Babys mit Fehlbildungen - das sagen das Krankenhaus und eine Frauenärztin aus Lünen

rnDysmelie-Fälle in NRW

Mehrere Kinder sind in den letzten Wochen in NRW mit Fehlbildungen geboren worden. Wir haben in Lünen nachgefragt, ob ähnliche Fälle bekannt sind - und wie Ärtze und Eltern damit umgehen.

von Kristina Gerstenmaier, Daniel Claeßen

Lünen

, 17.09.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ihnen fehlen die Finger oder eine komplette Hand: In Gelsenkirchen wurden in den vergangenen Wochen gleich drei Kinder mit diesen Fehlbildungen geboren. Auch in Datteln und Dorsten traten solche Fälle auf.

Wie ein Sprecher des Landes-Gesundheitsministeriums nun mitteilte, sollen alle Kliniken in NRW auf ähnliche Ereignisse abgefragt werden. In Lünen sind solche Fehlbildungen bisher nicht bekannt, wie Dr. Donat Romann, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe des Katholischen Klinikums Lünen/Werne, auf Anfrage erklärte: „Zumindest gab es über das ganze Jahr hinweg keinerlei Vorkommnisse.“ Zu dem Katholischen Klinikum Lünen/Werne gehören das St.-Marien-Hospital Lünen und das St.-Christophorus-Krankenhaus Werne.

„Eine große Herausforderung“

Frauenärztin Olena Bogdanova hat zuletzt vor zwei Jahren die Fehlbildung eines Gliedmaßes bei einem Neugeborenen erlebt. Damals arbeitete sie im St.-Josefs-Hospital in Dortmund-Hörde.

Die Behinderung des Kindes war erst nach der Geburt festgestellt worden. „Die Mutter war erst 18 Jahre alt. Das war für sie dann eine große Herausforderung“, erinnert sich die Ärztin. „Aber es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, schon Krankengymnastik kann viel ausrichten.“

Babys mit Fehlbildungen - das sagen das Krankenhaus und eine Frauenärztin aus Lünen

Olena Bogdanova erlebte in Dortmund einen Fall der Fehlbildung. © O. Bogdanova

Fehlbildungen werden spät entdeckt

Vor einem Jahr übernahm Bogdanova eine Frauenarztpraxis in Lünen-Süd. In dieser Zeit musste sie bisher keine Fehlbildung bei einem Ungeborenen feststellen. „Meist werden solche Skelettfehlbildungen bei dem Ultraschall im zweiten Trimeon, also um die 20. Schwangerschaftswoche herum, entdeckt, weil erst dann die Gliedmaßen ausgebildet sind“, weiß die Gynäkologin.

Dann müsse man zwischen letalen und nicht-letalen Fehlbildungen unterscheiden. Bei letalen Fehlbildungen ist der Fötus nicht überlebensfähig. „Falls ich eine Fehlbildung feststelle, und zwar schon beim geringsten Verdacht, teile ich das den Frauen mit und schicke sie weiter zu Spezialisten.“

Zu beidem sei sie verpflichtet, unabhängig von der Patientenmeinung. Pränataldiagnostiker, also Gynäkologen mit einer speziellen Zusatzausbildung, schauen sich die Situation dann genau an. Problem: „Bei stark übergewichtigen Frauen oder bei Schwangeren mit wenig Fruchtwasser kann es schwierig sein, ein klares Ultraschallbild zu bekommen.“

Babys mit Skelettfehlbildung gelten als gesund

Außerdem muss eine solche Entdeckung dem NRW-Gesundheitsministerium gemeldet werden - allerdings nur die Fehlbildung selbst, nicht aber die genaue Art. Genau deshalb ist die nun durch das Gesundheitsministerium in die Wege geleitetete Abfrage nötig.

Bei einer reinen Skelettfehlbildung wird der Fötus offiziell als gesund eingestuft. Ein Abbruch der Schwangerschaft ist dann gesetzlich verboten. Er wäre lediglich bis zur zwölften Schwangerschaftswoche erlaubt.

Spätere Abbrüche sind nur möglich, wenn sie aus medizinischen Gründen vorgenommen werden müssen.

Wenn jedoch ein Finger oder eine Hand fehlen, werden die Eltern behutsam auf das Leben mit dem Kind und auf alle existierenden Möglichkeiten, zum Beispiel Prothesen zu benutzen, vorbereitet.

Unklare Ursachen für Dysmelie

Die Prothesen können in Lünen sogar vor Ort hergestellt werden: Die Firma Ortho Form mit Sitz in Gahmen hat sich auf den sogenannten Reha-Sonderbau spezialisiert. Hier entstehen etwa 50 Arm- und 150 Beinprothesen pro Jahr.

Genauso wie bei der ungewöhnlich hohen Zahl der aktuellen Fälle von Dysmelie, also der Fehlbildung von Gliedmaßen, ist die Ursache nicht vollständig geklärt.

Dysmelie kann genetische Ursachen haben, allerdings sind auch äußere Einflüsse während der Schwangerschaft mögliche Auslöser - wie zum Beispiel Infektionen des Embryos, Sauerstoffmangel oder Fehlernährung.

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