Ein Lüner Vater macht sich große Sorgen, dass er seine kranke Tochter mit dem Corona-Virus infizieren könnte. Für das Mädchen könnte das tödlich enden. © picture alliance/dpa
Pandemie

Corona-Irrsinn: Vater muss Angst haben, kranke Tochter zu infizieren

Ein Lüner Vater hat Angst, seine kranke Tochter mit dem Corona-Virus zu infizieren. Das kleine Mädchen (13 Monate) könnte es das Leben kosten. Eine Geschichte über Systemversagen.

Mario Münzler* (*Name von der Redaktion geändert) hat keine Sorgen. Nein, er hat Angst. Angst vor dem Coronavirus. Nicht so sehr vor einer schweren Erkrankung. Münzler ist durchgeimpft. Sondern Angst davor, das Virus mit nach Hause zu bringen. Denn der 25-jährige Kfz-Mechatroniker aus Lünen hat eine Frau und zwei Kinder. Und seine jüngste Tochter (13 Monate) hat nicht nur Trisomie 21 – besser bekannt als „Down-Syndrom“ – sondern zudem auch Löcher im Herzen.

„Wenn sie Corona bekommt, sind die Chancen hoch, dass sie es nicht schafft“, sagt Münzler. Das Problem: Die Gefahr, das Virus unbemerkt in die eigenen vier Wände zu tragen, ist im Hause Münzler aktuell so groß wie nie. Und zwar, so der 25-Jährige, weil der Staat versagt hat.

So gut informiert wie Karl Lauterbach

Mario Münzler ist top informiert. Und eloquent. Im Gespräch mit unserer Redaktion referiert er problemlos zur aktuellen Corona-Lage, spricht etwa über den aktuellen R-Wert (den „Reproduktionswert“, Anm.d.Red.), der angibt, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Durchschnitt aktuell ansteckt oder die Hospitalisierungsrate, die aufzeigt, wie viele Menschen pro 100.000 Einwohner mit einer Covid-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden. Münzlers Wissen ist beeindruckend. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wäre kaum besser informiert, könnte man meinen.

Derzeit macht Mario Münzler eine Umschulung zum staatlich geprüften Techniker an einem Berufskolleg in der Nähe von Lünen. Es ist Prüfungsphase, einige Klausuren stehen in den kommenden Tagen und Wochen an. Es gibt viel zu pauken, Nachlässigkeiten oder Fehlzeiten wollen und können Münzler und seine Klassenkameraden sich aktuell nicht leisten.

Lebensgefährtin eines Mitschülers hat Corona

Doch dann ereilt die Berufsschüler die Hiobsbotschaft: Die Lebensgefährtin eines Klassenkameraden hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Der Klassenkamerad lebt mit seiner Freundin in einem Haushalt, sie können sich kaum aus dem Weg gehen. Der Schüler will weiter zur Schule – es ist ja schließlich Klausurenphase.

Und rechtlich darf er das auch. Denn auch er ist durchgeimpft, er muss also laut Vorschrift nicht in Quarantäne. Einen PCR-Test oder Ähnliches erhält er vom Staat derweil nicht, da er zu diesem Zeitpunkt symptomfrei ist. Also besucht der Mitschüler nach einem Tag wieder den Unterricht in der Berufsschule.

Mario Münzler lässt das alles sprachlos zurück. „Ich mache dem Mitschüler absolut keinen Vorwurf. Ich kann verstehen, dass er zur Schule gehen will. Ich weiß auch nicht, wie ich in seiner Situation reagieren würde“, beteuert Münzler. Der Mitschüler habe sich auch selbst getestet. „Er ist also schon verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen“, betont Münzler.

„Kann man keinem normal denkenden Menschen erklären“

Was Münzler aber anprangert, sind die Regeln vonseiten des Gesetzgebers. Dass der Mitschüler, nur weil er keine Symptome habe, nicht mal einen PCR-Test gestellt bekomme, obwohl er enge Kontaktperson sei, „dass kann man doch keinem normal denkenden Menschen erklären“, so Münzler.

