Corona-Krise in Lünen erschwert Integrationsarbeit, Fest abgesagt

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Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Integrationsarbeit der Stadt aus? Darüber haben wir mit Dr. Aysun Aydemir gesprochen. Lünens Integrationsbeauftragte gibt sich optimistisch.

Lünen

, 24.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Frau Dr. Aydemir, wirkt sich die Corona-Krise auf die Integrationsarbeit der Stadt aus?
Selbstverständlich wirkt sich die Corona-Krise auch auf die Integrationsarbeit der Stadt Lünen aus, genauso wie sie auch Auswirkungen auf andere Bereiche hat. Die Besonderheit für die Integrationsarbeit liegt darin, dass diese sehr stark auf die unmittelbare Kommunikation, das Übersetzen im tatsächlichen und übertragenen Sinne und auf das Erklären angewiesen ist.

Das heißt?
Konkret gibt es zum Beispiel Schwierigkeiten, wenn Anträge ausgefüllt werden müssen, die an Fristen gebunden sind, die nicht in gewohnter Weise persönlich in den Beratungsstellen besprochen werden können. Sie können nur postalisch, per E-Mail oder Telefon erledigt werden. Wenn die Sprachkenntnisse nicht vorhanden sind, ist das entsprechend schwieriger.

Gibt es weitere Probleme?
Für „Neu-Zugewanderte“ zum Beispiel, die bereits an einem Integrationskurs teilnahmen oder die mit einem Integrationskurs hätten starten können, um die erforderlichen Deutschkenntnisse zu erwerben, damit sie unter anderem eine Arbeit antreten können, verschiebt sich leider vieles nach hinten.

Stehen Sie in Kontakt mit den Moschee-Gemeinden?
Mit den Moschee-Gemeinden stehe ich natürlich nach wie vor in Kontakt. Zurzeit jedoch zumeist per Telefon oder über WhatsApp. Die Moschee-Gemeinden bilden allerdings nur etwa 15 Prozent der Muslime in Lünen ab. Es wäre also nicht richtig, den Kontakt zu Muslimen und erst recht nicht den Kontakt in der Integrationsarbeit auf die Gemeinden zu beschränken.

Dr. Aysun Aydemir ist Integrationsbeauftragte der Stadt Lünen

Dr. Aysun Aydemir ist Integrationsbeauftragte der Stadt Lünen © Stadt Lünen (A)

Trotzdem: Wie ist die Stimmung in den Gemeinden?
Die Stimmung in den Moschee-Gemeinden lässt sich ohne Weiteres mit dem Stimmungsbild in den Kirchengemeinden oder aber in der Stadtgesellschaft insgesamt vergleichen. Die Gemeindemitglieder sind natürlich nicht erfreut über die aktuelle Situation, doch herrscht eine allgemeine Zustimmung zu den Maßnahmen und Vorkehrungen, die getroffen werden mussten und müssen, um die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen zu schützen. Sowohl mit der Einhaltung der Hygienemaßnahmen als auch mit der sozialen Distanz gibt es Gott sei Dank keine Probleme.

Die Menschen kommen also mit der Kontaktsperre klar?
Ja, es gibt hier keine uns bekannten besonderen Probleme. Wie auch bekannt sein dürfte, wurden zum Beispiel seitens DITIB - der Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion - bereits ab dem 13. März 2020 die Freitagsgebete als Maßnahme zur Eindämmung von Corona ausgesetzt.

Führen die Moschee-Gemeinden wegen der Kontaktsperre vermehrt ein Eigenleben?
Die Moscheen sind seit Jahrzehnten ein Bestandteil der Stadtgesellschaft. Das gilt auch für die Zeiten der Kontaktsperre.

Woher beziehen die Menschen ihre Informationen rund um Corona?
Die meisten Menschen beziehen ihre Informationen über das Internet, über die sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Instagram, aber auch über das Fernsehen und die Online-Tagespresse.

Welches Fernsehen?

Viele Lüner und Lünerinnen mit türkischem Migrationshintergrund schauen sich beispielsweise auch die türkischen Fernsehkanäle an und vergleichen die deutsche und türkische Berichterstattung und die getroffenen Maßnahmen und Vorkehrungen der beiden Länder miteinander.

