Chef der SPD Lünen-Nord: „Wir haben verkrustete Strukturen und müssen jünger werden“

rnFerhat Aydin im Interview

Ferhat Aydin ist Lehrer, 35 Jahre alt – und seit vergangener Woche einer der jüngsten Vorsitzenden eines SPD-Ortsvereins in Lünen. Er hat klare Forderungen an die Lüner Sozialdemokraten.

Lünen

, 28.04.2019, 14:46 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie sind einer der Jüngeren in der SPD: Was ist aus Ihrer Sicht für die Ortsvereine heutzutage wichtig?

Heutzutage ist nicht mehr der Ortsverein stark, der viele Mitglieder hat, sondern der, der schnell reagiert, zum Beispiel beim Sozialen Netzwerk Facebook. Deswegen haben wir dafür auch extra die Stelle des Medienbeauftragten neu geschaffen. Das ist zum Beispiel wichtig.

Und bei welchen Themen muss man heutzutage schnell reagieren?

Zum Beispiel, wenn es um die Forensik geht. Da gibt es bei uns aber keine einheitliche Position. Die Siedler haben ihre Interessen, das sind Anwohner, die u.a. auch berechtigte Angst um ihre Sicherheit und Immobilien haben. Ich denke aber, dass die Sache so gut wie durch ist und wir lieber kooperieren sollten, um die Entwicklung noch selbst mitgestalten zu können.

Sie sprachen die Mitgliederzahlen an. Wie siehts denn da im Ortsverein Lünen-Nord aus?

Wir haben jetzt noch 96 Mitglieder, vor zwei Jahren waren es noch 30 mehr. Das hört sich bitter an und ist es auch. Ich will da nichts schönreden, aber gehe davon aus, dass sich die Mitgliederzahl in absehbarer Zeit festigen wird.

Zur Person

Das ist Ferhat Aydin

Ferhat Aydin stammt aus einer Bergarbeiter-Familie und ist Studiendirektor an einer Gesamtschule in Recklinghausen. Zuvor arbeitete der 35-Jährige als Oberstudienrat an einer Schule in Dortmund-Scharnhorst. Den Posten als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Lünen-Nord übernahm er von Hubert Groth.

Was macht die SPD denn da falsch?

Ich glaube, dass in Lünen die Kontraste fehlen. Es gibt kaum noch Unterschiede zwischen SPD und CDU, dies sieht man auch am Abstimmungsverhalten der Parteien im Rat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Positionen immer gleich sind. Wir müssen uns tatsächlich erneuern.


Und wie soll diese Erneuerung aussehen?

Wir müssen jünger werden und weiblicher. Es gibt hier in Lünen verkrustete Strukturen. Und die, die von Erneuerung sprechen, haben die Strukturen erst verkrusten lassen. Das ist ein grundsätzliches Problem, nicht nur bei der SPD. Viele sitzen doch schon seit Jahrzehnten im Rat.

Mit dieser Meinung machen Sie sich wahrscheinlich nicht nur Freunde in der Partei.

Da mache ich aber auch kein Geheimnis draus.

Die SPD muss also jünger und weiblicher werden. Der Bürgermeisterkandidat ist aber Rainer Schmeltzer, 58 Jahre alt. Unterstützen Sie ihn?

Voll und ganz. Er hat die politische Erfahrung, war Arbeitsminister und ist Landtagsabgeordneter. Er findet eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung und auch in den anderen Parteien.


Gibt es denn überhaupt genügend jüngere Menschen, die auf die älteren folgen können?

Das ist eine richtige Herausforderung, auch bei uns. Es gibt viele junge Menschen, die geeignet wären, aber die sind aus nachvollziehbaren Gründen in den Ortsvereinen oft nicht präsent. Deswegen der Appell: Geht in die Ortsvereine!

Und warum sind Jüngere überhaupt besser für die Partei?

Ich will keine Altersdiskriminierung betreiben, aber wir brauchen Menschen, die weniger voreingenommen sind und nicht in alten Netzwerken stecken.

Welche Themen sind Ihnen politisch wichtig?

Von Berufs wegen schon das Thema Bildung. Mich ärgert zum Beispiel, dass die Profilschule jetzt als Talentschule finanziell vom Land unterstützt wird. Da hat die Verwaltung richtig versagt, dass sie die überhaupt mit ins Rennen genommen hat. Die ist einzügig, die Käthe-Kollwitz-Gesamtschule, die sich ebenfalls beworben hatte, sechszügig. Statt 150 profitieren jetzt also nur 25 Schülerinnen und Schüler eines Eingangsjahrgangs aus Lünen davon. Das ist bitter.

Für unseren Bezirk ist mir außerdem wichtig, dass er für die Menschen wieder attraktiver wird. Dafür brauchen wir Bildung. Warum baut man nicht einen Kindergarten auf der riesigen Fläche der Viktoriaschule? Der Bedarf ist da.

Außerdem sollten wir auch attraktiver und hochwertiger bauen lassen, zum Beispiel im Gebiet Steinstraße/Wevelsbacher Weg. Das ist schon als Baugebiet ausgewiesen. Dort sollte ein Projekt für junge Familien entstehen. Im schlimmsten Fall wird sich Lünen-Nord sonst zur Bad Bank von Lünen entwickeln.

Wollen Sie daran nicht im Rat mitarbeiten?

Doch, ich würde gerne 2020 in den neu gewählten Rat einziehen und meine Heimat Lünen im Sinne der Bürgerinnen und Bürger mitgestalten.

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