Schließlich, so erinnert sich Münzler, habe sich damals im Frühjahr 2020 schon Patient null, also der erste Corona-Infizierte in Deutschland, bei einer asiatischen Kollegin angesteckt, die infiziert aber symptomfrei an einem Meeting teilgenommen habe. Wobei Münzler auch zu bedenken gibt: „Was nützt schon ein einmaliger PCR-Test, wenn der Mitschüler mit seiner infizierten Freundin weiter in einer Wohnung lebt?“

Dennoch macht Münzler seinem Unverständnis und seiner Verzweiflung über die Situation Luft. Er schreibt dem Landtagsabgeordneten, schreibt dem Schul- und Bildungsministerium sowie dem Gesundheitsministerium in NRW, telefoniert sich durch – doch richtige Antworten erhält er nicht. „Ich habe mit einer Mitarbeiterin des Gesundheitsministeriums gesprochen. Die wissen um diesen Missstand – und verstehen ihn selber nicht“, so Münzler.

Man habe ihm schließlich geraten, er solle er eine noch sicherere FFP3-Maske tragen und sich nicht allzu viele Sorgen machen. Er sei ja schließlich geimpft. „Man fühlt sich ganz einfach von der Politik nicht ernstgenommen. Die Regelungen sind einfach nicht realitätsnah“, bemängelt Münzler.

Fernunterricht ist keine Option

Ihm bleibt also nur eines: Bestmöglich auf sich und seine Familie aufpassen. Auch er will und muss weiter zur Schule gehen, um die anstehenden Prüfungen zu meistern. Die Option Fernunterricht gebe es an dem Berufskolleg auch mehr als eineinhalb Jahre nach Ausbruch der Pandemie nicht. Ein weiterer Missstand, den Münzler nicht verstehen kann: „Ich würde das sofort machen – aber es ist nicht vorgesehen.“

Münzler versucht es deshalb mit penibler Einhaltung der Hygieneregeln. Zu seinen Mitschülern hält er bestmöglichen Abstand – ebenso wie zu seiner Familie. „Die Kuscheleinheiten mit meinen Kindern finden vorerst nicht mehr statt.“ Münzler und seine Frau, sie ist in Elternzeit, testen sich zweimal am Tag, morgens und abends – um eine Infektion im Fall der Fälle schnellstmöglich zu erkennen.

Auch Münzlers Mitschüler hat mittlerweile Corona

Wie nötig das ist, zeigen die Ereignisse in den folgenden Tagen. Nach dem Wochenende fehlt Münzlers Mitschüler plötzlich in der Berufsschule. Er hat sich mit Erkältungssymptomen abgemeldet. Einen Tag später steht fest: Auch er ist an Covid erkrankt.

Kurz vor dem letzten Novemberwochenende telefonieren wir noch einmal mit Mario Münzler. Dem Mitschüler gehe es den Umständen entsprechend gut, weitere Corona-Fälle in der Klasse habe es bislang nicht geben, sagt Münzler. Und auch die Münzlers sind Corona-negativ – zumindest bislang. Man kann ihnen nur von Herzen wünschen, dass das so bleibt.

Über den Autor
2014 als Praktikant in der Sportredaktion erstmals für Lensing Media aufgelaufen – und als Redaktionsassistent Spielpraxis gesammelt. Im Oktober 2017 ablösefrei ins Volontariat gewechselt und im Anschluss als Stammspieler in die Mantel-Redaktion transferiert. 2021 dann das Comeback im Sport, bespielt hauptsächlich den Kreis Unna.
Zur Autorenseite
Marc-André Landsiedel

Corona-Newsletter

Alle wichtigen Informationen, die Sie zum Leben in der Corona-Pandemie benötigen, sammeln wir für Sie im kostenlosen Corona-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.