Wie informiert die Stadt Lünen?
Die Stadt verfolgt die aktuellen Bekanntmachungen seitens der Bundes- und Landesregierung, aber auch seitens des Kreises Unna und verlinkt diese Informationsquellen auf ihrer Homepage. Die Weiterleitungen zu den aktuellen Informationsquellen sind teils in mehreren Sprachen vorhanden, wie englisch, türkisch, russisch, arabisch und rumänisch.

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Fürchten Sie, dass die Corona-Krise und die damit verbundenen Auflagen wie die Kontaktsperre sich negativ auf die Integrationsbemühungen der Stadt auswirkt?

Auf gar keinen Fall. Die Integrationsbemühungen der Stadt werden ja während der Corona-Krise nicht gänzlich auf Eis gelegt, sondern nur auf eine etwas andere Art- und Weise fortgeführt.

Das klingt sehr optimistisch.
Vielleicht lässt Corona sogar die Gesellschaft noch enger zusammenrücken und die Unterschiede bezogen auf Religion, Sprache und Herkunft minimalisieren sich. Denn das Virus unterscheidet Menschen nicht nach den genannten Merkmalen. Es wird deutlich, dass alle Menschen im gleichen Boot sitzen und sowohl auf ihre eigene Gesundheit als auch auf die ihrer Mitmenschen achten müssen.

Gibt es Alltags-Beispiele?
In einigen Bereichen ist dieser Zusammenhalt sogar sicht- und erlebbar geworden. Es gibt türkische Familien, die für ihre älteren deutschen Nachbarn und Nachbarinnen die Einkäufe erledigen. Es gibt Migranten und Migrantinnen, die für ihre Nachbarn Mundschutzmasken nähen. Krisensituationen schweißen zusammen.

Wird es dieses Jahr wieder ein „Lüner Fest der Vielfalt“ in der City geben?
Nein, denn wir wissen, dass wir eine besondere Verantwortung übernehmen müssen und so wie es uns die Bundes- und Landesregierung vorschreibt, größere Veranstaltungen absagen müssen. Hier müssen auch wir uns an die besonderen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus und insbesondere an das Verbot von Großveranstaltungen bis einschließlich 31. August 2020 halten. Und da am Lüner Fest der Vielfalt über den Tag verteilt mehrere tausend Menschen teilnehmen, ist es für uns mehr als selbstverständlich, das „Lüner Fest der Vielfalt“, das für den 6. Juni geplant war, abzusagen.

Apropos Feste: Was bedeutet Corona für das laufende Ramadan-Fest und wie gehen die örtlichen Muslime damit um?
Die Muslime in Lünen sind sich einig, dass die einschränkenden Maßnahmen richtig und wichtig sind. Natürlich sind die Einschränkungen eine Herausforderung, wenn es darum geht, seinen Glauben zu leben. Das haben viele Christen sicherlich an Ostern ganz ähnlich erfahren. Ein Beispiel?

Gerne.

Wenn Sie „Ramadanfest“ sagen, beziehen Sie sich vermutlich vor allem auf „Iftar“, das tägliche Fastenbrechen am Abend. Das ist eigentlich per se eine Gelegenheit, wo man in der Moschee mit vielen anderen Menschen zusammenkommt, betet und isst. Das kann jetzt nicht stattfinden.

Und nun?

Manche suchen andere Möglichkeiten, sie begehen das Fastenbrechen beispielsweise alternativ in den Kernfamilien, im Rahmen des Erlaubten und Vernünftigen. Die Gesundheit geht vor und niemand möchte die Mitmenschen gefährden, auch wenn das in diesem Jahr bedeutet, vom Gewohnten und Traditionellen abzuweichen.

Noch ein guter Rat von Ihnen?

Die Moschee-Gemeinden sind sich ihrer Verantwortung bewusst und appellieren auch an ihre Mitglieder, sich an die Regeln zu halten. Eine Notwendigkeit für weitere Empfehlungen sehe ich derzeit nicht.

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