er auch Chancen für andere Ausbildungsbetriebe.

Mehr enge Betreuung

“Wir haben einen großen Lehrauftrag vor uns", sagt Wilhelm Kanne und betont, dass zukünftige Azubis enger an die Hand genommen werden müssen. „Die Jugendlichen heute sind unselbstständiger“, meint er. Das fange bei dem Alltag im Betrieb an und höre bei der Prüfungsvorbereitung in der Schule auf. Früher hätten die jungen Erwachsenen außerdem mehr Weitsicht für die Zukunft gehabt und konnten sich auf einen speziellen Ausbildungsplatz bewerben.

Inzwischen ließen viele es drauf ankommen, hätten kein klares, berufliches Ziel vor Augen. Deshalb sei enge Unterstützung und individuelle Förderung sehr wichtig, um Jugendliche zu motivieren, findet Kanne. Denn trotz Corona habe er sich nicht die Frage gestellt, ob er Stellen streichen wird. Das Virus sei nicht Grund genug dafür.

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