Betteln: Hin und wieder etwas geben macht uns nicht ärmer, oder?

rnMeinung am Mittwoch

In „Meinung am Mittwoch“ haben Gastautoren das Wort. Sie schreiben über Themen, die ihnen wichtig sind. Heute macht sich Jochen Otto Gedanken über Betteln als Alltagserscheinung.

von Jochen Otto

Lünen

, 06.02.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wir sehen sie täglich vor größeren Einkaufszentren oder in der Fußgängerzone. Menschen, auf dem Boden sitzend oder in einer Ecke stehend, mit einem Becher in der Hand oder vor sich aufgestellt.

Ich erinnere mich an eine junge Frau, die mir monatelang auf der Lippebrücke aufgefallen war. Sie saß einfach da, egal bei welchem Wetter. Oft eingepackt mit Decken gegen die Kälte, im Sommer auch mal unter einem Schirm sitzend, nie störend oder aggressiv, sie machte einfach mit kleinen Schildern auf sich aufmerksam und bat um etwas Geld.

Länger habe ich sie nicht mehr gesehen. Ob sie einen anderen Platz gefunden oder sich ihr Leben auf andere Weise geändert hat? Ich weiß es nicht, hoffe aber, es geht ihr gut.

Menschen nehmen kaum Notiz

Die Menschen, die an ihr vorüber gingen, nahmen kaum Notiz, manchmal konnte ich ein verständnisloses Kopfschütteln bei ihnen wahrnehmen. Immer wieder hatte ich mir vorgenommen, stehen zu bleiben und das Gespräch zu suchen. Warum ist mir das so schwergefallen? Es ging da sicher nicht um ein paar Cent oder den Euro, den ich in den Becher geworfen hätte. Woher kommt diese Unsicherheit?

Natürlich - werden viele sagen - kann man nicht jeden Tag oder bei jedem Betroffenen das Kleingeld in den Becher werfen. Aber hin und wieder mal einige Cent machen doch viele Passanten auch nicht ärmer.

Ich habe mich oft gefragt, wie sich derjenige fühlt, der seine Mitmenschen um etwas Geld anbettelt? Was macht es mit einem, wenn man sieht, dass der allergrößte Teil achtlos vorüber geht? Ich nehme mir vor, hierauf Antworten zu suchen, indem ich Betroffene ansprechen werde. Auf das Ergebnis bin ich gespannt, und auf meine vorhandene Unsicherheit auch.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Betteln keine Erscheinung der Neuzeit ist. Andererseits sollten in einem wirtschaftlich reichen Land wie der Bundesrepublik mit Sozialsystem Menschen nicht mehr zum Betteln genötigt sein. Sicher besteht für einige die Notwendigkeit, die staatliche Alimentation aufzubessern. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Einige vermuten, dass es auch „Bettler-Clans“ geben soll. Das wäre im Zweifelsfall noch besser als Kriminalität wie Ladendiebstähle oder Ähnliches.

Betteln ist grundsätzlich erlaubt

Auf jeden Fall ist Betteln grundsätzlich erlaubt, wenn es nicht in betrügerischer Absicht oder durch aufdringliches Verhalten geschieht. Wie viele Menschen regelmäßig ihren Lebensunterhalt durch Betteln aufbessern, ist nicht bekannt. Einrichtungen wie die Tafel oder Unterkünfte für Obdachlose bekommen diese Entwicklung sicher hautnah zu spüren und könnten Antworten geben.

Mein persönliches Fazit: ich werde versuchen, immer etwas Kleingeld in der Hosentasche zu haben. Es macht mich nicht ärmer, hilft im Zweifelsfall aber etwas.

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