Ende September 2018 wurde eine Ausstellung der Lüner Grünen von Rechtsextremisten gestört. Jetzt ist klar: Die Aktion wurde sogar von der extrem gewaltbereiten rechten Gruppe C18 initiiert.

Lünen

, 05.04.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fotos gibt es nicht von dem Vorfall, und so schnell wie es anfing, war es auch wieder vorbei. Die Grünen hatten Ende September 2018 zur Ausstellungseröffnung in die Münsterstraße geladen. Gezeigt wurde die grafische Reportage „Weisse Wölfe“, es ging um rechten Terror. Ein Gast meldete sich zu Wort, ein junger Mann. Er meinte, sich in den Exponaten wiederzuerkennen und gehörte offenbar zur rechten Szene. Die Grünen schmissen den Mann und seine fünf Begleiter kurz danach aus dem Gebäude. Die Rechten bepöbelten die Grünen ihrerseits dann als „Rassisten“ und „pädophile Junkie-Partei“.

Mittlerweile ist klar: Der junge Mann wird wohl nicht gelogen haben, als er meinte, sich in den Bildern erkannt zu haben. Denn die Störaktion in Lünen ging von einer der gewaltbereitesten rechten Gruppierungen Europas aus: Der Gruppe Combat 18 (C18). Sie gilt als bewaffneter Arm des verbotenen „Blood and Honour“-Netzwerks. Combat 18 agiert nach dem Prinzip „Leaderless Resistence“, der führerlose Widerstand, Taten statt Worte.

David Schraven ist Mit-Autor der Reportage „Weisse Wölfe“, die bei den Grünen gezeigt wurde, und sollte eigentlich an dem Tag dabei sein - nur Terminüberschneidungen verhinderten seine Anwesenheit. Dass C18 selbst hinter der Störung steckte, überrascht ihn. Er hat lange zu rechtsextremer Gewalt recherchiert. Und weiß: „Combat 18 ist eine Vereinigung, aus der heraus rechtsextreme Anschläge geschehen können.“

Combat 18: Gewaltbereite Neonazis störten Ausstellungs-Eröffnung der Grünen

David Schraven © picture alliance / dpa

„Combat 18 ist eine Vereinigung, aus der heraus rechtsextreme Anschläge geschehen können.“
Journalist David Schraven

Die Zahlen im Namen „C18“ stehen, wie in der rechten Szene üblich, für Buchstaben des Alphabets. 1 wie A und 8 wie H. „Combat 18“ steht für „Kampfgruppe Adolf Hitler“. Und für den Kampf bereiten sich die Mitglieder aktiv vor. Etwa bei Schießübungen in Tschechien und Deutschland, von denen der Verfassungsschutz Kenntnis hat. Das NRW-Innenministerium hat bei C18 eine „hohe Gewaltaffinität festgestellt“ und findet die Häufigkeit der Schieß- und Kampftrainings „besorgniserregend“.

Die Zitate stammen aus einer kleinen Anfrage der Grünen NRW. Landtagsabgeordnete Verena Schäffer hat sich im Februar bei der Landesregierung erkundigt, was ihr über C18 bekannt ist, Mitgliederzahlen, Aktivitäten etc. Das Innenministerium antwortet, die Mitglieder verhielten sich „äußerst konspirativ“, sodass nur wenig öffentlich wird. Aus dieser Antwort stammt auch die Information, dass C18 wohl hinter der Störaktion in Lünen steckte, sie sei eine der wenigen, die überhaupt bekannt würden. „Diese wurde mutmaßlich durch einen der Hauptakteure bei C18 in NRW initiiert, der auf einer Demonstration in Dortmund im Oktober in einem T-Shirt mit der Aufschrift ,Combat 18‘ in Erscheinung trat“, heißt es weiter.


Erst die Grünen-Ausstellung, dann die Nazi-Demo

Die Ausstellungseröffnung der Grünen war am Freitag, 30. September. Nur drei Tage später, am Montag, 3. Oktober, fand die Nazi-Demo in Dortmund statt. In der Tat lief dort ein Rechtsextremist mit „Combat 18“-Shirt mit: Robin S., im benachbarten Brechten aufgewachsen, und einer der führenden Köpfe bei Combat 18.

