Reporter Daniel Claeßen fragt sich als "Fretful Father", ob Konfliktlösungen immer einvernehmlich sein müssen. © Kristina Schröder / Montage Klose
The Fretful Father

Champagne Supernova

Nach 15 Jahren ist Schluss: „Fretful Father“ Daniel Claeßen verabschiedet sich von seinem Beruf. Seine letzte Kolumne widmet er deshalb dem Abschied - und der Suche nach dem perfekten Moment.

Es gibt Momente, die fühlen sich an, als sei das ganze Universum auf diesen einen Punkt in Raum und Zeit konzentriert. Alles andere ist unwichtig, weil genau hier und jetzt alles passt. Nicht immer bemerkt man das sofort, manchmal dauert es Jahre, bis jemand realisiert, was da eigentlich geschehen ist. Und dann denkt man sich: Hätte ich damals doch besser aufgepasst und diesen Moment mehr genossen.

Andererseits lebt diese Perfektion ja von der Erinnerung, und in der Rückschau wirkt manches anders, als man es in dem Moment selbst wahrgenommen hat. Das mag ein Stück weit Verklärung sein, ich glaube aber, dass es vor allem damit zusammenhängt, dass bestimmte Momente dem Leben eine neue Richtung geben. Und wenn man dann realisiert, wie gut und wichtig das war, blendet man negative Begleiterscheinungen, hinter denen sich der perfekte Moment versteckt hielt, in der Erinnerung gerne aus.

Eine neue Richtung und ein neuer Sinn

Bestes Beispiel sind die Geburten unserer Kinder: Der Moment selbst war vor allem für meine Frau nicht wirklich das, was man perfekt nennen würde. Aber wie so oft ist es ja das Ergebnis, das am Ende zählt. Mehr noch: Mit unserem Triumvirat erleben wir eigentlich täglich diese Momente, in denen alles passt und sich das Universum nur auf uns konzentriert. Genauso gibt es natürlich Momente, in denen man sich fragt, wie man das alles schaffen soll. Aber die wiegen am Ende dann doch nicht so schwer, eben weil die Geburt – beziehungsweise die daraus resultierende Existenz unserer Kinder – unserem Leben nicht nur eine neue Richtung gegeben hat. Sondern auch einen neuen Sinn.

Mit diesem Wissen und dieser Erfahrung wird vieles leichter. Zum Beispiel der heutige Tag, an dem ich nach 15 Jahren den Journalismus verlasse. Wahrscheinlich werde ich auch den heutigen Moment des Abschieds erst in einigen Jahren richtig einschätzen können. Er fühlt sich komisch an – schließlich habe ich seit dem Studium nie etwas anderes gemacht, als Geschichten zu recherchieren und aufzuschreiben. Aber er wirkt auf mich auch nicht wie eine Zeitenwende, obwohl es auf dem Papier für mich definitiv eine ist. Möglicherweise hat es damit zu tun, dass der Mensch gerne nach einer Bedeutung sucht, die ihm sofort das große Ganze erklärt. In dieser Hinsicht habe ich tatsächlich etwas von Noel Gallagher gelernt, der viele Lieder für die britische Band „Oasis“ geschrieben hat. Einer seiner besten Songs heißt „Champagne Supernova“, allerdings ergibt der Text nicht wirklich Sinn. Noel Gallagher hat in einem Interview mal gesagt, dass ihm selbst nicht ganz klar wäre, wovon das Lied eigentlich handelt. Ein Kritiker meinte, dass der Song deshalb niemals ein Klassiker werden könnte, weil er eben keine Bedeutung hätte. Gallagher entgegnete: „Wenn 60.000 Menschen dieses Lied laut mitsingen, glaubst du wirklich, ihnen würde das nichts bedeuten?“

Am Ende bleibt das gute Gefühl

Wie recht er hat. Was für den einen wie blanker Unsinn wirkt, hat für den anderen eine fundamentale Bedeutung. Das muss man nicht immer verstehen, aber akzeptieren. So wie meine Texte, die ich in den vergangenen 15 Jahren nicht nur als „Fretful Father“ gerne geschrieben habe. Was am Ende übrig bleibt? Auch da kann ich Noel Gallagher zitieren, der sinngemäß über Oasis sagte: „Wir wollten eine Band sein, die einfach ein paar gute Songs für die Leute macht, um ihnen ein gutes Gefühl zu geben.“ Es wäre schön, wenn meine Texte unterm Strich einen ähnlichen Effekt hatten.

Nun aber ist Schluss – ich verabschiede mich von meinem Beruf. Vater werde ich allerdings bleiben. Und mit der Gewissheit, jeden Tag mindestens einen perfekten Moment zu erleben, lässt sich jede Herausforderung entspannter angehen, völlig egal, was die Zukunft bringen mag. Machen Sie es gut – und danke für die schöne Zeit!

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Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen