Besuchsverbot in Lüner Klinik: Von den Liebsten in schwerer Zeit getrennt

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Seit Corona gilt in Kliniken Besuchsverbot. Angehörige können ihren geliebten Menschen nicht nahe sein. Viele geben Kuscheltiere, Fotos oder Schokolade an der Pforte ab. Wichtig ist das Handy.

Lünen

, 04.10.2020, 09:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Fritz Müller (74) auf Anraten seines Hausarztes aufgrund starken Blutverlusts ins Krankenhaus kam, musste ihn seine Frau Grete mitsamt Tasche alleine durch die Pforte gehen lassen. Das Ehepaar, das seinen richtigen Namen nicht nennen will, wurde in der emotional belastenden Situation getrennt.

Wie in den Kliniken im Umkreis, herrscht auch im St.-Christophorus-Krankenhaus in Werne, das mit dem Lüner St.-Marien-Hospital zum Katholischen Klinikum Lünen/Werne (KKLW) gehört, aufgrund der Corona-Pandemie Besuchsverbot. „Ich wusste am Abend nur per Telefon, dass mein Mann auf die Intensivstation kam“, erinnert sich Grete Müller (68). In der Nacht konnte sie schlecht schlafen. Ihre Gedanken waren im Krankenhaus in Werne.

Drei Wochen ist das inzwischen her. Fritz Müller ist ins St.-Marien-Hospital nach Lünen verlegt worden. „Gott sei Dank gibt es das Handy. Jeden Abend telefonieren wir“, sagt er. Es ist die einzige Verbindung zu seiner Frau, den Kindern und dem Enkelkind. Nur in Gedanken können sie zusammen sein. „Den Kopf nicht hängen lassen“, das sagt sich Fritz Müller. Die Tage ziehen sich. Der 74-Jährige füllt sie mit Kreuzworträtsel und Sudoku. Untersuchungen stehen an, manchmal landet der Hubschrauber. Die einzige Abwechslung am Tag. Es gibt viel Zeit zum Grübeln, für beide Seiten.

Telefon kann Nähe nicht ersetzen

In der existenziellen Situation getrennt zu sein, werde in fast allen Gesprächen als deutliche Einschränkung empfunden, erlebt Krankenhaus-Seelsorger Dr. Hermann Opgen-Rhein. „Erstaunlicherweise wird das Besuchsverbot aber von fast allen mitgetragen.“ So würden auf einmal andere Kontakte wichtig, wie die zum Bettnachbarn. Das Telefon spiele zwar eine wichtige Rolle, „doch Nähe oder in Arm nehmen kann es nicht ersetzen.“ Beim Besuch könne man auch mal schweigen, am Telefon müsse man immer reden. Manchen falle das nicht leicht.

Der Seelsorger sieht neue Formen, wie Angehörige ihre kranken Familienmitglieder aufmuntern. Sie bringen liebevoll besorgte Dinge an die Pforte, die dann in einer Art Shuttle-Service vom Personal in die Krankenzimmer gebracht werden: Kuscheltiere, Fotos von Daheim oder auch Schokolade. Eine kleine Freude, ein Gruß von Zuhause.

Obwohl das Besuchsverbot in Ausnahmen aufgehoben werde, gebe es auch Härten, stellt Opgen-Rhein fest. Der Vater, der vier Wochen auf der Intensivstation liegt, und den Angehörige nur selten sehen können. „Da bekommt die Familie ganz viel gar nicht mit.“

Ehefrau war beim Besuch schockiert

So erging es dem Ehepaar Müller. Fritz Müller hatte vor zehn Jahren Darmkrebs. Ein Teil des Dickdarms musste entfernt werden. Jetzt wurden eine Geschwulst an der Speiseröhre und am Dünndarm entdeckt. Das erste Ergebnis war gutartig, das zweite steht noch aus. Einmal zwischendurch durfte Grete Müller zu ihrem Mann. Da war sie schockiert. „Du lieber Himmel“, hat sie gedacht, er hatte 13 Kilogramm abgenommen.

An der Stimme kann sie hören, wie es ihm geht. Anfangs, auf der Intensivstation, ist er schwach. Er habe sich nichts anmerken lassen, „da wollte ich ihm auch nicht sagen, dass ich Angst habe.“ Grete Müller spricht ihm Mut zu. Er habe schon viel geschafft, das werde er auch noch schaffen. „Zum Glück ist alles früh genug entdeckt worden.“ Die 68-Jährige ist immer froh, wenn die Ergebnisse der Untersuchungen gut sind.

Keine schöne Situation

Bei persönlichen Besuchen, davon ist sie überzeugt, könnte sie anders reden als am Telefon. Auch mal die kleinen Dinge von zu Hause erzählen. „Da wäre er abgelenkt und ich könnte ihm auch mal etwas helfen.“ So bleibt ihr nur, den Beutel mit frischer Wäsche am Eingang abzugeben und abends zu telefonieren.

Gerne würde sie ihm mal etwas Leckeres von Zuhause mitbringen, etwas, worauf er Appetit hat. „Die Gedanken kreisen ums Krankenhaus“, sagt Grete Müller. Die Situation sei nicht schön. Das findet auch ihr Mann. Man müsse sich daran gewöhnen. „Man tut`s, weil ich ja kein Corona haben will.“

Besuchsverbot weiter verlängert

Bis Ende des Jahres ist das Besuchsverbot verlängert worden. Da sei in Abstimmung mit anderen Krankenhäusern und dem Gesundheitsamt geschehen, so Axel Weinand, Geschäftsführer des Katholischen Klinikums Lünen/Werne. Er hielte es fast für fahrlässig, in der kommenden kalten Jahreszeit mit zunehmenden Grippeerkrankungen die Besuchsregeln zu lockern.

Werdende Väter dürfen weiterhin mit in den Kreißsaal. Für Schwerstkranke und Langzeit-Patienten gebe es Ausnahmeregeln. „Die können individuell mit der Stationsleitung besprochen werden“, so Weinand. Auch Seelsorger Opgen-Rhein unterstützt großzügige Regelungen, gerade, wenn jemand eine schlimme Diagnose bekommen hat oder es ihm immer schlechter geht. Zum Gesundwerden gehöre die Familie, erinnert er an Erkenntnisse aus den 70er-Jahren, als Krankenhäuser die starren Besuchsregeln lockerten. Corona hat wieder für einen Rückschritt gesorgt.

Anwalt eingeschaltet

Die meisten Patienten und Angehörigen würden das Besuchsverbot akzeptieren. In einem Fall habe jemand per Anwalt versucht, eine Besuchsregelung zu erwirken. Das sei ins Leere gelaufen, so Weinand.

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