Bewegendes Schauspiel um Tod und Weiterleben feiert Premiere im Hilpert-Theater

rnUraufführung in Lünen

Das Theaterstück „Gehen“ hat im Hilpert-Theater in Lünen Uraufführung gefeiert. Zwei Lüner Kulturpreisträger haben die Zuschauer mit lebensnahen Themen fasziniert.

Lünen

, 08.09.2020, 14:19 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Lass uns über den Tod reden.“ Das war wohl der zentrale Satz in dem Theaterstück „Gehen“ bei der Premiere am Montagabend auf der Studiobühne des Heinz-Hilpert-Theaters. Aktuell geworden ist die Thematik durch die Corona Krise, die uns mit plötzlichem Tod und Massensterben konfrontiert hat. Wobei die Tendenz des Verdrängens bezogen auf die eigene Person immer noch geblieben ist.

Hohe Schauspielkunst der Kulturpreisträger

Es war ein emotional geprägter Abend über ein Tabuthema, dicht gefüllt mit Monologen und Dialogen mit Nutzung vielfältiger Ausdrucksformen des Theaters. Vor allen Dingen aber getragen von hoher Schauspielkunst und dem innerem Engagement der Lüner Kulturpreisträger Susanne Hocke und Jürgen Larys.

Bei den einzelnen Teilen des Stücks spielten die Farben, verdeutlicht durch das Bühnenlicht, eine elementare Rolle. Im ersten Teil war es die Farbe blau, in deren sphärischem Licht die Protagonistin Paula (Susanne Hocke) ihr Erleben des plötzlichen Tods ihres ersten Mannes beschrieb, vom Zusammenbruch über den Notarzteinsatz, der Fahrt mit dem Krankenwagen zur Notaufnahme bis zur Gewissheit: „Er ist tot, oder?“ Wobei das oder rein rhetorisch gesetzt ist. Das Urteil eines Außenstehenden: „Sie ist hart im Nehmen“, und der Frage, wie muss man sich benehmen, wenn man nicht hart im Nehmen ist.

Farben bestimmen die einzelnen Teile

Den zweiten Teil bestimmt die Farbe weiß. Nach der Zeit des intensiven Trauerns, in der das Alleinsein Teil der Bewältigung war, hat Paula mit Mario (Jürgen Larys) einen neuen Partner gefunden. Sie hat gestärkt ins Leben zurück gefunden. Doch irgendwie ist ihr verstorbener Mann noch anwesend. Mario merkt es, doch es stört ihn nicht. Er integriert diese Anwesenheit in den Alltag. In diesem Abschnitt des Stückes haben Humor, Lebens- und Liebesfreude ihren Platz. Patienten-, Beisetzungs- und Vorsorgeverfügungen und ihre teilweise bizarren Inhalte werden vorgestellt. Es kommt zum Dialog mit dem Publikum. Corona bekommt einen Platz und als besondere Kunstform wird die Werbung für ein Lüner Anwaltsbüro kein separater Block sondern integrierter Bestandteil. Die von Jürgen Larys live vorgetragenen Lieder erinnerten in ihrer Ausdruckskraft an zur Thematik passende Spirituals.

Leben und Sterben und Verdeutlichung skurriler Personifizierung des Todes im Maskenspiel.

Leben und Sterben und Verdeutlichung skurriler Personifizierung des Todes im Maskenspiel. © Diethelm Textoris

Rot angestrahlt ist der Bereich „Leben und Tod“ im dritten Teil. Vielleicht um skurrile Vorstellungen vom Tod und seiner Personifizierung zu verdeutlichen, wird hier das alte Theater-Stilmittel Maske eingesetzt. Sie wurde in ihrer überproportionalen, Schrecken einflößenden Dimension von Annette Polzer gebaut. Der nochmalige blaue Teil mit dem Titel „Weltenwanderung“ befasste sich mit dem Übergang vom Leben zum Tod, oft beschrieben als Licht am Ende des Tunnels. Die Farbe Gelb beleuchtete das Es, das kurze Leben des behinderten Kindes Mia. Im Epilog „Grün“ wird die Hoffnung ausgedrückt, werden viele Fragen aufgeworfen, auch die, ob mit dem Tod wirklich alles zu Ende ist. Obwohl die Frage nicht beantwortet werden konnte, schafften es die Darsteller, die ja gleichzeitig auch Textautoren waren, dass das Publikum zwar nachdenklich, aber nicht deprimiert nach Hause ging.

Zuschauerin Iris Streich urteilte: „Wegen des offenen Beginns und des langen Monologs hatte ich erst Schwierigkeiten, mich in das Stück rein zu finden. Aber dann ging es steil nach oben. Das Stück fesselte mich mehr und mehr. Ich bin angetan von den lebensnahen Dialogen beim Thema Tod.“ Nahezu vollständig könne sie sich mit dem Stück identifizieren, „ Nur der Werbeblock für den Anwalt ist für mich gewöhnungsbedürftig“. Sichtlich nach Fassung rang Pfarrer i.R. Peter Strube: „Der Teil mit dem Mädchen, das wegen zu erwartender Behinderung abgetrieben werden sollte, und dann der Mutter schon bei seiner Geburt so viel Freude und den Eltern in seinen sieben Lebensjahren so viel Erfüllung geschenkt hat, hat mich tief berührt.“

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