In sozialen Netzwerken finden sich immer mehr Menschen, die sich beim Fitness-Training zeigen oder ihre trainierten Körper präsentieren. Hinter diesem Trend versteckt sich eine Botschaft.

Lünen

, 01.11.2018, 13:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wenn man durch seine Facebook- oder Instagram-Timeline scrollt, könnte man meinen, die Mehrheit der User habe auf Fitnesstrainer und Ernährungsexperte umgeschult. Hashtags wie #girlswholift, #nopainnogain, #gymlife oder #bodytransformation sind unter immer mehr Bildern oder Posts zu finden. Bilder vom schweißtreibenden Training im Fitnessstudio oder in der freien Natur ersetzen mittlerweile die Partyaufnahmen oder das Selfie in neuem Outfit.

Ein spezieller Fitness-Trend ist Cross-Training. Eigentlich handelt es sich hier um keine neue Sportart: 1995 schwappte der Sport aus den USA zu uns rüber. Auch Ann-Katrin Grziwa (31) aus Lünen macht Cross-Training. Sie beobachtet die Entwicklung auf den Social-Media-Kanälen: „Gerade bei den Frauen geht der Trend weg vom Magerwahn und hin zum sportlichen Körper.“

Die Altenpflegerin geht fünf mal in der Woche zum Cross-Training und dokumentiert ihre Aktionen auf Instagram. Sie möchte so auch andere motivieren und zeigen, was man alles schaffen kann. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, viele Leute haben Berührungsängste und denken, sie könnten das nicht. Aber wichtig ist einfach üben, üben, üben. Als ich hier angefangen habe, konnte ich auch keine Klimmzüge, inzwischen geht das schon ganz gut. Vor einem Jahr konnte ich kaum einen Handstand machen, jetzt kann ich im Handstand Liegestütze machen. Man braucht einfach die Motivation und den Willen.“

Cross-Training: Es geht nicht mehr um das Haben, sondern um ein bestimmtes Sein

Bis vor einem Jahr war ein Handstand noch problematisch, inzwischen macht Ann-Kathrin Grziwa Liegestützen im Handstand. © Maiwald

Möglichst viel in möglichst wenig Zeit

Cross-Training ist ein Mix aus Konditionstraining, Krafttraining und Beweglichkeitstraining. Zudem werden Geschicklichkeit, Koordination und Balance trainiert. Möglichst viel in möglichst wenig Zeit, das beschreibt den Sport ganz gut. „Nach einer Stunde Cross-Training ist man 1000 mal kaputter als nach drei Stunden im regulären Fitnessstudio. Genau das gefällt mir so gut daran. Danach hat man richtig das Gefühl, man hat was getan.“

Das Training ist unterteilt in Aufwärmen, Kraftübungen und Dehnung der Muskulatur und dauert ungefähr eine Stunde. Der Ort des Geschehens, das „Crosspandables Athletic Unity“-Studio an der Fichtestraße 15 in Lünen, ist eher rudimentär eingerichtet. Ringe und Stangen für Klimmzüge, Gewichte und Hanteln sowie Rudergeräte gibt es hier. Das reicht, um ordentlich ins Schwitzen zu kommen.

Cross-Training: Es geht nicht mehr um das Haben, sondern um ein bestimmtes Sein

Bei den „Wall Balls“ werden Bälle (hier 6 Kilogramm schwer) gegen die Wand geworfen. © Maiwald

Ann-Katrin beschreibt den Sport als einen Lebensstil: „Man ernährt sich entsprechend, das heißt, man isst ausreichend. Sonst würde man das Training nicht schaffen.“ Auch ihr Mann macht Cross-Training. „Das ist auf jeden Fall ein Lifestyle. Außerdem gewinnt man durch die kleinen Trainingsgruppen einige neue Freunde.“ Online folgt sie vielen Fitness-Bloggern, die die gleiche Leidenschaft zum Sport teilen.

Zur Schau stellen der sportlichen Aktivität

Woher kommt es, dass plötzlich so viele eine Vorliebe zum Sport entwickelt haben? Handelt es sich beim Fitness-Trend womöglich gar nicht um eine Erscheinung, sondern um einen neue Lebensart? Thomas Kron, Universitäts-Professor für Soziologie an der RWTH Aachen, erklärt das Phänomen der Trends in einer Gesellschaft wie folgt: „Eine Elite, die für sich ein hohes Maß an Individualität in Anspruch nimmt, erzeugt durch wechselseitiges aneinander Beobachten, Anpassen und Kopieren etwas Neues, mit dem sie sich von dem Durchschnittsmenschen absetzt. Dabei ist es ganz gleich, um welche Inhalte es geht, ob um Musik, Technik oder Kleidung. Dieses Neue wird zu einem Symbol von Individualität, das allmählich via Medien bekannter wird.“ Der Mainstream wiederum kopiere den Einsatz des Symbols, weil jede Person ebenfalls individuell sein möchte. „Der Mensch ist ein Unterschiedswesen. Sobald der Mainstream das Neue für sich übernommen hat, ist es nicht mehr neu. Dann sucht die Elite nach anderen Unterscheidungsmöglichkeiten und das Spiel beginnt von vorne.“

