Das sagt eine Marketing-Expertin zum Lüner Slogan

"Je oller, je doller"

Lünens Slogan zum Stadtjubiläum fiel bei unserer Online-Leserschaft nicht auf fruchtbaren Boden - mit großer Mehrheit bekam er die Schulnote Sechs. Fraktionen und Werbegemeinschaften stehen ihm nicht so negativ, aber geteilt gegenüber. Doch wie beurteilt eine Expertin für Werbung und Marketing die Wahl des Spruchs?

LÜNEN

, 20.08.2016 / Lesedauer: 3 min
Das sagt eine Marketing-Expertin zum Lüner Slogan

"Je oller, je doller" - mit dem Rollator zur Stadtfeier.

"Je oller, je doller" - diese Wörter sollen Lünen im Jubiläumsjahr 2016 beschreiben. Zu den Feierlichkeiten für 675 Jahre Stadtrecht soll der Slogan "Aufmerksamkeit mit Humor erzeugen", wie Claudia Kawecki von der städtischen Marketing-Abteilung bei der Vorstellung der Kampagne erklärte. Er solle das Wir-Gefühl stärken und die Stärken der Stadt betonen. 

Zwar habe es von Anfang an Kritik gegeben, aber auch positive Rückmeldung habe die Stadt erhalten, sagte Kawecki. Doch die habe es auch bei der 2015er Kampagne mit dem Lünen-L - Daumen und Zeigefinger ausgestreckt wie der Buchstabe L - gegeben. 

Online-Leserschaft ist nicht angetan vom Slogan

Die Abstimmung auf unserer Internetseite fiel hingegen vernichtend aus. Von 1574 abgegebenen Stimmen lauteten 1156 eindeutig: Schulnote Sechs. Repräsentativ ist diese Umfrage jedoch nicht, es war durchaus möglich, mehrfach seine Stimme abzugeben.

Doch das Stimmungsbild ist eindeutig. "Die ganzen Festivitäten und auch der Spruch passen doch wunderbar zu Lünen, wunderbar einfallslos", kommentierte Internet-Leser Marcio80, bei Nutzer The GoodGerm weckt er sogar Befürchtungen für die Zukunft: "Der 'Jubiläums-Slogan' lässt mich jedenfalls irgendwo zwischen Lachen und Weinen zurück. Mir graut schon vor dem 700. Geburtstag..." Auch normalo84 fühlt sich von dem Slogan nicht repräsentiert: "Ich stelle diese Stadt ja schon Jahre in Frage, aber jetzt fange ich [an] mich für diese Stadt zu schämen."

Doch wie beurteilt eine Expertin die Werbewirksamkeit des Slogans?

Dr. Sonja Gensler lehrt und arbeitet an der Universität Münster. Ihre Fachgebiete sind Marketing, insbesondere das Management von Kundenbeziehungen und digitales Marketing.

Frau Gensler, was ist Ihr Eindruck von dem Slogan "Je oller, je doller"? Ich halte ihn für etwas salopp. Die Herkunft dieses Spruches hat ja auch etwas Schlüpfriges. Für mich klingt das eher nach Kölner Karneval.

Das offene Wiki-Wörterbuch gibt die Bedeutung so an: "Ältere Menschen sind durchaus (oder gerade) draufgängerisch oder zum Beispiel sexuell aktiv."

Wie gut passt er dann zu einer Stadt? Marketing für eine Stadt sollte stets die Einzigartigkeit repräsentieren und den Bürgern Möglichkeit geben, sich mit dem Slogan und der Stadt zu identifizieren. Das sehe ich in diesem Fall nicht, der Slogan ist austauschbar, jeder ältere Ort könnte ihn nutzen. 

Wie sehen Sie die Verbindung mit der Image-Kampagne aus dem vergangenen Jahr mit dem Lünen-L? Auch das finde ich schwierig, vor allem angesichts der schwierigen Finanzlage der Stadt und der Finanzierung der Feierlichkeiten zum Jubiläum. (Veranstaltungen wurden wegen fehlender Gelder abgesagt, Anm. d. Redaktion) Die Konnotation dürfte vor allem für Jugendliche eher negativ sein, denn das L steht schließlich nicht nur für Lünen, sondern gerade bei jüngeren Menschen eher für Loser - Verlierer. 

Haben Sie ein positives Gegenbeispiel für Stadtmarketing? Eine Zeit lang habe ich in Groningen gelebt, den Slogan der Stadt fand ich gut: "Es geht nichts über Groningen." Zum einen zeugt er von einem gesunden Selbstbewusstsein, mit einer Prise Ironie, zudem passt er geographisch. Denn nördlich von Groningen gibt es keine größere Stadt mehr. 

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