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„Dank“ Me too ist 200 Jahre alte Geschichte wieder hochaktuell

rnStudioserie Theater

Eine junge Frau sucht den Vater ihres ungeborenen Kindes. Das ist die Kurzfassung eines ungewöhnlichen Theaterstücks, das im Mai auf der Bühne des Hilpert-Theaters zu sehen ist.

24.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Es begann mit einer Novelle aus der Feder von Heinrich von Kleist über den Missbrauch an einer jungen Adligen, die 1808 in einem literarrischen Journal in Dresden erschien. Die Geschichte ist zwar über 200 Jahre alt, doch gerade jetzt, in der Zeit von „Me too“ überaus aktuell. Außerdem Teil des Zentral-Abiturs in Deutsch. Und beileibe nicht nur tragisch, sondern auch an vielen Stellen komisch. Wie aus der Geschichte ein Theaterstück wurde, erzählen Suanne Hocke und der gebürtige Lüner Jürgen Larys vom „Artensemble-Theater“.

Wie kamen Sie auf die Idee, aus einer Novelle ein Theaterstück zu machen?

Larys: Wir haben die Anfrage eines Veranstalters erhalten, ob wir uns nicht an die „Marquise von O.“ wagen wollten. Ich hab gesagt, Susanne, mach du das bitte. Mir war bei diesem Stück die weibliche Perspektive wichtig, gerade im Hinblick auf die Me-too-Debatte.
Hocke: Ich weiß gar nicht, ob ich da wirklich die weibliche Perspektive so stark in den Vordergrund gestellt habe.

Wie haben Sie sich der Kleist-Geschichte angenähert?

Hocke: Erst hat Jürgen die Novelle gelesen und dann habe ich sie meinen Eltern am Strand der Insel Hiddensee vorgelesen und wir haben oft gelacht. Das hätte ich nicht erwartet. Übrigens verwechseln offenbar viele Leute die Novelle mit einem ähnlich klingenden Film aus den 70er Jahren.

Zwei Aufführungen

Noch Karten erhältlich
  • Die Inszenierung der „Marquise von O.“ hatte am 15. März im „Tango La Boca“ in Bochum Premiere.
  • In Lünen beschließt sie die diesjährige Saison der Studioserie am Dienstag, 21. Mai, um 20 Uhr im Hilpert-Theater.
  • Am Mittwoch, 22. Mai, um 13 Uhr gibt es eine weitere Vorstellung im Hilpert-Theater für Schüler und Senioren.
  • Karten sind für beide Veranstaltungen erhältlich im Kulturbüro, Hansesaal, Kurt-Schumacher-Str. 41, Tel. (02306) 104 22 99.

Wie haben Sie die Geschichte für die Bühne bearbeitet?

Hocke: Eigentlich ist diese Novelle wie dafür gemacht, dass man sie vorliest. Denn es kommt nur wenig wörtliche Rede vor. Es würde die Geschichte zerstören, wenn man daraus ein reines Dialog-Stück machen würde. Deshalb beginnt meine Inszenierung auch damit, dass wir uns gegenseitig vorlesen. Ich spiele die Marquise und auch den Vater und ziehe auf der Bühne dann auch ein historisches Kostüm als Marquise an. Jürgen bleibt in moderner Kleidung und spielt den Grafen und die Mutter, die eine sehr große Rolle ist.
Larys: Es ist eine sehr emotionale Geschichte, hochdramatisch aber mit einem gehörigen Schuss Humor.
Hocke: Und einem ordentlichen Schuss Theatralik. Es reizt die Zuschauer zu den wildesten Spekulationen, wer denn nun tatsächlich der Vater des Kindes ist. Aber Kleist hat bewusst offen gelassen, wer der Täter ist, wer die Marquise geschwängert hat. Obwohl er es bewusst darauf angelegt hat, dass jeder denkt, es sei der Graf.

Sie spielen das Stück auch für angehende Abiturienten, denn es ist Teil des Zentral-Abiturs. Muss man da bei der Inszenierung etwas besonders beachten?

Hocke: Wenn ich für Abiturienten spiele, schaue ich mir vorher an, welche Interpretationsmöglichkeiten den Schülern an die Hand gegeben werden. Auch wenn wir mit einigen nicht einverstanden sind, wir legen Fährten, die in die Gegenrichtung gehen.

Was fasziniert Sie so an der Geschichte?

Hocke: Sie ist für mich typisch Kleist - es gibt nur ein Schein-Happy-End, alles ist sehr brüchig. Die Personen sind zudem alle nicht dazu angetan, dass sich der Zuschauer im positiven Sinn mit ihnen identifiziert.
Larys: Wir haben auch schon Buchungen für 2020. Ende April spielen wir die „Marquise von O.“ in Köln, Anfang Mai in Putbus auf Rügen.

„Dank“ Me too ist 200 Jahre alte Geschichte wieder hochaktuell

Susanne Hocke als Marquise von O. mit Jürgen Larys als Graf F. © Klaus Lefebvre

„Die Marquise von O.“ beschließt die Studioserie in dieser Saison. Wie lange gestaltet Ihr Artensemble-Theater die Lüner Studioreihe schon mit?

Larys: Wir standen 2008 das erste Mal in Lünen auf der Bühne. Seit 2010 waren wir bei der Studioreihe mit dabei. Dann wurde die Serie eingestellt und wir haben Studiostücke im freien Verkauf angeboten. Seit es die Studioserie wieder gibt, sind wir auch dabei und haben mittlerweile viele Stücke aus unserem Repertoire in Lünen gespielt.

Sind Sie mit dieser Spielzeit in Sachen Studioserie zufrieden?

Larys: Künstlerisch sind wir total zufrieden. Wir haben echte Perlen gezeigt, wie „Babylon“ von Neville Tranter, dem besten Puppenspieler der Welt, oder das Tanztheater „The Man“ mit zwei Tänzern aus dem Ensemble von Pina Bausch. Ich würde mir wünschen, dass das Publikum es mehr honoriert, dass hier so hochkarätige Leute ganz nah zu sehen sind. Das Kulturbüro wird die Studioserie weiter im Spielplan haben.

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