Combat 18: Gewaltbereite Neonazis störten Ausstellungs-Eröffnung der Grünen

Bei der Demo im Oktober 2018 griffen Neonazis auch die Polizei an - mit Feuerlöschern. © Bandermann

S. selbst saß viele Jahre im Gefängnis, nachdem er bei einem schiefgelaufenen Raubüberfall einem Supermarkt-Kunden in Brust und Bein geschossen hatte. Der Kunde überlebte knapp. 2007 war das, S. wurde 2008 zu acht Jahren veruteilt und kam 2015 wieder frei. Die Zeit im Knast hat ihm zu Berühmtheit in der Szene verholfen. Auch, weil er aus dem Gefängnis heraus Kontakt zur ebenfalls inhaftierten Rechts-Terroristin Beate Zschäpe aufnahm. Es entstand ein reger Briefwechsel.

Der Hinweis auf das Combat-18-Shirt legt nahe, dass es sich bei dem vom Innenministerium gemeinten Mann um S. handelt. Eine Bestätigung vom Innenministerium gibt es dafür nicht. Auch zu allen weiteren Anfragen schweigt das Ministerium.

Ob S. selbst tatsächlich in Lünen war, ist unklar. Manche Besucher der Veranstaltung meinen, ihn auf Bildern wiederzuerkennen. Alle, die man fragt, gehen zumindest davon aus, dass er derjenige war, der die Aktion initiiert hat. Fotos von dem Vorfall gibt es, wie gesagt, nicht.

Dass die Rechten sich in Lünen zeigen, ist kein Zufall. Entgegen Beteuerungen vieler Verantwortlicher gibt es seit langem eine aktive rechte Szene in Lünen wie im gesamten östlichen Ruhrgebiet, meint „Weisse Wölfe“-Autor David Schraven.

Combat 18: Gewaltbereite Neonazis störten Ausstellungs-Eröffnung der Grünen

Robin S. ist ein Kopf der Gruppe Combat 18 in NRW - bei der Ausstellungseröffnung "Weisse Wölfe" störte er mit anderen Rechtsextremisten. © dpa

Auch Robin S. hatte lange eine direkte Verbindung nach Lünen: Sebastian S., ebenfalls C18-Mitglied und Freund des Dortmunder Polizistenmörders Michael Berger. Er organisierte Rechtsrock-Konzerte, die Geld in die Kassen spülten. Später betrieb er die Kneipe „Störtebeker“ an der Jägerstraße in Lünen-Süd, auch dort fanden Konzerte statt. Bei einem Prozess wegen Drogenhandels kam 2007 raus: S. hatte in seiner Lüner Wohnung ein Waffenarsenal mit Gewehren, Bajonetten und einer Armbrust angesammelt. Auch die Waffe für den Raubüberfall von S. besorgte er.

S. lebt mittlerweile unter anderem Namen im Zeugenschutzprogramm, er muss um sein Leben fürchten. Im Prozess gegen Robin S. war herausgekommen, dass Sebastian S. ein V-Mann des Verfassungsschutzes war. Der Verteidiger fand die Notiz in den Akten - S. war enttarnt und in Gefahr.

Grüne: „Werden uns nicht einschüchtern lassen“

Die Partei Bündnis 90/Die Grünen teilte auf Anfrage mit, man werde nach Bekanntwerden der Tragweite des Vorfalls im Oktober „vorsichtiger und wachsamer sein, sich aber trotzdem nicht einschüchtern lassen“. Und weiter: „Wir werden uns immer gegen Rechtsextremismus stellen und in Zukunft wird es auch weiterhin Aktionen gegen Rechts geben. Lünen ist vielfältig und bunt. Hier gibt es keinen Platz für Nazis.“

„Anlass zur Sorge“

Das sagt die Stadt zum Rechtsextremismus in Lünen

“Weder der Stadt noch der Polizei liegen Erkenntnisse vor, dass sich aktuell eine rechtsextreme Szene in unserer Stadt etabliert hat. Wohl aber sind auch einzelne Äußerungen, Übergriffe und Angriffe mit einem rechtsextremen Hintergrund Anlass zur Sorge. Aus diesem Grund ist es nach wie vor richtig und wichtig, dass der Schulterschluss zwischen Stadt, Ordnungskräften, Polizei und Bündnis gegen Rechtsextremismus weiterhin besteht. Diese Stellen bilden einen Informationskreis, der sich über die möglichen oder tatsächlichen Aktivitäten der Rechtsextremen austauscht und Handlungsoptionen erörtert.“
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