Jürgen Skok und Andrea von Bohlen gingen vor 25 Jahren, am 1.2.1996, mit ihrer Kanzlei an den Start. © Goldstein
Corona-Hilfen

Corona-Krise in Lünen: Steuerberater gefragt, Kanzleramt bestürzt

Die Corona-Krise beschert Steuerberatern enorme Zusatzarbeit: Verzweifelte Mandanten, komplizierte und sich ständig ändernde Anträge für Finanzhilfen prägen seit Monaten den Alltag der Experten.

Die Hilferufe werden von Tag zu Tag lauter: Da sind die Betreiber der Lüner Cineworld, die in einem Brandbrief an Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther dessen Vorschläge für die spätere Öffnung von Kinos nach dem Lockdown aufs Schärfste kritisieren.

Da ist die Lüner Friseur-Meisterin Christiane Belz, die sich mit einem Kredit über Wasser hält. Und da ist ihre Dortmunder Arbeitskollegin Bianka Bergler, die vor wenigen Tagen in einem emotionalen Video auf Facebook auf ihre finanzielle Not aufmerksam gemacht hat und damit sogar Bestürzung bei Kanzleramtschef Helge Braun auslöste.

Gegenüber dem Fernsehsender RTL sagte Helge Braun zu dem Video, es sei „eindrucksvoll und bestürzend“. Man müsse jetzt alles daransetzen, dass die November-Hilfen schnell ausgezahlt werden.

Dass es mit den finanziellen Hilfen für viele Solo-Selbstständige, für zahlreiche kleinere und größere Handwerks- und Gaststättenbetriebe sowie Unternehmen weiterer Branchen nicht weit her ist, bestätigen Andrea von Bohlen und Jürgen Skok.

Die Steuerprofis sind die Inhaber der in Lünen und Selm ansässigen Steuerberater- und Rechtsanwaltskanzlei „Skok & von Bohlen“ und seit 25 Jahren im Geschäft.

„Aber so ein Jahr wie das Corona-Jahr 2020 haben wir, unsere Partner und Mitarbeiter noch nicht erlebt.“ Das sagte Andrea von Bohlen am Montag, 1. Februar, am 25. Jahrestag der Kanzleigründung 1996 im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Keine Frage, die Politik ist um die Jahrhundertaufgabe, nämlich die Bewältigung der Corona-Krise, wahrlich nicht zu beneiden. Und die zahlreichen Hilfsprogramme sind sicherlich gut gemeint, aber die Umsetzung hätte und könnte deutlich besser sein“, sagte Jürgen Skok.

Es könne doch nicht sein, dass die Novemberhilfen wegen technischer Probleme erst ab dem 25. November 2020 beantragt werden konnten. „Mit Ausnahme von kleineren Abschlagsbeträgen ist die Novemberhilfe noch gar nicht komplett ausgezahlt. Das muss man sich mal vorstellen“, sagte Skok weiter:

„Inzwischen schlagen wir uns für unsere Mandanten schon mit der Dezemberhilfe rum.“

Enormer Beratungsbedarf

Der Beratungsbedarf sei noch nie so groß gewesen wie in den vergangenen Monaten. Bei vielen Mandanten lägen die Nerven blank, sagte Andrea von Bohlen: „Die warten und warten aufs Geld, und das kommt einfach nicht so schnell wie von uns allen erwartet und benötigt.“ Den Frust darüber bekämen nicht zuletzt auch die über 30 Mitarbeiter der Kanzlei ab. „Wir tragen fast alle Augenringe, weil auf die ‚normale‘ Arbeit noch jede Menge Arbeit durch Corona dazukommt.“

Im Rückblick, erklärten Skok und von Bohlen, sei die Soforthilfe vom Frühjahr 2020 nicht mehr als eine „Beruhigungspille für den ersten Lockdown“ gewesen. Ein Großteil der Empfänger habe und werde das Geld zurückzahlen müssen.

Ärgerlich sei es auch, nicht zuletzt für die Mandanten, dass zahlreiche Verfahren dadurch gekennzeichnet seien, dass sich die Förderkriterien beziehungsweise Antragsbedingungen ständig änderten.

Bundeswirtschaftsministerium

„Jeden Freitag kommen vom Bundeswirtschaftsministerium irgendwelche Änderungen im Bereich der FAQ‘s. Da kommt man mit der Bearbeitung kaum hinterher“, sagte Jürgen Skok: „Es steht schon fest, dass bereits bewilligte und ausgezahlte Gelder der Überbrückungshilfe II später bei der Schlussabrechnung teilweise wieder zurückgefordert werden, weil sich die Bedingungen nach dem Antragsverfahren geändert haben.“

Anne Will & Maybrit Illner

Was die beiden Steuerexperten richtig nervt, sind die Fernseh-Talk-Shows wie etwa „Anne Will“ und „Maybrit Illner“ zum Thema Corona. „Was die Politik da teilweise erzählt, hat mit der Realität wenig zu tun. Am Morgen nach den Sendungen stehen bei uns die Telefone nicht mehr still. Wir müssen dann erklären, welche finanzielle Hilfe im Einzelfall zu erwarten ist oder aber auch nicht. Und leider müssen wir damit auch oft erklären, dass und warum vieles, was blumig in Aussicht gestellt wurde, an Detailfragen scheitert.“

Über den Autor
Redaktion Lünen
Jahrgang 1968, in Dortmund geboren, Diplom-Ökonom. Seit 1997 für Lensing Media unterwegs. Er mag es, den Dingen auf den Grund zu gehen.
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Torsten Storks