So oder so ähnlich wird es sich auch bei dem Trend „Fitness“ zugetragen haben. Sportler hat es zwar schon immer gegeben, das Neue hier ist die obsessive Zurschaustellung der sportlichen Aktivität. Zu diesem Prozess der Trend-Entwicklung kommt außerdem noch die Entwicklung der Schönheitsideale hinzu. Denn diese haben sich in den letzten 100 Jahren bei Frauen und Männern immer wieder verändert. Von rundlich zu schlank und wieder zurück zu rundlich, hin zu muskulös oder zu mager. Schönheitsideale passen sich immer dem an, was in einer Gesellschaft generell als wünschenswert erachtet wird. „Gesellschaften, die besonderen Wert auf Reichtum und damit verbunden auf demonstrativen Konsum legen, mögen Körper bevorzugen, die Reichtum ausdrücken können. Also früher etwa Manager, deren Körperform ausdrückte, dass sie sich viel Nahrung und Bequemlichkeit leisten können“, sagt der Soziologe. Außerdem müsse ein Körper das leisten, was die aktuelle Arbeit erfordere, „der Bankmanager benötigte zum Beispiel einen Körper, der mehrere Stunden am Schreibtisch sitzen konnte. Mehr war nicht erforderlich.“

Jetzt ist es der durchtrainierte Körper, der erstrebenswert ist, bei Männern wie bei Frauen. Das hänge laut Kron auch mit dem derzeitigen Wirtschaftsmodell zusammen, denn gegenwärtig würde mehr von den Menschen gefordert werden. Man ginge aktuell kaum noch davon aus, einen Beruf sein Leben lang auszuüben. „Der Wechsel und Flexibilität ist normal und erwartbar geworden. Dies erfordert Körper, die nicht nur gesund, sondern fit sind. Fitness zur Bewältigung noch unbekannter Tätigkeiten heißt die Aufgabe. Zudem hat der demonstrative materielle Konsum seine Symbolkraft als Ausdruck von Individualität verloren - mit einem Mercedes kann man heute kaum mehr protzen. Individualität zeigt man heutzutage weniger durch Haben, als durch den Ausdruck eines bestimmten Seins.“

Selbstoptimierung und Selbstdarstellung nicht unbedingt negativ

Es ist ein Trend der Selbstoptimierung und der Selbstdarstellung. Das allerdings muss nicht zwangsläufig negativ sein. Prof. Dr. Thomas Buck - Chefarzt für Kardiologie am Knappschaftskrankenhaus Dortmund und im Herzzentrum Westfalen - begrüßt den Trend hin zu mehr Sport, das beugt Herz- Kreislauferkrangen vor. Allerdings sollte Fitness immer im Rahmen der Möglichkeiten bleiben. „Sportliche Betätigung sollte angemessen sein im Verhältnis zur Ausgangsbasis, der Kondition, dem Alter und eventuellen Vorerkrankungen. Wer mit einer Vorerkrankung eine neue Sportart betreiben oder ein neues Leistungsniveau erreichen will, der sollte sich unbedingt vorher medizinisch beraten lassen.“ Außerdem empfiehlt der Kardiologe Sport an der frischen Luft. Bei gesunden Menschen sollte der Puls auch mal die 125 erreichen. „Wichtig ist es, der Regenerierung Raum zu geben. Die Regelmäßigkeit und eine gute Abstufung kann ein kompetent aufgestellter Trainingsplan unterstützen.“

Auch beim Cross-Training werden die Trainingseinheiten auf jeden persönlich zugeschnitten. „Man kann die Trainingseinheiten soweit runter skalieren, dass das für jeden machbar ist“, erklärt Ann-Katrin. Skalierung bedeutet, die Gewichte werden angepasst oder Übungen werden ausgetauscht, wenn eine Person sie nicht umsetzen kann. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, dass in kleinen Gruppen trainiert wird. Nur so kann ein Trainer immer ein Auge auf die korrekte Ausführung haben, denn sonst kann es auch gefährlich werden und es kann zu Verletzungen wie Muskelzerrungen kommen.

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